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Mein Buch — Rezension

Fotos: Elisa Bauer Text: Jens Thiele Bilderbücher, die ihre Adressaten aus der Rezeptionshaltung heraus­locken und zur aktiven Gestaltung motivieren wollen, haben es auf dem Buchmarkt traditionell schwer. Sie werden oft in die Sach- und Spielbuchecke gedrängt. Einen ähnlich schweren Stand haben Bilderbücher, deren Illustrationen von Kindern und nicht von professionellen Illustratoren angefertigt werden; auch sie sind auf dem Markt nicht nachgefragt, wie zahlreiche Versuche belegen. Mit diesen beiden Hypotheken geht Mein Buch an den Start, ein Projekt, das in der grund_schule der künste an der Universität der Künste Berlin in Kooperation mit wamiki entwickelt wurde. Es geht um einen offenen, kreativen Umgang mit Sprache und Bildern, mit Buchstaben, Wörtern und Bildzeichen. Es geht um Zugänge zur Bildung durch eigene Erfahrungen mit dem Erzählen von Geschichten. Was zunächst nach einem Lernlesebuch für die Grundschule klingt, ist tatsächlich etwas grundlegend Anderes. Das wird schon am Design deutlich: Man öffnet nicht ein Buch, sondern eine Pappschachtel, in der drei Hefte sowie zwei dicke Buntstifte liegen, ergänzt durch einen Stapel leerer Buchseiten. Heft 1 bietet Ansätze von Geschichten, überwiegend in Bildern erzählt, die Kinder angefertigt haben. Diese Geschichtsanfänge können weitererzählt oder umgedeutet werden, durch eigene Zeichnungen auf freien Heftseiten oder durch Hineinzeichnen in vorhandene […]
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Stian Holes Traumwelten

Von geheimen Orten, Wasserlilien und zarten Gefühlen Text: Kirsten Winderlich „Noch nie habe ich ein Kind gehört, das das Wort Kitsch oder einen ähnlichen Begriff benutzt hätte. Ich glaube, dass Kitsch in der Kinderperspektive nicht existiert. Wenn also heute jemand sagt, meine Traumsequenzen seien nahe am Kitsch, macht mir das keine Angst mehr.“ (Stian Hole 2016) Zeitgenössische Bilderbücher können aufgrund ihrer Geschichten zwischen Bild und Text auf besondere Weise berühren und von Gefühlen erzählen, die so schwer in Worte zu fassen sind. Der mehrfach ausgezeichnete norwegische Künstler Stian Hole ist ein Meister dieses Genres. Er darf einfach in keiner Schule oder Kita fehlen! Bilderbücher von Stian Hole Stian Hole erzählt Geschichten von Kindern und Gefühlen. Es sind die großen Gefühle wie Liebe, Angst, Wut und Trauer, die ihn interessieren, und die er in seinen Bilderbuchgeschichten zum Erscheinen bringt, ohne diese im Text plakativ zu benennen. Vielmehr scheinen es die Erlebnisse der Protagonisten, ihr Denken und Fühlen sowie die subtilen Bilder und poetischen Texte zu sein, die uns involvieren. Holes Bilder zeichnen sich durch eigenwillig digital bearbeitete Montagen aus Fotografien, Zeichnungen und Gemaltem aus. Ein Wechselspiel von realistischen Motiven, surrealen Verfremdungen, ungewöhnlichen Perspektiven sowie Verschiebungen der Größenverhältnisse lassen uns in Traumwelten […]
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Schluckauf-Dada

Text: Kirsten Winderlich Das Bilderbuch „Hick!“, wohlgemerkt mit Ausrufungszeichen, widmet sich dem Schluckauf. Anushka Ravishankar und Christiane Pieper setzen sich in Text und Bild mit dem uns allen bekannten glucksenden Geräusch auseinander, das durch ein reflexartiges Zusammenziehen des Zwerchfells und damit verbundenen ruckartigem Einatmen entsteht. Wir können uns wahrscheinlich alle daran erinnern, welche Gefühle der erste bewusst erlebte Schluckauf bei uns ausgelöst hat. Die Bandbreite reicht von Erschrecken, Beklemmung, Wut und Scham bis hin zu Staunen und Belustigung. Unabhängig davon, in welche Richtung unser Gefühlsbarometer beim Eintreten dieser nur schwer zu kontrollierenden körperlichen Regung ausschlägt, sind wir dem Schluckauf in der konkreten Situation immer ausgeliefert. Das mag auch der Grund sein, weshalb es unzählige Ratschläge und Rituale zu seiner Bekämpfung gibt – und dieses anscheinend weltweit. Den Schluckauf als ein alle Kinder, unabhängig von Herkunft und Kultur, verbindendes leib-sinnliches Phänomen verstehend, führen die Bilderbuchmacherinnen ausgewählte Strategien vor, den „Hick“ in seine Schranken zu weisen. Angeregt von den absurden Versen der indischen Nonsens-Dichterin Anushka Ravishankar visualisieren die mit einem Risographen* gedruckten Bilder von der Illustratorin und Comiczeichnerin Christiane Pieper einen grotesken Möglichkeitsraum zum Umgang mit dem „Hick“ und seinen Folgen. „Jede Illustration ist eine visuelle Überraschung: Eine Seite gibt Anweisungen, auf […]
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Alte Menschen im Bilderbuch

Zwischen Geborgenheit und Verlorenheit Text: Kirsten Winderlich Kinder haben heute immer seltener Gelegenheiten, alten Menschen zu begegnen, mit ihnen Zeit zu verbringen und gemeinsame Erfahrungen zu teilen. Das Zusammensein mit alten Menschen ist vielleicht gerade aus diesem Grund häufig von ambivalenten Gefühlen der Geborgenheit und Befremdung geprägt. Erzählen Bilderbücher von alten Menschen, so tun sie dieses häufig in Bezug auf den Tod. Abschiednehmen, Verlust und Trauer stehen im Vordergrund. Das Eigensinnige des Alters, das Kinder zugleich anzieht und befremdet, rückt in den Hintergrund. Ohne die Bedeutung des Todes in Bezug auf das Thema Alter schmälern zu wollen — ihm gebührt ein eigener Beitrag — möchte der folgende Text auf Bilderbücher Lust machen, die Zugänge zu alten Menschen eröffnen und sie, neben allen Differenzen zwischen Jung und Alt, als Bereicherung erfahrbar machen. Drei Bilderbücher werden vorgestellt, die auf unterschiedliche und eigensinnige Weise über die Begegnung zwischen Kindern und alten Menschen erzählen. Kinderspiele In dem Bilderbuch »Die seltsame Alte« von Adelheid Dahimène und Heide Stöllinger trifft ein sieben- oder achtjähriges Mädchen auf eine alte Frau, die ihm zuerst befremdlich ist, Angst zu machen scheint, im gemeinsamen Spiel jedoch immer vertrauter wird. Das Kind und die Alte spielen das seit Generationen auf der […]
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Neue Impulse für Bildungsprozesse in der Kindheit

Das Zeitgenössische Bilderbuch Text: Kirsten Winderlich Bilderbücher bieten mehr als Motivation, Anschauung und Gesprächsanlass. Oft werden Bilderbücher nur als eine Vorstufe für das spätere eigenständige Lesen betrachtet. Dabei vermögen sie viel mehr: Zeitgenössische Bilderbücher können eigenständige und eigensinnige Bildungsräume in der frühen Kindheit eröffnen. Durch ihre besondere »Sprache« finden Kinder in ihnen vielfältige Anregungen für eine spezifische und aktive Auseinandersetzung mit ihrer Umwelt. In diesem Sinne knüpft das Zeitgenössische Bilderbuch an das im Kontext aktueller Kindheitsforschung beschriebene Bild vom Kind als eigenständiger und eigenaktiver Mensch, der sich mit seiner eigenen und individuellen Weise mit der Welt und den anderen auseinandersetzt, an. Entsprechend zeigt das Zeitgenössische Bilderbuch Kinder, die mit Hilfe ihrer eigenen Ideen und Phantasie, mit Hilfe ihrer eigenen Kreativität selbstbewusst in der Welt zurechtkommen. Anders das traditionelle Bilderbuch: Hier leben Kinder nur in Begleitung und mit Unterstützung Erwachsener oder in einem eigens für sie geschaffenen und von Erwachsenen geschützten Raum. Darüber hinaus zeichnet sich das Zeitgenössische Bilderbuch durch vielschichtige Bild-Text-Verknüpfungen aus, die anders als im traditionellen Bilderbuch keine der Geschichte primär dienende Funktion innehaben (vgl. Thiele 2000; Kohl 2005), sondern ein »Mehr« an Bedeutungen eröffnen und damit eine Multiperspektivität zulassen. Diese Ästhetik, die für viele Erwachsene wegen ihrer eigenen […]
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Kindsein

Zugänge zum Denken, Handeln und Fühlen von Kindern Text: Kirsten Winderlich Es ist unumstritten, dass die Weichen für das Leben in der frühen Kindheit gestellt werden. Die Art und Weise, wie Kinder in den ersten Jahren aufwachsen, wie sich die Beziehungen zwischen ihnen, ihren Eltern und Begleitern gestalten, trägt maßgeblich dazu bei, dass sich die kleinen Menschen zu selbstbewussten und starken Kindern entwickeln, die in der Lage sind, sich die Welt zu erschließen. Was aber bedeutet Kindsein in der frühen Zeit? In jüngster Zeit fallen zunehmend Bilderbücher auf, die Erwachsenen Zugänge zum Kindsein vermitteln, weil sie vom Spiel kleiner Kinder genauso erzählen wie von ihrer besonderen Verletzbarkeit und ihrem Bedürfnis nach Nähe und Geborgenheit. Verletzbarkeit Wie verletzbar kleine Kinder sind, vermittelt das Bilderbuch »Schreimutter« von Jutta Bauer. Eine Pinguinmutter schreit ihr Kind derart an, dass es daran zerbricht. Wir erfahren diese sich körperlich und seelisch direkt auswirkende verbale Gewalt und ihr Ausmaß aus der Perspektive des Kindes. Die Bilder zeigen, wie die einzelnen Körperteile auseinanderfliegen und sich auf der ganzen Welt verteilen. Der Kopf schwirrt im Weltall umher, der Körper des kleinen Pinguins stürzt ins Meer. Wir wissen, was das bedeutet. Er wird versinken, unauffindbar irgendwo auf dem Meeresgrund liegen. […]
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Vom Sterben, Abschiednehmen und Trauern

Text: Kirsten Winderlich Wenn Kinder ein geliebtes Tier verlieren, wenn ein Freund oder ein Familienmitglied stirbt, versuchen sie, diesen Verlust zu begreifen. Sie stellen Fragen, um sich das für sie Unerklärliche zu erschließen, und bringen ihre Gefühle zwischen Wut, Traurigkeit und Aggression zum Ausdruck. Die Umgebung, die nahen Erwachsenen sind dabei von immenser Bedeutung. Durch einfühlsames Zuhören können sie Kinder bei ihren Nachforschungen begleiten und den Trauerprozess unterstützen. Die folgenden Bilderbücher erzählen von Kindern und Erwachsenen, die ein geliebtes Tier oder einen nahen Menschen verloren haben und versuchen, den Tod und Verlust zu begreifen und zu verarbeiten. Annähern und Verinnerlichen In der Geschichte »Adieu, Herr Muffin« von Ulf Nilsson und Anna-Clara Tidholm nimmt ein Mädchen Abschied von seinem geliebten Meerschweinchen und begleitet es beim Sterben. Herr Muffin lebt ganz allein in seinem Haus, einem umgedrehten blauen Karton. Vor dem Haus befindet sich ein Briefkasten, in dem die Familie, bei der er wohnt, immer Leckereien für ihn bereitlegt. An einem Dienstag findet er dort einen Brief von dem Mädchen, das ihn in sein Herz geschlossen hat. Das Mädchen macht sich Sorgen und schreibt: »Herr Muffin, ich bin so traurig, weil Papa sagt, dass alte Meerschweinchen plötzlich sterben können…« Herr Muffin frisst […]
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Fremde Länder und Kulturen

Text: Kirsten Winderlich Wie leben Nomaden im hohen Norden? Wie fühlt sich Finnland an? Woher kommen die Geschichten in Ägypten? Und welche Bedeutung haben chinesische Schriftzeichen für das Leben und die Kunst in China? Bilderbücher eröffnen Einblicke in fremde Kulturen und Welten. Autoren, die sich mit fremden Ländern auseinandersetzen, sind oft in mehreren Kulturen zu Hause, können aus diesem Grund einen multifokalen Blickwinkel einnehmen, zeigen vertraut Erscheinendes wie Unbekanntes und bringen dadurch die Grenzen zwischen dem Eigenen und dem Anderen ins Wanken. Vermutlich hätten sich vier- und fünfjährige Kinder vor dem Betrachten des Bilderbuchs »Die Abenteuer des jungen Welzls« von Peter Sis nicht vorstellen können, dass die Inuit, die im hohen Norden in eisiger Kälte um ihr Überleben kämpfen, Kunst produzieren, sammeln und ausstellen. Die Kinder erhalten nicht nur eine Vielfalt neuer Informationen, sondern lernen beim Betrachten aktueller Bilderbücher auch eine Vielfalt von Möglichkeiten kennen, sich dem Fremden zu nähern. So erfahren sie zum Beispiel in dem sehr persönlichen »Notizbuch« Mohieddin Ellabads, wie sie sich durch das Sammeln und Anordnen von Dingen, Postkarten, Fotos und Zeichnungen immer wieder neue und spannende Zugänge zum vermeintlich Bekannten im eigenen Alltag verschaffen können. Chen Jianghong zeigt ihnen in seiner Geschichte »Han Gan und […]
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Gender-Perspektiven

Text: Kirsten Winderlich In Zeitgenössischen Bilderbüchern, die sich mit der Lebenswelt von Kindern, von Jungen und Mädchen auseinandersetzen, scheint die Integration von Gender-Perspektiven selbstverständlich. Im Hinblick darauf können wir in den Bilderbüchern vielfältige Umgangsweisen ausmachen. Doch sensibilisieren sie auch für die vielschichtige und differenzierte Wahrnehmung von Jungen und Mädchen, die sich dem Subjektiven in der Aneignung von Geschlecht verpflichtet? Sind Jungen mackerhaft und Mädchen sanft? In ihrem Bilderbuch »Echte Kerle« versucht Manuela Olten, traditionelle geschlechtsspezifische Rollenbilder in Frage zu stellen, indem sie das Rollenmuster des mackerhaften Jungen persifliert. Die Malerei zeigt zwei Jungenfiguren, an die Puppen Ernie und Bert erinnernd, in ihrem Doppelgitterbett wie auf einer Bühne und fokussiert dabei Gesichter und Mimik. Die Klischeevorstellungen zu »Mädchen« werden immer wieder vor rosa oder apricotfarbenem Hintergrund wie ein Bild im Bild projiziert. Wir sehen ein Mädchen, das Kragenkleid zugeknöpft, die Zöpfe zwar abstehend, aber brav gekämmt und geflochten, das die widerspenstigen Haare seiner Puppen bürstet und sie ebenfalls mit Zopffrisuren versieht. Ein anderes Bild zeigt das Mädchen in Herzchen-Bettwäsche, die Augen angstvoll aufgerissen, die Stofftiere und Teddys fest umklammernd. Und schließlich präsentiert ein Bild ein Mädchen im Nachtzeug, das sich in die Hose macht. Über all diese Vorstellungen und Vorurteile amüsieren […]
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Tabuthema Tod?

Text: Kirsten Winderlich Wenn wir Kinder dabei begleiten wollen, sich auf den Weg zu machen, um die Welt zu ergründen und zu erforschen, müssen wir uns auch ihren Fragen nach dem Tod stellen. »Warum müssen Menschen sterben?«, »Was passiert mit den Menschen und Tieren, die gestorben sind?«, »Wann muss ich sterben?« – solche Fragen beschäftigen schon Kinder im Kindergartenalter. Bilderbücher können ihnen einen ästhetischen Erfahrungsraum eröffnen, um sich einem Thema in Ruhe und Geborgenheit zu nähern, auf das auch Erwachsene keine einfachen Antworten finden. Über die Nähe von Leben und Tod Dass der Tod zum Leben gehört, wissen wir. Dennoch halten wir ihn uns gern vom Leib und wollen zu Lebzeiten nichts mit ihm zu tun haben. Macht er uns doch Angst und raubt uns Gelassenheit. Dass es auch unvermutete Möglichkeiten des Umgangs mit der Endlichkeit irdischen Lebens gibt, davon handelt Wolf Erlbruchs Bilderbuch »Ente, Tod und Tulpe«. Erlbruch erzählt in seinen auf das Wesentliche reduzierten Bildern vor weißem, leerem Hintergrund von einer Ente, die auf den Tod trifft, Zeit mit ihm verbringt, schließlich stirbt und vom Tod im Wasser beigesetzt wird. Die Ente, Personifikation des aufrechten, stolzen Lebens, begegnet dem Tod, der als eine dürre Frau mit überdimensioniertem Totenschädel […]
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