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Vom Sammeln und Imaginieren
Bruno Munari (wieder)entdeckt

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Vom Sammeln und Imaginieren
 — Bruno Munari (wieder)entdeckt


Text: Kirsten Winderlich
Fotos: © Bruno Munari. All rights reserved to Maurizio
Corraini s. r. l.
Repros: Niklas Boockhoff

 

Ist das ein Stein oder eine Insel? Oder vielleicht doch ein Stein?

»From afar it was an island« (1971/2006) ist ein Fotobuch des Künstlers und Designers Bruno Munari (1907–1998). Es thematisiert einen häufig unterschätzten Aspekt von Bildung, wenn nicht sogar ihren Grund: die Fähigkeit zur Imagination, zur Einbildungskraft, die in Anlehnung an Bernhard Waldenfels (1990) die wahrgenommene Welt als andere erscheinen lässt. (1)
Blicken wir auf Munaris Leben und Schaffen, ist dieser Fokus nicht verwunderlich. Als Künstler, geboren im frühen 20. Jahrhundert, war er Teil der futuristischen Bewegung. Sein künstlerisches Schaffen umfasst ein breites Spektrum und hinterfragt dabei immer wieder unsere Alltagskulturen auf humorvolle Weise. So lässt uns Munari auch in seinen Kinderbüchern unsere gewohnten Sichtweisen auf die Dinge der Welt in Frage stellen.


Am Strand

Sofort beim ersten Blättern durch die Seiten, gefüllt mit Schwarz-Weiß-Fotos von Steinen und Landschaften, treten Kindheitserinnerungen wie eine Ode an das Sammeln zu Tage. Wer kann sich nicht an den glühend heißen Sand unter den Füßen an einem Tag am Meer erinnern? Wer hat keine Steine gesammelt? Und wer hat sich kurz vor Sonnenuntergang nicht verzweifelt nach Transportmöglichkeiten umgeschaut, ganz in Sorge, auf einen der gehorteten Fundstücke verzichten zu müssen? Undenkbar wäre das gewesen! Und zu Hause angekommen, ging es erst richtig los. Ein Versteck musste gefunden werden. Gut getarnt musste es sein, so dass niemand es finden und plündern konnte. Und gleichzeitig sollte es für einen selbst zu jeder Zeit zugänglich sein, sodass der Schatz immer wieder aufs Neue betastet und bestaunt werden konnte.
Munaris Buch erzählt von einer kollektiven Leidenschaft. Über die Abbildung der unterschiedlichen Erscheinungsformen von Steinen ist sein Buch auch als ein Lexikon über ein scheinbar alltägliches Objekt zu verstehen. Herausgelöst aus ihrem ursprünglichen Kontext und fotografiert vor reizarmem Hintergrund, werden uns die Steine in ihrem Facettenreichtum wie archäologische Fundstücke präsentiert.

»So many stones all different: one very shiny black one, one dull white one, one yellow as a pumpkin, one red as a tiny cherry, one is chocolate-coloured, one black with a white stripe, one green with spots in a different green, one grey and black, one gleams as if it contained fragments of glass […].« (2)

Über dieses poetische Lexikon hinaus werden uns über Bild und Text Vorschläge für das Sammeln und Ordnen der Steine gegeben. Zum Beispiel wird empfohlen, eine Sammlung von Gegensätzen anzulegen:

»You could make a collection of contrast: a spherical stone and a cubic pyrite, a very white stone and a very black one, a long narrow one and another narrow and long (?).« (3)


Fundstücke

Munari konkretisiert seinen Vorschlag, eine Sammlung anzulegen, exemplarisch über eine Steinart aus Ligurien. Die Fundstücke zeichnen sich auf spezifische Weise durch Kontraste aus, durch weiße Linien auf grauem Hintergrund. Zur Veranschaulichung werden folgende Familien benannt: Steine, deren Linien sich durch ein Zusammenspiel feiner und stark ausgeprägter Linienführungen ausweisen, oder Exemplare, deren Linien parallel verlaufen oder sich kreuzen.
Die Auseinandersetzung mit den individuellen Linienmustern regt an, mit ihnen zu spielen und zu experimentieren. Munari fragt uns:
»Have you ever tried to align a lot of stones, the ones that have a white line?« (4)
Auf einem Foto ist zu entdecken, wie die Steine so nebeneinandergelegt wurden, dass die Linien sich zu einer langen Linienführung verbinden und der Stein als Objekt im Vergleich zu seiner Zeichnung in den Hintergrund tritt.
Als Gegenüber dieser langen Linie werden in der Folge Steine gesetzt, die über ihr Liniengewirr auffallen. Munari greift dieses Phänomen auf und führt dessen Imaginationspotenzial im buchstäblichen Sinne vor. So regt er an, sich vorzustellen, die Linien seien ein Durcheinander von Kriechpflanzen. Auf der Folgeseite ist ein Affe zu entdecken, der in den Linien wie in einem Baum hängt. Die Lust am Transformieren der abstrakten Linienformationen in konkrete Szenen und Bilder ist geweckt. Munari gibt uns Hinweise, wie wir das – nicht nur technisch! – umsetzen können. Er rät:

»Before you draw anything though, you should observe the nature of the marks on the stone carefully and then decide what you want to draw and were.« (5)

Ein Dampfboot fährt bin die Ferne. Ein Erwachsener und ein Kind schauen auf das tosende Meer. Ein Mensch geht seinen Weg im Regen, bergauf und bergab. Ein Anderer macht sich auf in den Wald, um Pinienkerne zu sammeln .. All diese Beispiele regen an, sich selbst mit schwarzer Tinte zu probieren und Geschichten zwischen den Linien zu erzählen.


Landschaften

Selbstverständlich gibt es neben der Vielfalt an Natursteinen, den Steinen von den Stränden Liguriens im Besonderen, auch noch andere Steine. So listet Munari Kunststeine, die über die englische Bezeichnung »fake stones« nicht nur mit »künstlich« übersetzt, sondern darüber hinaus in den Kontext des Künstlerischen katapultiert werden können. Aufzuzählen wären diesbezüglich u.a. der Pinienkorkenstein, der Palmenholzstein, der Seekieferholzstein oder der schwimmende Bimsstein.

Hat Munari erneut unsere Wahrnehmung für die Vielfalt von Steinen sensibilisiert, fordert er uns im Folgenden heraus, Steine noch genauer zu betrachten. Er widmet sich Exemplaren, die aufgrund ihrer Form und Oberflächengestalt an Landschaften erinnern und entsprechende Bilder hervorlocken, zum Beispiel: »A stone with Palaeolithic grottoes (can it be true?)«(6) oder: »A stone with a plateau. This stone should be seen as if it were a ›model mountain‹.«(7) Mit seinen Texten malt Munari darüber hinaus Szenarios, die uns mögliche Landschaften sinnlich vor Augen führen:

»[…] see the plateau in the top part. There is also a part near the two protruding rocks on the left where you can go an shelter from the sun in the summer. Then, near there, is a small path that leads to the top from where you can see the famous lake Homonymous. Provided of course that it isn’t foggy.«(8)

»From afar it was an island, with its buildings, terraces and various sloping sursaces. There are no people or animals. Even the seagulls keep away.«(9)

Das Ding, das Fundstück, der Stein verändert sich durch unseren Blick. Doch nicht nur von Weitem oder aus der Distanz. Vielmehr führt uns Munari vor, wie unsere Einbildungskraft durch intensive und wiederholte Wahrnehmung in Gang gesetzt wird und dabei das Imaginierte in die Welt bringt und für andere verfügbar macht.

Auf der letzten Seite zeigt uns Munari noch einmal seine Insel, nun aber als Ort, an dem er sich selbst zeigt.

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(1) Vgl. Waldenfels 1990, 209
(2) Munari 2006, 6
(3) Ebd., 10
(4) Ebd., 16
(5) Ebd., 21
(6) Ebd., 34
(7) Ebd., 35
(8) Ebd.
(9) Ebd., 42

Literatur
Munari, Bruno (2006): From afar ist was an island. Verona.
Waldenfels, Bernhard (1990): Der Stachel des Fremden. Frankfurt a.M.