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Die gelben Gummistiefel

Die gelben Gummistiefel Isabel Pin Text: Kirsten Winderlich Fotos: Sophia Ashraf und Lucia Leonhardt Wer kann sich nicht daran erinnern, als Kind etwas zum Anziehen von Verwandten oder Freunden zu erben in Aussicht gestellt bekommen und diesem sehnsüchtig entgegengeblickt zu haben? In vielen Familien wandern zu klein gewordene Kleidungsstücke und Schuhe wie ein Staffelstab oft zum nächsten. Dieses Ritual der Weitergabe wird dabei neben Gründen der Nachhaltigkeit nicht selten als verbindender Moment praktiziert. So ist es auch mit den gelben Gummistiefeln in Isabel Pins kurzweiliger, eine große Patchwork-Familie umspannende, Bilderbuchgeschichte. Welche Bedeutung die gelben Stiefel für alle haben, wird sofort im Schriftbild erkennbar, denn das dazugehörige Adjektiv wie Substantiv und Personalpronomen sind im Text immer gelb gesetzt. Ebenso leuchtet der lautmalerische stolze Freudenschrei kurz vor der Übergabe an die Erzählerin »Tadaa!« gelb. Im Bild zelebrieren fein konturierte und mit Aquarell und Gouache kolorierte wie sequentiell angelegte Zeichnungen die Weitergabe des allseits geliebten gelben Schuhwerks in alltäglich-grotesken Situationen. So gehörten diese anfänglich der größeren Schwester der Ich-Erzählerin. Zur Einschulung schlug Anna extra für diesen Anlass gekaufte schwarze Ballerina aus. Verständlicher Weise war ihr ein wenig mulmig vor dem ersten Schultag. Aber was konnte sie bei diesem großen Ereignis besser unterstützen als […]
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Wieder da!

Wieder da! Ein Bilderbuch aus dem Land der Cree Julie Flett Text: Kirsten Winderlich Fotos: Sophia Ashraf und Lucia Leonhardt Tschack-Chrrsch! Was für ein Geräusch! Da muss ich hin, sehen, was passiert! Näher und näher und wieder weg! Wie schade und gleichzeitig, wie spannend! Also haw êkwa! Los geht’s! Vögel begleiten mich bei meinem Sprung und Sprint nach draußen. »Im Park male ich mir aus, wie ich selbst Rollbrett fahre, auf dem Weg, der sich windet wie ein Fluss«, erzählt die Bilderbuchkünstlerin. Das Skateboard fordert dabei nicht nur heraus, während der Fortbewegung Balance zu halten, sondern darüber hinaus, diese besondere Bewegungskunst durch zahlreiche Tricks zur Meisterschaft zu bringen. Und wie! Julie Flett, Mitglied der kanadischen Cree-Gemeinschaft, erzählt in ihrem Bilderbuch, wie sich ein Kind durch intrinsisch motiviertes und beharrliches Üben das Skateboardfahren aneignet und über das »Reiten« der Asphaltwogen an Selbstvertrauen gewinnt. Die überwiegend doppelseitigen Bilder im Längsformat mit Collagen aus flächensprengender wie lasierender Gouache-Malerei und zarten Zeichnungen bilden dabei die Bühne für die Bewegung der Kinder. Durch die fast silhouettenhafte Ausarbeitung der klar konturierten Figuren kommt diese dabei noch stärker zum Erscheinen. Der spannungsreiche Wechsel der Bildausschnitte hält uns in Atem. Wie in einem Bann können wir diesem Selbstermächtigungsprozess […]
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Schlich ein Puma in den Tag

Schlich ein Puma in den Tag Verena Pavoni (Ill.) Lena Raubaum Text: Kirsten Winderlich Fotos: Sophia Ashraf und Lucia Leonhardt Ein paar hellbraune Striche auf weißem Grund lassen auf der ersten Seite rätseln. Weitere geben Form und Farbe auf der nächsten Seite. Dann erscheint ein raubtierartiger Kopf. Ein Löwe vielleicht … der uns Betrachtenden mit strahlend-stechenden Augen direkt anblickt. Im Folgenden tritt uns dieser wie durch eine milchig-glasige Scheibe gegenüber. Und dann: Eine stückweise schwarze Verwandlung. Immer noch sticht ein Auge hervor. Kein Löwe, sondern: »Schlich ein Puma in den Tag / regte sich / bewegte sich«, heißt es im poetischen Text von Lena Raubaum. Das schwarze Quadrat verdeckt den Puma fast vollständig. Aber nur beinahe, denn die Konturen von Kopf, Ohren, Augen, Schnauze, Nase und Maul sind noch erkennbar. Wie kann das sein? Ein Geheimtipp auf den letzten Seiten, über die wir angeregt werden, eigene Bilder dieser Art, der Wachskreide-Sgraffito, herzustellen, verrät es. Denn dort erzählt die Malerin Verena Pavoni folgendes: »Wenn du den Formen nachzeichnest, sind diese noch sichtbar, auch wenn das Bild ganz schwarz geworden ist.« Auf den nächsten Seiten legt die Künstlerin Gesicht und Kopf des »Puma concolor« Schritt für Schritt frei. »Schlich ein Puma in […]
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Nie wieder Frühling

Nie wieder Frühling Sarah Knausenberger & Kerstin Marie Backes (Ill.) Text: Kirsten Winderlich Fotos: Sophia Ashraf und Lucia Leonhardt Ein Junge und seine Großmutter, eine tote Welt und eine stumme Familie. Wie tragisch, dass die Großmutter, die Ben als Einzige in einer sich zunehmend verrohenden Gesellschaft Halt gibt, sterben wird. »Nie wieder Frühling« ist eine dystopische Geschichte, die Sarah Knausenberger meisterhaft aus der Perspektive von Ben erzählt und Kerstin Marie Backes mit kolorierten Zeichnungen wie Collagekunst kongenial ins Bild setzt. Ihre Bilder spielen dabei mit Perspektivwechseln und Kontrasten zwischen Innen und Außen, der lebendigen Welt der Großmutter, in der Pflanzen gedeihen und der stumpfen wie farblosen Außenwelt, für die es keine Jahreszeiten mehr gibt. Was passiert mit alten Menschen in einer Welt, in der alle erstarren, sich ausschließlich um ihr unglückliches Selbst drehen, in der es keine Empathie und Zuversicht mehr gibt? Nachdem die Großmutter einen Platz im Pflegeheim verweigert, dessen Name »Shady Acres« für sich spricht, stehen kurz vor ihrem Ableben Mitarbeitende eines Kryokonservierungsinstitut vor der Tür. Nicht nur respektlos, sondern energisch und entschlossen, treten sie den Wunsch der Großmutter, wie das Bild des überdimensionierten Schrittes eines Mannes in graublauem Anzug und Hut aus der Froschperspektive symbolisiert, »mit den […]
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Das Wunder der Flunder

Das Wunder der Flunder Daniela Leidig Text: Kirsten Winderlich Fotos: Sophia Ashraf und Lucia Leonhardt Als sie sich zu Beginn der ersten Klasse in der Schule selbst porträtieren, muss sich ein Kind von seiner Lehrerin folgendes anhören: »›Moritz, hast du deine Arme vergessen? Willst du dir keine Arme malen?‹« Als alle Kinder in der Pause raus zum Fußballtor rennen, beugt sich die Lehrerin über ihn und fragt: »›Warum spielst du denn nicht mit Fußball?‹« Als der Junge eine Unterrichtsstunde Kunst bei Frau Neu hat, ist die Aufgabe auszumalen. Er übermalt die Konturen der Blumen. Seine Arbeit entspricht nicht den Erwartungen der Kunstlehrerin. Warum versteht sie Moritz’s Bild nicht? Macht er doch seine Arme in seinem Selbstporträt nicht sichtbar, weil sie sich in seiner Vorstellung hinter dem Rücken befinden und er dabei einen schönen Stein festhält. Spielt er doch keinen Fußball, weil er lieber auf Bäume klettert. Und dann hält er beim Ausmalen die schwarzen Linien als Begrenzung nicht ein, weil er sich in seinem Bild dem Streben der Blumen zum Licht widmet. Weshalb werden Kinder in ihrem So-Sein und in ihren Zugängen zur Welt in der Schule so wenig ernst genommen, könnte die grundlegende Frage des Bilderbuches »Das Wunder der […]
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Ihre Hoheit Matsch

Ihre Hoheit Matsch Prinzessin von Schlammland Beatrice Alemagna Text: Kirsten Winderlich Repros: Sophia Ashraf und Lucia Leonhardt »Ich habe einen schlechten Charakter. […] Ich bin fies und ungezogen. […] Alles in mir verknotet sich.« Selbsterfüllende Prophezeiungen wirken auch schon im Kindesalter und machen einsam. Vielleicht gerade dann, wenn einem wenig Aufmerksamkeit und Wohlwollen entgegengebracht werden. In dem einfühlsamen Bilderbuch von Beatrice Alemagna trifft dieses tiefgreifende Erleben auf unheimliche Orte, wie »Schlammland«, »Ärgerwald«, »Verbergsee«, »Museum der Zornobjekte« oder »Wutothek«. Und paradoxer Weise hilft diese unterirdische Welt unter ihrer »Hoheit Matsch« der Protagonistin Yuki die unliebsam überbordenden Gefühle anzuerkennen. Doch bevor der Umgang mit den verstörenden Emotionen gelingt, muss Yuki in die Untiefen ihres Erlebens abtauchen. Wieder einmal ihrem Bruder ausgesetzt, der sie nur widerwillig von der Schule abholt, sich in seiner Kapuze verschanzt und von ihr abwendet, wirft sie resigniert den Haustürschlüssel in einen Gully. Eine Tat, die der eigenen Wut trotzt und gleichzeitig die Täterin zum Verschwinden bringt. Denn: Welche Geste, den eigenen Alltag hinter sich zu lassen, ist treffender, als die, den Haustürschlüssel wegzuwerfen? Voller Verzweiflung steigt Yuki nun hinab und durchlebt buchstäblich die Kanalisation ihrer Gefühle. Diese erfahren nicht nur in der Visualisierung einer breiten Palette von Mimik […]
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Jacominus Gainsboroughs Welt

Jacominus Gainsboroughs Welt Zu den virtuosen Bilderbüchern von Rébecca Dautremer Text: Kirsten Winderlich Fotos: Elisa Bauer Video »Punkt 12«: Elisa Bauer / Sprecherin: Helen Naujoks Sei es das ganze Leben oder ein winziger Augenblick, sei es eine Verabredung zu zweit oder eine wunderbare Sache, immer geht es in den Bilderbüchern zu Jacominus Gainsborough von Rébecca Dautremer um das Fragile und Flüchtige des Lebens, um Momente der Begegnung und Beziehung, die sie Seite für Seite durch ihre Bilder und poetischen Erzählungen feiert. Im Grunde ist es das Thema der Zeit, das alle Bücher verbindet. Dautremer durchdringt dieses in ihren mannigfaltigen Facetten durch Bild und Text, aber auch durch die hochkomplexen wie kunstvollen Formate der Bücher. So halten wir mit einer »winzig kleinen Sekunde« (2022) ein Leporello in den Händen, das uns nach Aufklappen von sieben Seitenflügeln mit einem über zwei Meter breiten Gemälde beschenkt und dessen Entstehungsprozess im zeichnerischen Stadium wir auf der Rückseite betrachten dürfen. 100 Protagonisten tümmeln sich in dem gigantischen farbenprächtigen Panorama. Ein paar dieser bemerkenswerten Mischwesen sind uns bereits aus dem »Stundenbuch des Jacominus Gainsborough« (2016) bekannt. Ein Begleitheft lässt uns einen liebevollen Blick auf jede einzelne Figur werfen und uns an ihren Geschichten teilhaben. So lernen […]
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Eine Stadt

Eine Stadt Begegnungen Linda Wolfsgruber Text: Kirsten Winderlich Repros: Elisa Bauer »Stadt ist, wo Menschen sind« sagte einmal Jochen Gerz und betont mit dieser Aussage, dass das Gebaute ohne öffentliche Räume, in denen sich Menschen aufhalten und einander begegnen, keine Stadt werden kann. Stadtteile werden gebaut, erweitert und transformiert. Manchmal entstehen sie auch gänzlich neu, so wie die Seestadt im Gemeindebezirk Donaustadt in Wien, die Linda Wolfsgruber eines Tages im Jahr 2019 mit ihrem Begleiter Pipin entdeckt. Bei der Seestadt handelt es sich um das aktuell größte Stadtteilentwicklungsprojekt Europas, bei dem der Anteil der öffentlichen Räume über 50 Prozent ausmachen wird. Nach Fertigstellung, konkret bis in die 2030er Jahre, sollen in der Seestadt mehr als 25.000 Menschen wohnen und mehr als 20.000 Menschen arbeiten. Klar, dass Linda Wolfsgruber bei ihren zahlreichen Erkundungstouren aktuell noch wenige Menschen begegnen. Und die Assoziation Pipins zu Georgio de Chirico (1888-1978), der als Hauptvertreter der metaphysischen Malerei gilt, ist nur allzu verständlich, wenn wir uns de Chiricos menschenleeren und traumähnlichen Stadtansichten vor Augen führen. Um so wichtiger, dass Linda Wolfsgruber die Menschen, die ihr während ihrer flanierend-fotografischen Forschungsarbeit über den Weg laufen, zum Sprechen bringt: Was prägt ihren Alltag? Was bewegt sie? Wovon träumen sie? […]
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Moor Myrte und das Zaubergarn

Moor Myrte und das Zaubergarn
 Sid Sharp Text: Kirsten Winderlich Repros: Elisa Bauer Sid Sharp erzählt die Geschichte zweier Schwestern, die so arm sind, dass sie zum Frühstück Ratten und zu Mittag Kakerlaken essen. Trotz der widrigen Umstände, denen die beiden Schwestern gleichermaßen ausgesetzt sind, können sie ungleicher nicht sein. Ist Beatrice, die »Seligmachende«, zuversichtlich und zugewandt und hat zudem Freude am Naturforschen und Basteln, tritt Magnolia stets mürrisch, pessimistisch und abweisend auf und empfindet nicht zuletzt Genugtuung daran, Spinnen die Beine auszureißen. Die Spinnen sind es dann auch, die sich in mehrfacher Hinsicht als versteckte Hauptrolle wie ein Faden durch die Geschichte ziehen und sich buchstäblich ins Bild abseilen: als Ressource, Revolutionäre und Retter. Zum einen treffen wir in dem Bilderbuch auf die uns aus dem eigenen Alltag bekannten Gliederfüßer, die in dem kaputten und zugigen Haus der Schwestern verlässlich die Fliegen fangen. Und zum anderen zieht die »Moor Myrte«, ein fabelhaftes Wesen von einem Spinnentier, in ihren Bann. Dass Moor Myrte Beatrice ihre Zauberseide schenkt, ist im Nachhinein nicht nur als Komplott gegen die nörgelnde und eigennützige Magnolia zu deuten, sondern auch als überraschende Verknüpfung von knallharter Realität und märchenhafter Fügung. So helfen die Tierchen die Zauberseide zu […]
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Aber ich lebe

Text: Kirsten Winderlich Repros: Elisa Bauer „Aber ich lebe“ ist eine Graphic Novel zum Holocaust, die nach einer kollektiven Forschungsarbeit entstand, in der Barbara Yelin, Miriam Libicki und Gilad Seliktar in einen Austauschprozess mit Holocaust-Überleben- den traten. Das Forschungsprojekt wurde 2019 von Charlotte Schallié ini- tiiert und beteiligte über einen Zeitraum von drei Jahren auch Experten für Holocaust- und Menschenrechtspädagogik, Historiker*innen, Lehrkräfte, Lehramtsstudierende, Bibliothekare und Archivare.  Visuelles Erzählen eignet sich „besonders für die Geschichten von Über- lebenden, die im Holocaust noch Kinder waren. Denn Bilder prägen sich tief in das Gedächtnis von Kindern ein.“1 So vermittelt das Bilderbuch nicht nur die „Zeugnisse“ der Überlebenden, sondern kann im Sinne des (Auf-) Zeichnens auch Erinnerungen hervorlocken. Konkret wurden drei Künstler*innen, Barbara Yelin, Miriam Libicki und Gilad Seliktar, eingeladen, sich mit vier Kinderüberlebenden des Holocaust zu treffen und gemeinsam mögliche Themen und Handlungsstränge ihrer persönlichen Geschichten aufzuspüren. „Auf der Grundlage dieser kreativen Sitzungen entwickelten sie erste Entwürfe und Storyboards, um die Erinnerungen und Reflexionen von David Schaffer, Nico und Rolf Kamp und Emmie Arbel in visuelle Erzählungen umzusetzen, die die Integrität, Individualität und Würde der Überlebenden und ihre Erfahrungen respektieren.“2  Entstanden sind drei visuelle Erzählungen, in denen nicht nur Vergangenheit und Gegenwart ineinandergreifen, […]
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