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Farbe, die die Welt verändert

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Vom Blick zwischen Alltagsräumen und Traumwelten

Text: Kirsten Winderlich
Fotos: Nick Ash

Das Bilderbuch »Das Meer ist riesengroß« von Inge Fasan und Linda Wolfsgruber erzählt von einem großen Traum und vermittelt diesen durch eine in dem Bilderbuch alles bestimmende Farbe. Die Bilderbuchgeschichte ist wie eine Rückblende eines Erwachsenen zu verstehen, der seinen Traum, einmal das Meer zu sehen, bis in seine Kindheit zurückverfolgt. Was die Kinder einer Potsdamer Grundschulklasse mit diesem Bilderbuch anfangen und wie sie sich von seiner spezifischen Ästhetik zu eigenen ästhetischen und künstlerischen Farb-Forschungen anregen lassen, beschreibt Kirsten Winderlich.

Die Geschichte aus der Perspektive der Kinder
Nachdem die Kinder das Bilderbuch gemeinsam mit ihrer Lehrerin Susanne Anders betrachtet und gelesen haben, stellen sie es mir und den Studierenden vor und beschreiben ihre Assoziationen. Diese sind die Grundlage für die späteren Farbforschungen und Bilder. Der folgende Ausschnitt des Gesprächs gibt einen Einblick.
Susanne Anders: Erzählt mal, woran ihr euch erinnern könnt, worum es in diesem Bilderbuch geht.
Lina: Also da ist so ein Junge, und der will gern ans Meer fahren, und dann geht seine Mutter immer mit ihm auf so einen Hügel und sagt immer: Stell dir vor, das Meer ist riesengroß und wenn du die Augen zumachst, dann hörst du das Rauschen. Und das hat er, und dann haben sich alle Geräusche in seinen Ohren vermischt und dann ist es so ein Rauschen geworden und dann hat der gesagt: Das klingt wie im Radio. Und dann hat die Mutter gesagt: Ja, so hört sich das Meer an.
Hannes: Ja, genau, sogar zu Hause.
Lina: Und dann sollte der Junge sich noch die Stadt angucken und hat gesagt: Boah, wie groß. Und die Mutter hat gesagt: Ja, so groß ist das Meer. Und noch viel größer.
Nora: Und dann hat sich beim Heimweg die Mutter dann den Knöchel gebrochen und irgendwann ließen sie sich dann auch scheiden. Dann kam immer wieder etwas dazwischen, so dass sie nicht in den Sommerferien ans Meer fahren konnten.
Elisa: Naja, und dann hatte er auf so einen Film geguckt und dann hat er auch irgendwie so eine Unterwassersprache gelernt und auch beim Abtrocknen. Er konnte ja nicht die ganze Zeit unter Wasser sein, und dann als er dann größer war ist er dann halt…
Lina: …ans Meer gefahren. Aber dazwischen hat er sich auch noch in ein Mädchen verliebt. Doch sind sie dann von der Stadt weg und dann hat er halt beschlossen nie wieder mit einem Mädchen also nur in der Stadt zu bleiben.

Die Farbe als Projektionsraum
Die Sehnsucht des Erzählers nach dem Meer ist so stark, dass alle Erinnerung von ihm durchdrungen wird. Linda Wolfsgruber führt uns dieses Phänomen durch die Farbe Blau in seinen verschiedensten Ausprägungen und durch unterschiedliche Techniken vor, als helles pastellhaftes Türkis, als starkes Ultramarin, als kalte preußische Variante. Auf jeder Seite ist es die Farbe in seiner Stofflichkeit, die im Vordergrund steht und sich wie ein Schleier auf die Alltags- und Traumwelt des Erzählers
legt, der sich seit seinem sechsten Lebensjahr nichts sehnlicher wünscht als einmal das Meer zu sehen. Inge Fasan
lässt uns an der Biografie des Jungen teilhaben, indem sie von den zahlreichen Verhinderungen, ans Meer zu gelangen, erzählt. Mal ist es die Mutter, die sich den Knöchel brach, einmal das Geld, das nicht ausreicht für einen Urlaub am Meer, einmal die Scheidung der Eltern und dann das eigene Verliebtsein, das am Fortfahren hindert und den Traum, das Meer zu sehen, immer wieder in weite Ferne rückt.
Aber wenn man immer an etwas ganz Bestimmtes denken muss, es sich ganz stark wünscht, das wissen wir alle, ist es nicht fern. Man integriert seinen Wunsch und Traum in seinen Alltag und kann ihn vor sich sehen, als wäre er sinnlich, konkret und greifbar nah und da. So nimmt auch der Traum des Erzählers, einmal das Meer zu sehen, Einzug in seinen Alltag. Die Farbe Blau steht dabei für seinen Traum, für das Meer und changiert in den Bildern zwischen dem Abstrakten und dem Konkreten. Die Farbe Blau überzieht jeden Gegenstand in Haus und Lebenswelt des Erzählers, bestimmt aber auch die Atmosphäre derart, dass man teilweise das weite Meer vor sich zu sehen glaubt, in der gleißenden Sonne flimmernd im Himmel verschwindend.
Die Farbe in dem Bilderbuch von Linda Wolfsgruber und Inge Fasan vermittelt jedoch nicht nur den persönlichen Traum in seiner ganzen Intensität, sondern bietet darüber hinaus eine Projektionsfläche für die ganz eigenen Sehnsüchte und Träume der Betrachter. Auch die Kinder der (Schulklasse) »Die Silberdelfine« hat das Buch zum Nachdenken über Wunschvorstellungen und Träume angeregt. Der folgende Ausschnitt zeigt, wie sie sich über ihre Traumorte unterhalten und sich diese vorstellen.

Träume und Orte
Malou: Wir haben uns erinnert, was unser größter Traum ist, was unser schönster Ort ist, wo wir einmal hinwollen in unserem Leben.
Lina: Ich hatte den Traum, dass man am Wecker den Zeiger zurückdrehen und sich dann aussuchen kann, wo man in der Vergangenheit leben möchte…
Elisa: Ich würde so ein bisschen reiten und dann dahin, wo es mir gefällt, wo es vielleicht ein bisschen grün ist, wo so eine Art Wasserfall ist.
Nora: Ich weiß schon, wie sich das Elisa vorstellt. Da ist ein Urwald und da dran ist ein Strand.
Hannes: Ich würde gern einmal so richtig in der Tiefsee tauchen.
Susanne Anders: Wie stellst du dir vor, dass es aussieht unter Wasser, in der Tiefsee.
Hannes: Korallen, Fische und das blaue Meer und die Steine, die da ganz unten sind.
Malou: Für mich ist das Meer der schönste Ort, eigentlich. Ich würde gern auch mal richtig tief unten im Meer sein.
Nora: Du hast doch immer Korsika.
Malou: Korsika ist da, wo ich immer in den Sommerferien bin.
Susanne Anders: Hast du eine Farbe im Kopf, wenn du dir das Meer vorstellst?
Malou: Dunkelblau und Hellblau.
Nora: Meine Mutter hat mal, als sie klein war, so einen Fahrstuhl erfunden. Da geht man dann rein, dann fährt man da runter, dann rattert es, dann geht die Tür auf und dann ist man da.
Susanne Anders: Gibt es einen Ort, an dem du gern wärst?
Nora: Ja, Hawaii, weil da so ein Strand ist, da wär ich gern.
Marian: Ich wäre auch gerne mal so richtig tief unter Wasser. Weil ich es spannend finde.
Susanne Anders: Findest du es spannend, weil über dir dann ganz viel Wasser ist oder weil du nicht weißt, wie das Meer aussieht…
Marian: Ich will einfach mal sehen, wie das Meer aussieht…
Diese ganz eigenen Träume und Orte der Sehnsucht stellen den Hintergrund der folgenden Malereien dar. Doch bevor es an die konkrete praktische malerische Arbeit ging, hat uns noch eine Frage intensiv beschäftigt: Wie ist es denn eigentlich, wenn man wie der Erzähler der Bilderbuchgeschichte die Welt und den eigenen Alltag durch eine ganz bestimmte Farbe sieht?

Das Gewohnte in einer anderen Farbe sehen
Wie ist es, wenn sich eine Farbe über alles um mich herum legt, über die Dinge, die Wände, den Boden, die Fenster, die Möbel, die Bilder, die Menschen. Wie ist es, wenn der eigene große Traum, der Ort der Sehnsucht zu einem durch eine Farbe spricht? Ist er mir dann ganz nah oder rückt er in die Ferne? Entspricht die Welt, die mir dann erscheint, noch meiner Sehnsucht?
Wie fühlt es sich an?
Wir haben es ausprobiert und für die Kinder Farbbrillen gebaut. Über die Bibliothek mit seiner Einrichtung legten sich jeweils die Farben Gelb, Blau, Rot und Grün. Durch die jeweiligen Brillen geschaut, war für alle überraschend, welch unterschiedliche Nuancen und Farbschattierungen aus einem Grundton wachsen können. Da erschienen Dinge hellrosa, andere gleichzeitig tiefkirschrot oder Dunkelrotbraun. Die Kinder waren beim Betrachten ihrer Bibliothek durch die Farbbrillen ganz offen und ausgelassen und warfen sich wie beim Pingpong gegenseitig ihre Entdeckungen zu. Es war gar nicht mehr daran zu denken, dass Farbe zuvor sprachlich für sie kaum greifbar war, blau eben blau und rot einfach rot war. Gleichzeitig wurde ihnen auch bewusst, dass das Farbenwahrnehmen immer auch Gefühle auslöst, die wiederum ganz unterschiedlich sein können und sich nicht nur auf eine schöne Empfindung begrenzen lassen. Für einige Kinder war das Betrachten des Raumes durch eine blaue Farbbrille spannend, für andere lustig, und für wieder andere etwas unheimlich. Für einige ist die Wahrnehmung durch die gelbe Brille anstrengend und nicht schön, für andere wieder wunderbar. Die Kinder benennen eine ganze Palette an Emotionen, die das ungewohnte Wahrnehmen durch die Farbbrillen und den dadurch befremdeten Blick auf das eigentlich Bekannte begleitet hat. Vor dem Hintergrund dieser ästhetischen Erfahrungen war es nicht erstaunlich, dass die Kinder in einem Gespräch mit ihrer Lehrerin folgendes äußerten: Es sei für sie leichter, sich die Welt in einer Farbe vorzustellen als eine eher monochrome Welt wie die der Linda Wolfsgruber in einem breiten Farbenspektrum zu imaginieren.
»Ich glaube sogar, man könnte sich daran gewöhnen, alles nur in einer Farbe zu sehen«, erzählt Nora.

In Farben eintauchen
Durch diese besonderen Farbforschungs-spiele waren die Kinder jetzt vorbereitet und sensibilisiert für die Umsetzung ihrer Traumorte in Farbe und Malerei. So erhielten die Kinder die Aufgabe, sich für eine Farbbrille zu entscheiden, sie aufzusetzen, durch diese ihren noch leeren Maluntergrund zu betrachten und den Ort ihrer Träume zu malen. Eine besondere Herausforderung stellte hierbei die Aufgabe dar, in Anlehnung an Linda Wolfsgrubers Bilder den Ort in einer Farbe zu malen. Nicht alle Kinder konnten sich bedingungslos darauf einlassen. Ein Strand ist doch gelb, ein Wald grün, und das Meer einfach nur blau, argumentierte Nora. Auch Elisa, Julia und Lina wollten ihren Traumort so malen, wie sie ihn immer gemalt
haben. Aber haben sie tatsächlich gemalt wie gewohnt? Zuerst gab es da das Bilderbuch mit seinen ungewohnten Bildern und Traumwelten, seinem überraschenden Umgang mit der Farbe Blau, dann war da der eigene Traum, der erzählt werden wollte. Und selbst, wenn das Bilderbuch keinen eigenen Traum hervorgelockt hat, wie es bei Julia der Fall war, dann hat die veränderte Wahrnehmung durch die Farbbrillen doch bei allen Kindern einen Traumort auf vertraute und gleichzeitig ungewohnte Weise vorstellbar gemacht. Der Blick durch die Farbbrille hat den Kindern geholfen, sich eine Vielfalt an Nuancen einer einzigen Farbe vorzustellen und sie angeregt, diese zu mischen und für ihr Bild zu verwenden. Malou erzählt zum Beispiel, dass sie am Anfang gedacht habe, »Korsika in rot geht nicht«. Aber am Ende sei es ihr ganz normal vorgekommen. Diese Aussage ist gerade vor dem Hintergrund interessant, dass Malou zu Beginn der Bilderbuchwerkstatt, das heißt vor dem Experimentieren mit den Farbbrillen, überzeugt war, das Meer sei dunkelund hellblau. Marian und Hannes haben ihre Traumorte unter Wasser und in der Tiefsee malerisch umgesetzt. Anders als Malou produzierten beide ihre Bilder durch die Farbe Blau. Sie ließen sich hierbei von den Bildern Linda Wolfgrubers anregen, indem sie die Farbschattierungen durch Spachteln und Rollen direkt auf dem Untergrund mischten. Gerade bei den beiden Jungen wurde deutlich, dass sich das Malen der Traumorte durch eine Farbe stark prozesshaft vollzog. Immer wieder tauchten in Hannes und Marians Bildern Personen oder Fische auf, die in das Blau geritzt wurden und im folgenden Farbauftrag wieder verschwanden. Dieses Phänomen macht deutlich, dass es den Kindern beim Malen ihres Traumortes weniger um die Darstellung des Gegenständlich-Konkreten ging als vielmehr um das Spiel mit und die Erforschung von Farbe.
Die Bilder Linda Wolfsgrubers zeigen die Farbe Blau nicht nur in unterschiedlichen Schattierungen, sondern darüber hinaus auch in ihrer Stofflichkeit, als Material. Dieser Aspekt spielt in den Malprozessen einzelner Kinder ebenso eine Rolle. Elisa zum Beispiel trug einzelne Farben in vielen Schichten übereinander auf und bearbeitete die Farbe modellierend als Masse. Lina nahm ​durch die Arbeit mit der Farbbrille Eigenschaften in der Farbe wahr, die auch und insbesondere nicht visuell erschlossen werden. Wenn sie sich zum Beispiel durch ihre Brille »den Sand vorgestellt hat, ist alles so künstlich geworden wie Metall«. Der Sand hat sich in der Wahrnehmung Linas durch die blaue Brille so verändert, dass er sich wahrscheinlich nicht mehr leicht durch die Hände rieseln, sondern nach dem Assoziationsbild Linas eher schwer in der Hand wiegen müsste. An dieser Stelle wird besonders gut deutlich, wie eine Farbe die (Traum)Welt verändern kann.

Bilderbuch:
Fasan,I./ Wolfsgruber, L. (Ill.): Das Meer ist riesengroß.
Verlag publication PN°1 Bibliothek der Provinz, A-Weitra 2006