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Buchstaben versenken

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Performative Zugänge zu Chris van Allsburgs Bilderbuch »Das Z zerplatzt«

Text: Kirsten Winderlich
Fotos: Nick Ash

Kaum zu glauben, aber es gibt sie wirklich! Es gibt Bilderbücher, die sich ausgesprochen redlich um die Vermittlung des Alphabets bemühen und trotzdem spannende Geschichten erzählen — bis zur letzten Seite. »Das Z zerplatzt« von Chris van Allsburg ist so ein Bilderbuch, das jeden einzelnen Buchstaben aufführt, aber auf keiner Seite Spannung, Überraschung und Witz einbüßt. Vielmehr geht es richtig dramatisch zu, werden Buchstaben entwurzelt, aufgeweicht, gehobelt, gebissen und geklaut. Wohin dieses Spektakel in der Bilderbuchwerkstatt der Evangelischen Grundschule Potsdam führte, berichtet Kirsten Winderlich.

Chris van Allsburg hat für jeden einzelnen Buchstaben einen eigenen Auftritt vorgesehen. Durch ein guckkastenähnliches Arrangement in Schwarz-Weiß auf Abstand gehalten, werden wir als Betrachter gleich auf der ersten Seite Zeuge, wie ein Steinschlag auf das A prasselt. »Aufs A ein Anschlag — so fängt’s an« heißt es auf der folgenden Seite. Rechts daneben ist das B dran, schon fast bis zur Hälfte von einer Hundeschnauze weggebissen. »Der Biss ins B — wer hat’s getan?« wird auf der nächsten Seite gefragt, während das C, umhüllt von Spänen, die Bühne betritt. Dass das C in Moll singt, erfahren wir auf der folgenden Seite, die uns bereits das D im Aquarium zeigt und uns rätseln lässt, was da wohl vor sich geht.
Die Buchstaben, begleitet von den Versen Ebi Neumanns, werden in bizarren Szenen gezeigt. Sie werden ertränkt, verdampft, zertreten und zerschmolzen. Von der ersten Seite an sind sie durch diese Transformationen keine abstrakten Zeichen mehr, sondern Figuren, die sich verwandeln und dabei inszenieren, was wir mit ihnen alles anstellen können — in der Fantasie, auf dem Papier, auf der Bühne des Lebens und der Schule.

Ungewohnte Bilder und Worte
All diese Aspekte erschließen sich jüngeren Grundschulkindern jedoch nicht sofort, wie das gemeinsame Betrachten nur einer aus dem Buch kopierten Seite deutlich zeigte. Es war eine Herausforderung, über das befremdende Bild, auf dem Flüssigkeit über dem Buchstaben S ausgeschüttet wird, zu sprechen und auch noch den folgenden Vers zu verstehen: »Das S wird schnell sehr nass schon sein.«
Nach dem Vorlesen dieses Satzes wurde es ganz still. Ob das kollektive Schweigen hieß, dass Bild und Vers die Schülerinnen und Schüler nicht interessierten, oder ob sie nur Zeit brauchten, um sich der ungewohnten Darstellung des Buchstabens zu nähern — wer weiß?
Welch eine Herausforderung für die Lehrerin, dieses Schweigen zu akzeptieren, nicht nervös zu werden und die Kinder vor allem nicht zum Sprechen zu drängen! Vor einem erwartungsvollen Publikum war es noch schwerer, die uneindeutige Situation auszuhalten, denn in der Bibliothek beobachtete eine Gruppe Studierender den Prozess und wartete gespannt, dass sich die Kinder endlich äußerten.
Die Lehrerin wiederholte den Vers und bat die Kinder, ihn nachzusprechen. Doch sie verstummten schnell, denn der Versbau und die Kombination der verschiedenen S-Laute waren ungewohnt. Da musste man schon ganz genau lauschen oder lesen. Also schrieb die Lehrerin den Vers — noch einmal Buchstabe für Buchstabe lautierend — auf den mit Packpapier ausgelegten Boden. Und zwar mit einem Kugelschreiber, der gerade zur Hand war. Das würde in einem von Seminarleitern begleiteten Unterrichtsversuch im Referendariat sofort bemängelt werden, denn das Geschriebene war für die meisten Kinder im Sitzkreis aus der Entfernung nur schwer lesbar. Doch gerade diese unscheinbare Schrift sorgte dafür, dass die Kinder näher an die Buchseite und den reproduzierten Vers heranrückten und ihn mehrmals vorlasen. Dieses wiederholende Schreiben und Lesen regte die Wahrnehmung für den Prozess der Transformation an, in dem sich jeder einzelne Buchstabe im Bilderbuch bewegt.

Buchstabenspektakel
Jetzt konnte es losgehen! Endlich kamen die Buchstaben ins Spiel, die die Lehrerin für die Kinder vorbereitet hatte und über die sie schon eine Woche zuvor gemeinsam nachgedacht hatten.
Was kann man mit einem A aus Ästen machen? Kann sich ein L aus Schuhkartons verwandeln? Wie sieht es mit dem D aus, gebogen aus einer alten Schwimmnudel? Wie mit dem Fundstück-E aus dem Keller? Was kann man mit einem Z aus Zeitungspapier machen? Und was mit einem bretternen T oder K? Welche Dinge, die etwas mit den Buchstaben zu tun haben und helfen können, ihnen eine neue Gestalt zu geben, kann man mitbringen?
Das L kann man anleuchten, ausleuchten oder beleuchten. Gar nicht so einfach, stellten Luis und Julius fest, denn dafür mussten die Gardinen zugezogen werden. Das A muss aus dem Fenster geworfen werden, war Lasses Idee, und schon öffnet er das Fenster. Eine Traube von Kindern schaute zu, wie Lasse das A anhob, der Buchstabe schwungvoll aus dem Fenster flog und im Schnee landete, in Stücken.
Weiter ging es. Die Aufmerksamkeit richtete sich auf Wanda, Weeda und Hanna, die um das T tanzten. Später zeigte Lasse, dass man mit dem T auch Tennis spielen kann. Noch während des Tanzes fiel den drei Mädchen ein, dass sie ihre Delfine durch das D springen lassen könnten. Dieses Kunststück gelang ein paar Mal auf beeindruckende Weise. Es war schon erstaunlich, wie zielsicher die Tierchen durch den Buchstabenreifen flogen. Doch plötzlich war das D entzwei. Das macht aber nichts, denn die Nudel konnte man hervorragend zu einem S formen und von der Galerie abseilen.
Was für eine Freude, was für Ideen! Keine Spur mehr von der anfänglichen Rat- oder Hilflosigkeit! Im Nachbarraum wurde das K zwischen Korken auf der Herdplatte gekocht, und das Z aus gerolltem Zeitungspapier tat in einem Zelt mit Streichhölzern seinen Dienst. Dann entdeckte Lasse auch noch das E, das sich wunderbar in die Ecke stellen und mit Schnee bewerfen ließ. Ein herrliches Treiben, wenn auch vielleicht etwas zu weit vom Bilderbuch entfernt, mag mancher denken.

Vom Spiel zum Buch
Weit gefehlt, denn durch das Spiel mit den Buchstaben verschaffen sich die Kinder überhaupt erst einen Zugang zum Bilderbuch. Die abschließende Gesprächsrunde zeigte dies deutlich. Engagiert und ausdauernd hockten die Kinder vor dem Buch, blätterten von Seite zu Seite und versuchten, den Bildern passende Verse zu entlocken, die danach mit den Versen Ebi Neumanns auf den Rückseiten der Bilder verglichen wurden. Das Spiel mit den Buchstaben und der performative Zugang zur spezifischen Ästhetik des Bilderbuchs machten die Schülerinnen und Schüler zu Experten. Im Prozess des Experimentierens mit den Möglichkeiten, was sich mit den Buchstaben alles anstellen ließe, schlüpften sie in gewisser Weise in die Rolle von Ko-Autoren und vollzogen damit einen mimetischen Zugang zum Buch. Das passierte jedoch weniger auf der abstrakt-kognitiven, sondern vielmehr auf der leiblich-sinnlichen Ebene. Mit Hilfe ihres leiblich-sinnlichen Zugangs packten die Kinder das Bilderbuch in seinem eigentlichen Kern: Buchstaben kann man nicht nur schreiben und lesen — man muss etwas mit ihnen machen, damit sie etwas bedeuten und bewirken können.
Das war nicht die einzige Erkenntnis, die wir aus unserer Arbeit mit dem Bilderbuch von van Allsburg mitnahmen.
Die Bilderbuchwerkstatt war auch eine Art Paradebeispiel, mit welcher Haltung Pädagoginnen und Pädagogen Bildungsprozesse anstoßen und begleiten können — nämlich mit einer offenen und auf die individuellen Bildungsprozesse der Kinder gerichteten Haltung, die es ihnen ermöglicht, sich auch mit komplexen Themen, Büchern und Phänomenen zu konfrontieren.
Selbstverständlich besteht die Gefahr des Scheiterns immer. Dagegen hilft nur: Vertrauen in die Fähigkeiten der Kinder und der Mut, das Unterrichten im gewohnten 45-Minuten-Takt und die Ausrichtung auf vorab definierte und überprüfbare Unterrichtsziele zu verlernen, also gewohnte Bildungsvorstellungen über Bord zu werfen.
fühlt. In diesem Bereich entstehen immer wieder fächer-, klassen und schulübergreifende Projekte, die den »normalen« Schulalltag bereichern und zuweilen auch zum Erliegen bringen.

Bilderbuch:
Van Allsburg, C.: Das Z zerplatzt. Carlsen, Hamburg 2005

Die Bilderbuchwerkstatt fand in Kooperation mit Susanne Anders in der Evangelischen Grundschule Potsdam statt.