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Am Rand der Papierwelt

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Ästhetisch-forschende Zugänge zu Kveta Pacovskás Bilderbuch »Rotrothorn«

Text: Kirsten Winderlich
Fotos: Nick Ash

Wenn nach dem Betrachten eines Bilderbuches plötzlich ein Tier in der Bibliothek steht, das von den Kindern mit großer Leidenschaft verwandelt wird, dann kann man wahrlich davon ausgehen, dass dieses Bilderbuch die Kinder in das Reich der Phantasie entführt hat. Bei dem Bilderbuch »Rotrothorn« von Kveta Pacovská handelt es sich um ein derartiges Buch oder vielmehr um ein Objekt, das darüber hinaus auf ganz eigensinnige Weise anregt, es zu erforschen. Wie die sechs-bis neunjährigen Kinder einer Potsdamer Grundschule über das Betrachten des Bilderbuches von Kveta Pacovská in Farbe, Form und Figur eintauchen, beschreibt im folgenden Kirsten Winderlich.

Die Geschichte
An einem Sonntag malt ein Kritzelmännchen ein Fabelwesen, nennt es Rotrothorn und bittet es, sein Freund zu sein. Am nächsten Tag formt es ein weiteres Wesen, mit Löchern perforiert. Der Name Lochlochlocher lässt nur unschwer erahnen, auf welche Weise es entstanden ist. Auch der Lochlochlocher wird gebeten, ein Freund zu sein. Und so geht es weiter. Tag für Tag. Die ganze Woche entstehen Rhinos und gehörnte Wesen, mal rosafarben, mal schwarz, mal gestreift und dann kariert. Ein Kubus-Rhino wird gebaut und ein Mitternachtshorn, das mit seinem aufgerissenen Maul erschreckt. Trotzdem: Alle sollen Freunde sein. Ein Punktpunktpunkter lächelt ein Tastenhorn mit gestanzter Oberfläche an. Das Tier ist jetzt fast weiß, nur sein Mund, seine Hörner und der Schwanz leuchten rot.
So steht es da und will befühlt und betastet werden und fordert dabei auf, selbst Hand anzulegen. Und da ist sie schon: die ausgesprochene Einladung, selbst tätig zu werden und sich ein eigenes Wesen zu erschaffen. Während das Kritzelmännchen sich noch einmal seinen Schaffensprozess vor Augen führt, alle Freunde in seinem Buch ordnet und schließlich darüber einschläft, lesen wir: »Wie sieht dein Rhino aus? Willst du es malen, formen oder bauen?« und blicken in die Augen eines lächelnden Gesichts, das uns schon in ähnlicher Weise gleich beim Aufschlagen des Buches begegnet ist. Es muss sich um den Mond handeln, der auf der ersten Seite gemeinsam mit der Sonne neben den einzelnen Fabelwesen als Mitspieler angekündigt wurde. Allerdings kommen Sonne und Mond in diesem Spiel andere Rollen zu. Wurden die einzelnen Fabelwesen explizit vom Kritzelmännchen geschaffen, sind Sonne und Mond eher die Zuschauer dieses Spektakels. Sind die einzelnen Tiere, Hörner und Rhinos Teil einer Metamorphose, bilden Sonne und Mond eher den universellen Rahmen und stehen in diesen Gestaltungs- und Formationsprozessen für das so wichtige Tagträumen.
Die Geschichte der ständigen Verwandlung wird von Bildern und Text begleitet, die zu einem experimentellen Betrachten und Lesen anregen und den Kindern nicht zuletzt Lust machen, ein eigenes Tier zu verwandeln und dabei in das Experimentieren mit Farbe, Form und Figur einzutauchen.

Zur Ästhetik der Metamorphose
Das Kritzelmännchen als Künstler nimmt in diesem Prozess die Rolle des Initiators ein, der jedoch nur zu Beginn und am Ende des Buches erscheint. Dazwischen wird der Raum von der Verwandlung des gehörnten Wesens in Anspruch genommen und auf diese Weise für die Betrachter ein offener Raum geschaffen, in dem sie sich experimentell und spielerisch mit dem Tier und seiner Verwandlung auseinander setzen können. Mit seinen mehrfach gefalteten und teilweise fensterartig ausgeschnittenen Buchseiten wird das Bilderbuch zum Objekt, das uns nicht nur einen haptischen Zugang, sondern auch eine vielfältige ästhetisch-forschende Auseinandersetzung mit der Geschichte und dem Buch und seinen Elementen wie Seite, Bild, Text und Farbe ermöglicht. Wir können zum Beispiel die gefalteten Seiten anheben, mit den Händen dazwischen fahren wie in ein Zelt und den neu entstehenden Raum in einem leuchtenden Rot entdecken. Dann sehen wir uns sogar selbst in dem Buch, und zwar über einen Blick in ein Spiegelfolienfenster, und stellen uns vielleicht vor, wie es wäre vom Lochlochlocher gefangen zu werden. An anderer Stelle spiegelt sich das gehörnte Tier beim Hin- und Herbewegen der Seiten und vervielfacht sich im Raum.
Die abstrakt-figurative Malerei zieht uns dabei nicht nur in den Bann der Metamorphose des Rotrothorns. Sie führt uns auch einen eigensinnigen Umgang mit der Farbe vor, der Lust macht, sich intensiver auseinanderzusetzen und diese zu erforschen. So zeigt uns Kveta Pacovská einen experimentellen Einsatz in Bezug auf Öl-und Aquarellfarbe und Pastellkreide, präsentiert einen spielerischen Umgang sowohl mit dem Farbauftrag als auch mit der Kombination von Form und Farbe. Die vielfältigen fensterartigen Ausschnitte bringen die Formen in diesem Zusammenhang noch einmal auf andere Weise ins Spiel, lassen sie doch beim Umblättern die zuvor betrachtete Figur verschwinden und führen den Blick auf die Details des Umgangs mit der Farbe: ein gespachtelter Farbauftrag wird sichtbar oder die luzent anmutende Spur eines pastellkreidefarbenen Strichs oder einfach nur die Farbe als Farbe.
Neben den abstrakt-figurativen Bildern fordert das Bilderbuchobjekt auch über Text und Schrift ein experimentelles Lesen und Betrachten heraus. Zum einen geschieht dieses über die Namen der einzelnen Fabelwesen. Hier wird ein Wort wiederholt, um dessen Bedeutung zu verstärken: Wir treffen im Buch nicht nur auf das Rotrothorn, sondern auch auf einen Lochlochlocher und auf ein Punktpunktpunkter. Ein weiterer experimenteller Aspekt im Hinblick auf Text und Schrift liegt im Satz des Schriftbildes. Immer wieder den gewohnten Lesefluss unterbrechend, wird die Schrift auch über diagonal und vertikal ausgerichtete Zeilen über das gesamte Blatt verteilt. Die »aus der Reihe tanzenden« Buchstaben des Protagonisten »Rotrothorn« weisen nicht nur auf die ständige Verwandlung des Wesens hin. Sie zeigen auch die Buchstaben wie die Farbe und die Formen als Bausteine, mit denen wir auf vielfältige Weise schöpferisch tätig werden können.
Im Hinblick auf diese besondere Ästhetik des Bilderbuchs von Kveta Pacovská sollten die Kinder in unserer Bilderbuchwerkstatt Raum erhalten, ihre Rezeptionen zu verdichten und auszudrücken. Um ihnen diesen Raum zur Verfügung zu stellen, haben wir aus einem Containerkarton ein Tier gebaut, das dem Grundkörper des gehörnten Wesens, dem Rotrothorn, ähnelt.

Ein Tier zieht in die Bibliothek und verwandelt sich…
An einem Morgen zog unser Tier vorerst unbemerkt in die Bibliothek und überraschte die Kinder. Vor dem zwar gehörnten, doch noch farblosen Tier — wie vor einer Kulisse — betrachteten die Kinder das Buch und erzählten von ihren Assoziationen und ihrem Erleben. Es wurde schnell deutlich, dass die Kinder sofort zu den Tieren im Bilderbuch eine besondere Beziehung gewannen. Interessanter Weise tauchte das Kritzelmännchen, der Schöpfer des Rotrothorns und der vielen weiteren gehörnten Tiere, nur am Rande auf. In den Erzählungen der Kinder stand das Tier in seinen unterschiedlichen Erscheinungen im Mittelpunkt. Dabei sprachen die Kinder besonders über den Lochlochlocher und das Tastenhorn und streichelten die beiden dabei immer wieder. Nachdem sie nun das Buch und die verwandelten Tiere, denen sie sich besonders verbunden fühlten, vorgestellt hatten, war ihre Aufgabe jetzt, das Tier in der Bibliothek zu verwandeln, und zwar in ein gelbes Tier.

Ein Gelbgelbhorn entsteht und verwandelt sich in ein Delfihorn…
Im Vorfeld hatten die Kinder begonnen, gelbe Sachen zu sammeln. Wie eine kleine Ausstellung lagen nun all die gelben Dinge und Materialien, die vielen unterschiedlichen Papiere, Bänder und Stoffe da. Vom Tennisball über gelbe Gummienten und einen Hüpfball bis hin zu den Gelben Seiten des Branchenverzeichnisses stand man in dieser kleinen Farbausstellung neben den klassischen Materialien aus dem Mal- und Gestaltungsbereich seinem eigenen Hausstand in gelben Farbtönen gegenüber. Denn natürlich handelte es sich bei dieser Sammlung nicht ausschließlich um eine spezifische Ausprägung der Farbe, sondern um ein breites Spektrum feiner Nuancen und Schattierungen der Farbe Gelb. Nachdem die Kinder einen Moment lang fast ehrfürchtig vor ihrer eigenen gelben Sammlung standen, begannen sie sofort mit der Arbeit der Verwandlung, und ein wenig erstaunt sahen wir zu, wie zwei Kinder sofort anfingen, Seiten aus dem Branchenbuch herauszureißen und das Tier damit zu bepflastern. Als nächstes folgten unterschiedliche gelbe Anstriche. Dazwischen befestigten sie immer wieder mit Tesakrepp Papierstücke und kleinere Objekte. Die Kinder waren nun an einem Punkt, an dem sie sich einzelne kleine Felder vornahmen und sich diesen mit besonderer Aufmerksamkeit widmeten. Gegen Ende des Prozesses wurde das Tier sogar beschriftet. Aus gelben Klebestreifen war das Wort Gelbgelbhorn zu entziffern. Durch die Verwandlung eigneten sich die Kinder nicht nur das ungewohnte Pappobjekt an. Das Tier in der Bibliothek wurde für sie lebendig und ermöglichte ihnen, differenziert über ihre Farberfahrungen zu sprechen: Eigentlich solle das Gelbgelbhorn in einem Maisfeld stehen. Da passe es hin. Die Farbe von Mais passe am besten zu ihm. Gerade da, wo die Telefonbuchseiten übermalt wurden, tauche genau die Farbe von Mais auf, erzählte ein Mädchen. Ein anderes meinte, wir müssten die Fenster auflassen, damit mehr Sonnenlicht in die Bibliothek käme. »Das Gelbgelbhorn braucht Licht, sonst verschwindet die Farbe!«
Die Farbe verschwand tatsächlich wieder. Und zwar an dem Tag, an dem eine weitere Gruppe von Kindern das Gelbgelbhorn in ein blaues Tier verwandelte. Nun mag die eine oder andere denken, dass dieser Akt problematisch sei, hatten sich die Kinder doch mit dem Gelbgelbhorn identifiziert. Würde die Veränderung des Tieres durch Blau vielleicht als Zerstörung des eigenen Werks wahrgenommen werden? An dieser Stelle verhielten sich die Kinder jedoch gegen diese Erwartung. Vielmehr bezogen sie den Akt der Veränderung auf die Geschichte des Rotrothorn und erlebten die Veränderung ihres Werks durch die Arbeit der anderen Kinder und vor allen Dingen durch die neue Farbe als spannenden Prozess. Das Verschwinden des Gelbgelbhorn durch die Farbe Blau wurde von den Kindern weniger als Verlust wahrgenommen als vielmehr als Selbstverständlichkeit im Prozess der Verwandlung. Die Kinder identifizierten sich also weniger mit dem Tier in einer bestimmten Farbe, weniger mit dem Tier als Werk, als vielmehr mit dem Tier in der Verwandlung, also mit dem Tier als Prozess.
Nichtsdestotrotz sind durch die Verwandlung des Tiers durch die unterschiedlichen Farben eigensinnige temporäre Objekte entstanden, denen ein vielfältiger Umgang mit Farbe und Form vorausging und die von den Kindern jeweils mit großer Aufmerksamkeit betrachtet wurden. Das Wesen des Gelbgelbhorn zeichnete sich vor allem durch das Applizieren von Materialien und Objekten aus. Im Vergleich zum Delfihorn, das durch die Verwandlung mit blauen Tönen und Farben entstand, wirke das Gelbgelbhorn eher wie aus gelber Farbe gebastelt, bemerkte Johannes. Bei der Verwandlung des Gelbgelbhorn in ein blaues Tier stand hingegen für die Kinder die Malerei im Vordergrund. Obwohl sie auch für diesen Verwandlungsprozess im Vorfeld ein breites Spektrum an blauen Materialien und Dingen gesammelt hatten, entschied sich die Mehrzahl der Kinder, mit Pinsel und Rolle zu arbeiten und das Tier eher in Farbe zu tauchen als zu beschichten. Obwohl die Malerei in dieser Phase im Vordergrund stand, wurden selbstverständlich auch hier Dinge und Objekte appliziert, gerade um dem Tier ein Gesicht zu geben oder seine Hörner zu verstärken. Anders als bei dem Gelbgelbhorn, übermalten die Kinder beim Delfihorn jedoch die applizierten Objekte mit blauer Farbe und verbanden sie auf diese Weise mit ihrer Malerei.
Ein paar Tage stand das Delfihorn nun einfach da, in der Bibliothek. Manchmal ein bisschen traurig, fanden die Kinder, aber irgendwie auch sehr stark. Das machen die blauen Farben, sagten sie. Jetzt sollte das Tier grün werden. Und zu Beginn konnte sich keiner so richtig vorstellen, wie das gelingen könnte, stand das Delfihorn doch sehr präsent im Raum.

… wächst als Grüngrünhorn weiter und verschwindet wieder…
Fast ein bisschen zu vorsichtig näherte sich nun die dritte Gruppe Kinder dem Delfihorn und versuchte, es in ein grünes Tier zu verwandeln. Die Kinder wählten ebenfalls Pinsel und Rolle. Auffällig in diesem Prozess der Aneignung und Verwandlung und anders als bei der Entstehungsgeschichte des Delfihorns war jedoch, dass die Kinder sich entschieden, nicht alles zu übermalen, sondern durchaus Stellen in blauen Tönen einfach stehen zu lassen oder sogar bewusst, blaue Farbe einzusetzen. »Wer sagt denn, dass nicht auch Grün ein wenig Blau sein kann«, argumentierte ein Junge, und setzte wie um eine Diskussion um seine These zu forcieren, ein paar Tupfer Blau auf die neue Schicht grüner Farben. War es nicht auch in der Geschichte des Rotrothorn so, dass Aspekte der vorangegangenen Verwandlung in den neu geschaffenen Wesen konserviert wurden oder in modifizierter Weise wieder auftauchten? Wurden im Gelbgelbhorn und im Delfihorn die Spuren des Vergangenen fast restlos zum Verschwinden gebracht, spielten die Kinder im Prozess der Verwandlung in ein Grüngrünhorn mit dem Vorangegangenen. Vielleicht wurde einigen Kindern gerade an dieser Stelle bewusst, dass das was sie schufen in gewisser Weise auch ein Eigenleben hat und fragten sich, wie das gehörnte Tier es wohl finde, immer wieder verwandelt zu werden. Johannes schrieb dazu eine beeindruckende kleine Geschichte:
Es lebte einst ein Horn und das war grau und farblos. Eines Tages sah es ein Bienennest und einen Menschenaffen. Der Menschenaffe sagte: »Willst Du ein wenig Honig?« Da antwortete das graue Horn: »Lieber nicht, sonst werde ich noch gelb!« Da kam der Menschenaffe mit einem Eimer Gelb und schüttete es (über ihm aus: K.W.). Das graue Horn ging weg. Das graue Horn war traurig. Es sagte zu sich: »Jetzt bin ich gelb. So eine blöde Farbe!« Nach vielen Jahren hatte sich das graue Horn, das jetzt ein gelbes Horn ist, an die Farbe gewöhnt. Doch es wollte lieber wieder seine alte Farbe haben. Da sah es einen Zauberer. Es rannte schnell hin und bat den Zauberer: »Mach mich grau!« Der Zauberer sagte: »Wenn du willst« und nahm das
gelbe Horn mit in sein Labor. Er tat ganz viele Mittel in einen Kessel. Plötzlich war das gelbe Horn blau — statt grau. Da rief es: »Du hast Blau statt Grau genommen!« Der Zauberer war aber schwerhörig und schüttete dem Gelbhorn den Kessel über den Kopf. Da rannte das Gelbhorn, das jetzt blau war weg und dachte: »Nun bin ich blau — was für eine langweilige Farbe!« Es dauerte über viele Jahre bis es sich an die Farbe gewöhnt hatte. Da sah es einen Regenbogen. Es ging zu dem Regenbogen und fasste die Farbe Grün an. Da wurde es grün und sagte: »Ich habe eine Idee! In der Zeitung stand, dass jemand ein Grünhorn braucht.«
Da freute sich das Grünhorn und nahm den Job an. Es lebte glücklich bis es starb.
Ein bisschen so, wie Johannes es in seiner Geschichte erzählt, war es auch in der Schule. Das Tier verschwand wieder aus der Bibliothek. Die Kinder schrieben ihm noch einen Brief und dann war es nicht mehr da — und es war irgendwie auch ganz selbstverständlich so, so wie es eben ist, wenn jemand seiner Wege geht.

Bilderbuch:
Pacovská, K.: Rotrothorn. Ravensburger Buchverlag, Ravensburg 1999

Die Bilderbuchwerkstatt fand in Kooperation mit Susanne Anders in der Evangelischen Grundschule Potsdam statt.