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Formenspiel und Szenenwechsel

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Das Bilderbuch »Das runde Rot« von Katja Kamm als Erzählanlass zwischen räumlicher Intervention und eigensinniger Story

Text: Kirsten Winderlich
Fotos: Nick Ash

Im Mittelpunkt des Bilderbuches steht ein roter Kreis. Dieser verwandelt sich ständig und behält dabei seine Gestalt, Farbe und Größe doch immer bei. Geht das überhaupt? Und kann ein derartiges Bilderbuch für Grundschulkinder spannend sein?
Es kann! Für die Kinder einer Potsdamer Grundschule war die Auseinandersetzung mit dem Bilderbuch sogar wie ein Krimi. Das Bilderbuch vom runden Rot erzählte den Kindern in Bildern und ohne Worte eine Vielfalt von teilweise bizarren Geschichten, die sie zum Nachsinnen, Fragen und Erzählen anregten, sie wundern und phantasieren ließen, die sie teilweise amüsierten und zum Lachen brachten, an einigen Stellen sogar laute Empörung hervorriefen. Wie auch immer — das Bilderbuch riss die Kinder in unserer Bilderbuchwerkstatt derart mit, dass sie mit großem Elan ausprobierten, wie das denn wäre, mit Hilfe eines fremden Dings in die Umwelt einzugreifen. Eine Vielzahl roter Vierecke half ihnen dabei. Wie die Kinder durch ihre Auseinandersetzung mit dem Bilderbuch und in einer Art Parallelaktion mit Hilfe eines roten Vierecks in ihren Schulraum eingriffen und aus diesen Interventionen heraus eigensinnige Stories schufen, beschreibt im folgenden Kirsten Winderlich.

Das Buch »Das runde Rot«
Ein Blick auf das Bilderbuch von Katja Kamm soll den besonderen Impuls für die eigensinnigen Stories veranschaulichen.
In der Geschichte »Das runde Rot« begegnen wir einem Mädchen, einem Jungen, einem Pater, einer Clownin, einem Koch, einem Mann und einem Hund. Wir schauen zu, wie sich durch diese Figuren das runde Rot von Seite zu Seite in neue Gegenstände verwandelt. Dabei verändert das runde Rot nie seine Form und Farbe. Es erhält seine jeweilig neue Bedeutung immer nur durch den Kontext, die konkrete Situation, in die es eingeschmuggelt wird.
Auf der ersten Seite sehen wir nur einen roten Kreis, eine runde rote Fläche, eben das runde Rot, das durch das Stilmittel der Alliteration personifiziert und dem Betrachter als Gegenüber präsentiert wird. Auf der zweiten Seite tauchen ausgestreckte Arme aus der unteren Bildhälfte auf. Der rote Kreis, das runde Rot, wird zum Ball. Es ist nicht eindeutig, ob die Arme, ob das durch die Arme angedeutete Kind den Ball wirft oder fängt. Auf der nächsten Seite erscheint das Mädchen, den Ball fangend und hochwerfend. Die Bewegungsrichtung verläuft über zwei Seiten von links nach rechts. Am Rand der rechten Seite wird ein Baum angedeutet; Äste mit grünem Laub ragen von der oberen Hälfte ins Bild. Ein Blatt fällt. Und ein weiteres Blatt, das auf den Ball fällt, verwandelt ihn in einen Apfel. Das runde Rot wird in unterschiedlichen Situationen und Geschichten in Gegenstände verwandelt, indem sich der Kontext der Gegenstände eröffnet, immer in Nachbarschaft des konkret abgebildeten Gegenstandes. So entdecken wir das runde Rot anstelle eines Autorades neben einem konkret abgebildeten Autorad. Das runde Rot verwandelt sich in einen Ball, in einen Apfel, in ein Autorad, in eine Schallplatte, in ein Tablett, in einen Lollipop, in ein Jojo, in einen Ballon, in eine Sonne und wieder in einen Ball. Jeweils eine Doppelseite, die mit klar kolorierten und konturierten Figuren und Gegenständen vor satten wechselnd monochromen Hintergründen auf das Wesentliche stilisiert sind, dient der Vorstellung des jeweils neuen Objekts. Auf der davorliegenden Seite bahnt sich die Transformation und Verwandlung des runden Rots durch den Auftritt der Personen, Tiere und die jeweilig neue Handlung an.

Im Fluss des Wandels
Neue fremde Hände reichen vom rechten Seitenrand ins Bild, nehmen dem Mädchen den Apfel weg und werfen ihn fort. Ein Hund erscheint, fängt den Apfel und trägt ihn in seinem Maul aus der Szene heraus auf die nächste Seite zu einem Auto mit plattem Reifen. Der Reifen wird gerade gewechselt, und aus dem Apfel wird nun ein roter Reifen. Mann und Hund fahren mit dem neuen Reifen und müssen an einem Vorfahrtsschild anhalten. Eine Clownin nutzt diesen Moment und klaut den Reifen, legt ihn wie eine Schallplatte auf ein Grammophon und tanzt mit ihrer Katze. Der Katze wird schwindelig, und die Clownin stellt die Schallplatte in einen Ständer. Da kommt ein Junge, nimmt sich die Schallplatte und funktioniert sie zu einem Tablett um. Mit dem Tablett und Stäbchen in der Hand eilt er auf einen Koch zu, der aus Japan kommen könnte. Auf eines seiner Stäbchen gestellt, wird die Platte zum Lollipop und, als er hochgeschleudert wird, vom Lutscher zum Jojo. Schließlich löst sich das Jojo, fliegt wie ein Ballon zum Himmel und leuchtet von dort oben als rote Sonne im Abendlicht. Das Mädchen, bekannt vom Beginn der Geschichte, naht, entdeckt das runde Rot und kichert. Wahrscheinlich erinnert es sich an all das, was es mit dem runden Rot erlebt hat.
Nun könnte die Geschichte von vorne los gehen und es würde nicht langweilig werden. So ging es den Kindern der Potsdamer Grundschule jedenfalls. Angeregt vom Flow der ständigen, teilweise grotesken, Verwandlungen, tauchten sie in das Bilderbuch ein wie Detektive. So unterstellten sie zum Beispiel dem Pfarrer, dass er sich nur verkleidet habe, um den Apfel zu bekommen und beurteilten sein Verhalten dem Mädchen gegenüber als gemein. Aber ist das Mädchen überhaupt ein Mädchen? Vielleicht hat es sich die ganze Geschichte nur ausgedacht? Immerhin taucht es am Ende des Buches wieder auf, und sicher ist das Rot für es dann wieder ein Ball. Und wer steckt hinter der Clow-nin? Könnte die Clownin nicht auch der Pfarrer sein, der sich als Frau verkleidet hat? Und wie stehen das Mädchen und der Junge zueinander? Werden sie einander wieder begegnen? Wahrscheinlich, denn der Kreis macht eine Reise um die Welt, oder? Die japanische Flagge hat ja auch ein rotes Rund und Japan liegt doch am Ende der Welt!

Die Intervention oder Wie ein rotes Viereck die eigene Welt verzaubert

Auf diese oder ähnliche Weise ließen sich die Kinder von dem Sog der Geschichte mitreißen und erweiterten diese gleichzeitig, indem sie die Geschichte kommentierten und infrage stellten.
Wie können wir diesen kreativen Impuls des Bilderbuchs für eine eigene Geschichte nutzen? Einer Geschichte, die wie die Geschichte vom »runden Rot« von einer abstrakten geometrischen Form ausgeht?
Eine Möglichkeit ist es, die Geschichte des runden Rots in Form eines roten Vierecks aufzugreifen. Die Kinder erhielten konkret die Aufgabe, rote Vierecke in ihre eigene Umwelt zu integrieren. Anders als in der Bilderbuch-geschichte konnte das rote Viereck in der Aktion der Kinder unterschiedliche Größen haben. Wo aber ließen sich überall Vierecke finden? Ausgestattet mit rotem Papier, Schere und Klebeband startete in der Folge eine kleine Expedition.
Der Ausgangsort für die Forschungsreise auf der Suche nach Vierecken war die Bibliothek. Hier fanden die Kinder Vierecke in Form von Regalfächern, Treppenstufen und Kissen. Auf dem Weg nach draußen entdeckten und verwandelten sie dann Lichtschalter, Fenster, Heizungen, Treppenabsätze, Schrankwände, Fahrstuhlknöpfe und Steine in rote Vierecke. Ja, sogar in den Löchern eines Fußballnetzes wurden Vierecke entdeckt — Rauten, wie ein paar Kinder gleich bemerkten, ursprünglich die Löcher im Netz, wurden ebenfalls mit rotem Papier versiegelt. Kaum zu glauben, wie sich ein Objekt oder sogar ein ganzer Raum durch die Integration eines roten Vierecks veränderte! Wie eine fremde Welt, kommentierte ein Mädchen, das gerade eine Fläche eines kleinen Steins auf dem Schulhof mit Rot versehen hatte. Diese neu entstehenden Welten wurden fotografiert und dienten den Kindern im Anschluss an ihre Aktion als Erzählanlass. Kaum zu glauben, dass sie die Motive der Fotos arrangierten! Erneut kamen Fragen auf: Wer war dieses rote Viereck? Wieso ist es dort und nicht woanders? Warum bedeckt es eine Bodenplatte oder einen Stein? Weshalb steckt es als Vielfaches in einem Netz? Die Fragen, die durch das Betrachten der Fotos aufkamen regten die Kinder zu eigenen Stories an. Für die Kinder war anscheinend das kleine rote Viereck am Fahrstuhlknopf besonders interessant, begannen doch viele ihrer Geschichten genau an diesem Ort. Also: Was hat das Rot am Fahrstuhlknopf zu suchen?

Die Stories: Ein kleines Rot geht auf Wanderschaft
Konrad schildert eine Möglichkeit in folgender Geschichte:
»Es war einmal ein Viereck. Das saß im Aufzug. Der Aufzug war so schnell, dass das Viereck volle Kante nach oben geschleudert wurde. Es flog und flog und flog. Dann landete es unsanft auf einem Netz und zersprang in 1000 kleine Vierecke. Einem der Vierecke wurde es zu eng und es flog auf den Basketballkorb. Da warf jemand mit einem Ball auf das Viereck. Das Viereck flog auf die Platten des Basketballplatzes. Da kam ein großer Sturm und wehte das Viereck auf einen Stein. Danach sonnte es sich sein ganzes Leben.«
In Jovis Geschichte stellt der Fahrstuhl sogar das Zuhause des roten Vierecks dar, zu dem es nach seiner Reise glücklicher Weise wieder zurückgeweht wird: »Es lebte ein rotes Rot in Potsdam. Es hatte die Aufgabe am Fahrstuhl den Leuten den Fahrstuhl zu zeigen. Eines Tages fiel es ab und dann lag es auf weichen Kissen. Da war in der Ecke noch ein Fenster. In der Zeit kam ein Mensch, setzte sich auf die Kissen und der Mensch ging dann ans Fenster. Und dann fiel es (das Rot: K. W.) ab und landete in einem Netz. Dann kam eine Windböe. Es flog jetzt und landete am Fahrstuhl und jetzt ist es wieder zu Haus.«
Die vorangegangenen Texte zeigen, dass das rote Viereck in vielen Stories ein Eigenleben hat. Dieses wird besonders in Rickys Geschichte deutlich, der sein Viereck nicht nur mit der Fähigkeit sich zu bewegen und zu verwandeln ausstattet, sondern insbesondere auch mit Gefühlen:
»Das rote Quadrat hängt einsam an einem Fahrstuhlknopf. Plötzlich kommt Lasse in den Fahrstuhlraum und will mit dem Fahrstuhl hochfahren. Lasse will den Knopf drücken. Doch plötzlich fällt das kleine rote Quadrat ab und springt in die Bibliothek. Dort fällt es auf ein Kissen. Und als es auf das Kissen gefallen ist, wird es immer größer. Doch plötzlich stürmen ganz viele Kinder in die Bibliothek. Da wird es dem Quadrat zu laut. Es sprang von den Kissen herunter und hüpfte nach draußen und sprang so hoch, wie es noch nie gesprungen ist, mitten auf den Basketballkorb. Dort oben übernachtete es 18 Wochen. Am nächsten Morgen wachte es früh auf und hüpfte wieder ins gelbe Haus und hüpfte wieder in die Bibliothek. Dort klebte es sich ans Fenster und schlief. Am nächsten Morgen wachte es auf und sprang vom Fenster runter und lief zum Fahrstuhl und drückte den Knopf nach unten. Der Fahrstuhl fuhr so schnell, dass es auf dem Boden klebte und als die Tür aufging, versuchte es sich loszureißen. Aber es klappte nicht und es rannte zur Fahrstuhltür, sprang durch die Tür und rannte raus. Dort draußen rannte es zum Klettergerüst und rannte aus Versehen gegen einen Holzbalken und zersprang in Millionen von kleinen Dreiecken. Das eine sprang runter. Die anderen zögerten ein bisschen, doch plötzlich sprang jeder einzeln runter. Dann klebten sie sich aneinander und schon wurde wieder ein rotes Quadrat (aus ihnen, K. W.). Es freute sich so sehr, dass es wieder ins gelbe Haus rannte. Da rannte es in den Keller. Plötzlich sah es einen großen Raum, in dem man klettern konnte. Das rote Quadrat wurde neugierig und tobte im Kletterraum. Dort kletterte es das Netz hoch. Dort oben kuschelte es sich in eine Matratze und übernachtete da oben. Am nächsten Morgen wachte das Quadrat früh auf. Es rannte zum Fahrstuhl und fuhr hoch. Der Fahrstuhl fuhr wieder so schnell, dass es fast an die Decke knallte. Aber das rote Quadrat hatte sich auf den Boden festgeklebt, und als die Fahrstuhltür aufging, rannte es raus in die Pause. Da legte es sich auf die Bank und schlief. Bis ein Sturm kam und es wieder wegwehte.«
Und dann war das rote Viereck wieder verschwunden. Was macht dieses ständige Woanderssein eigentlich mit dem Viereck? Bekommt es etwas mit von seiner ständigen Verwandlung? Lina machte sich darüber Gedanken und stattete das rote Viereck in ihrer Geschichte nicht nur mit Emotionen aus, sondern auch mit der Fähigkeit zur Selbstwahrnehmung. Ihr rotes Viereck fragt sich, warum es größer wird und sich verwandelt:
»Es war einmal ein rotes Viereck. Das war so klein, dass es auf dem Hof auf die eine Seite von einem kleinen Stein passte. Da wurde es neugierig und das kleine Viereck tappte durch die Tür ins Haus rein. Da ging es durch die Tür. Hinter der Tür verbarg sich ein Fahrstuhl. Plötzlich schwebte das kleine rote Viereck auf den Fahrstuhlknopf zu. Dabei begann es zu wachsen. Es bemerkte es erst, als es an sich herunter guckte. Da fragte es sich entsetzt: >Werde ich wirklich größer?<, >Oh!< Wieder wunderte sich das kleine rote Viereck. Es klebte jetzt an dem Fahrstuhlknopf. Jetzt wollte es die Gegend erkunden. Aber es merkte schnell, dass es zu müde war. Deshalb legte es sich aufs Ohr und schlief schnell ein, weil es von dem langen Tag müde war. Am nächsten Morgen sprang das kleine rote Viereck in die Bibliothek. Als es so sprang und an sich herunter guckte, da sah es, dass es wieder wuchs. Es fragte sich wieder: >Werde ich wirklich größer?< Als es in der Bibliothek war, kuschelte es sich in ein Kissen. So kam es dazu, dass es an dem Kissen kleben blieb. Am nächsten Tag trampelte das rote Viereck in den Hof. Dort sprang es so hoch, dass es an der Basketballscheibe kleben blieb. Da angekommen, wuchs es wieder und fragte sich wie immer dasselbe: >Werde ich wirklich größer?< Wieder verbrachte das kleine Viereck eine Nacht an seinem Platz. Bis ein Junge kam und das Viereck mit einem Ball herunterschmiss. Da ging es ins Haus und wollte aus dem Fenster gucken. Da merkte es, dass es wuchs. Dann klebte es am Fenster und hatte sein ganzes Leben lang eine schöne Aussicht aus dem Fenster.« Unabhängig davon, wie komplex und vielschichtig die Geschichten der Erst-bis Drittklässler ausfielen, immer waren es sehr eigensinnige Stories, die dem roten Viereck ein gewisses Eigenleben einhauchten. In allen Geschichten wurde deutlich, dass die Stories der Kinder von einer Spannung und Dynamik gehalten werden, die eine ähnliche Bewegtheit hervorrufen, wie die Bilderbuchgeschichte des runden Rots, der großen Schwester eben.

Bilderbuch:
Kamm, K.: Das runde Rot. Bajazzo Verlag, Zürich 2003

Die Bilderbuchwerkstatt fand in Kooperation mit Susanne Anders in der Evangelischen Grundschule Potsdam statt.