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Ein Tag im Schnee

Ein Tag im Schnee

Ein Bilderbuch von Ezra Jack Keats

Text: Kirsten Winderlich
Fotos: Elisa Bauer

Auf einmal sieht die Welt ganz anders aus. Sie fühlt sich anders an und riecht anders. Alle Geräusche klingen wie eingehüllt. Wie eine weiße Decke, die alles versteckt und gleichzeitig auf neue Weise hervorbringt. Zu beneiden sind all diejenigen, für die ein Tag im Schnee vor der Tür steht, aber auch diejenigen, die in der Lage sind, sich an diesen zurückzuerinnern. Gemeint sind die hoffentlich vielen, die sich daran erinnern, wie sie morgens das Fenster öffnen und nach Monaten, geprägt von Sonne, Regen und Dunkelheit, den ersten Schnee bemerken. Eine alle Sinne berührende Auszeit kann beginnen, ein Abenteuer, aufregend in allen Aggregatzuständen. Und genau diesen Moment lässt Ezra Jack Keats in seinem 1963 mit der Caldecott-Medaille ausgezeichnetem Bilderbuch hochleben, in einer Geschichte, die sich an unzähligen Orten auf dieser Welt ereignen könnte, die, unabhängig davon, dass Sie bereits vor fast sechzig Jahren erzählt wurde, zeitlos ist. »Eines Morgens, im Winter, wachte Peter auf und schaute aus dem Fenster. Schnee war in der Nacht gefallen. Er bedeckte alles, so weit Peter sehen konnte«, heißt es gleich zu Beginn der Geschichte, die 2020 vom Carl Auer Verlag neu aufgelegt wurde. Gleich nach dem Frühstück zieht Peter seinen Schneeanzug an und rennt nach draußen. Um den Gehweg frei zu halten, türmen sich am Rand hohe Schneeberge. Peters Füße sinken nach jedem Schritt knirschend in den harschen Schnee. Er spielt mit seinen Spuren. Mal zeigen die Zehen nach innen, mal nach außen und flankieren so den unteren Bildrand wie eine Borte. Auf der folgenden Doppelseite verändert sich ihre Gestalt. Jetzt spurt Peter langsam schlurfend in Form parallel verlaufender Linien. Auf der rechten Bildseite können wir sehen, wie abrupt eine dritte hinzukommt. Der Text erzählt, dass Peter etwas fand, mit dem er eine weitere Spur ziehen konnte. Die Seite umgeblättert, wird offenbar, dass es ein Stock war, der ihn auf diese Idee gebracht hat. Den Blick vom Boden in die Höhe gerichtet, unterbricht Peter seinen Weg und beginnt mit dem Stock auf einen schneebedeckten Baum zu schlagen. Was die Folge dieses Intermezzos ist, vermittelt das anschließende Bild, das uns frontal mit einem angeschnittenen Porträt Peters konfrontiert. Seinem verdatterten Blick nach oben folgend, wirkt seine rote Zipfelmütze arrangiert mit einer nicht unerheblichen Schneemasse wie eine markante Gebirgsschneelandschaft. Peter und der Schnee scheinen in diesem Moment ganz eins zu sein. So ist es auch nicht verwunderlich, dass Peter, gestärkt von dieser leib-sinnlichen Erfahrung, den Mut zu neuen Herausforderungen aufbringt und sich für einen kurzen Moment vorstellen kann, »bei der Schneeballschlacht der großen Jungs mitzumachen«. Zeigen die vorangegangenen Seiten und Etappen einen sensiblen, neugierigen wie phantasievoll forschenden Zugang zu dem Naturereignis, das immer wieder individuell neu erlebt und erfahren werden kann, sind die folgenden beiden Doppelseiten von Klischees geprägt. So sehnt sich Peter, bei der Schneeballschlacht der »großen Jungs« mitzumachen, weiß aber, so der Text, dass er noch nicht groß genug dafür ist. Warum eigentlich? Zur Kompensation baut er nicht etwa einen wütenden, sondern einen lachenden Schneemann, dem er mit einem »Engel« im Schnee zu gefallen versucht. Unabhängig von diesem Moment der Irritation, stärkt Keats Bilderbuchgeschichte Kinder wie Kindheiten, deren Verständnis sich historisch, wie wir spätestens seit Ariès »Geschichte der Kindheit« wissen, immer wieder gewandelt hat. So ist das Bilderbuch des US-amerikanischen, jüdischen Bilderbuchautoren multikulturell angelegt und bietet Kindern mit dem Schwarzen Protagonisten Peter eine unverzichtbare Identitätsfigur. Darüber hinaus konstituiert sich der Schauplatz des Geschehens überwiegend jenseits des häuslichen »Kinderzimmers« und außerhalb der Reichweite der Eltern in einem Konglomerat aus urbanem Raum und Schneelandschaft. Die malerischen und großflächigen Collagen aus farbig strahlenden, bedruckten und marmorierten Papieren und Textilien öffnen den Blick für Möglichkeitsräume, die jenseits ihrer Noch-Nicht-Greifbarkeit Zuversicht verschaffen. Ganz klar, dass derartige Erlebnisse einen nicht loslassen. So auch Peter, der in der Badewanne von seinem Tag im Schnee träumte, wie es in der Übersetzung der ersten deutschsprachigen Auflage im Jahr 1979 von Lucia Binder buchstäblich heißt. Dass Peter im Rahmen der Neuauflage nicht mehr träumen darf, sondern nachdenkt, ist hingegen bedauerlich und ernüchternd. Entfremdet sich doch in diesem Moment der Möglichkeitsraum von der Imagination. Umso wichtiger wird die letzte Doppelseite, die Peter und seinen Freund von hinten zeigt, wie sie zusammen in den »tiefen, tiefen Schnee« gehen. Das Seitenformat sprengend, öffnet die Schneelandschaft dabei wie ein Vorhang ein Fenster auf einen strahlend blauen Winterhimmel: oder eben auf das Noch-Nicht.

Ezra Jack Keats
Ein Tag im Schnee
(Originaltitel: The snowy day, 1962)
Carl Auer Kids
32 Seiten, gebunden, 21,5 x 25.6 cm, farbig illustriert
1. Auflage November 2020
ISBN-13: 978-3968430164
€ (D) 19,95 / € (A) 20,60

Anregungen für eine erweiterte ästhetische Rezeption des Bilderbuches

Für die Rezension des Bilderbuches haben sich Simon (7) und Vicco (7) mit dem Bilderbuch in der Bilderbuchwerkstatt der grund_schule der künste auseinandergesetzt. Das Bilderbuch wurde dabei über eine Digital-Analoge Tafel betrachtet, die darauf abzielt durch Differenzerfahrung mit den Möglichkeiten digitaler Medien zu spielen und zu experimentieren. Entsprechend wurden die Kinder im Anschluss an das Bilderbuch aufgefordert, sich an ihren ersten Tag im Schnee zu erinnern und dabei auf die Tafel zu zeichnen – solange bis die Tafel von Kreidestaub resp. Schnee restlos bedeckt ist. Dieses spielerisch-assoziative Verfahren, Erinnerungen an eigene Erfahrungen mit und im Schnee hervorzulocken und zu materialisieren, kann auch mit Hilfe einer schwarzen oder anthrazitfarbenen Linoleumbodenplatte initiiert werden. Das Buch würde dabei in der Mitte platziert und wäre auch räumlich zentraler Impuls für die Assoziationen der Kinder. Alternativ eignet sich auch ein dunkler Tanzboden, der als Meterware erhältlich ist.