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AUS HEITEREM HIMMEL

Ein Bilderbuch von Jon Klassen

Text: Kirsten Winderlich
Fotos: Elisa Bauer

»Eine Schildkröte, ihre Freunde – und ein ungutes Gefühl« heißt es auf der Rückseite des neuen Bilderbuches von Jon Klassen, dessen aquarellartige Bilder uns in zeitlos anmutende Welten und Stimmungen versetzen. Bereits auf dem Cover treten die Schildkröte und ihr Freund, ein Gürteltier, in einer von Kargheit geprägten Landschaft auf. Mit ihren Hüten, genauer Melonen, und Punktaugen erinnern sie an komische Figuren im Theater. Platziert in der Landschaft unter weitem Himmel wirken sie fast ein wenig verloren. Und dennoch ist noch kein Grund für ein ungutes Gefühl auszumachen. Der Himmel ist mit Schönwetterwolken übersät. Schlagen wir das Buch auf, ändert sich dieser Eindruck jedoch schnell. Noch vor Titel und Impressum ragt ein Fels von der oberen Buchkante ins Bild. Dass er mit erheblicher Geschwindigkeit durch die Atmosphäre auf die Erde drängt, beweist das folgende Bild. Denn weitergeblättert, hat der Fels schon fast die Buchseite verlassen. Unaufhaltsam rauscht er abwärts. Nur noch ein Drittel seiner Masse ist am unteren Bildrand zu erkennen. Nicht überraschend, dass das erste Kapitel oder besser der erste Akt mit eben diesem überschrieben wird: »Der Fels«. Die jeweils auf einer leeren Seite mittig platzierten Titel stellen Zäsuren in der Bilderbuchgeschichte dar. So können die einzelnen Kapitel unabhängig voneinander als Geschichten gelesen werden. Gleichzeitig bilden die Titel einen ganz eigenen Mikrokosmos und Spannungsbogen. Nach dem »Fels« folgen die Titel »Der Sturz«, »Sich die Zukunft vorstellen«, »Der Sonnenuntergang« und »Kein Platz mehr«. Hintereinander gelesen, bringen sie die existentialistischen Begegnungen und Erfahrungen der Protagonisten auf den Punkt und öffnen über ihren jeweiligen Bedeutungshof hinaus Raum für vielfältige Assoziationen.
Aber kommen wir noch einmal zum Anfang der Geschichte, die ausschließlich in Dialogform erzählt wird. Noch scheint die Schildkröte nichts von einer Bedrohung zu spüren. Sie befindet sich an ihrem Lieblingsplatz, direkt neben einer Blume mit lachsfarbenen Blütenblättern. Schade, dass ihr Freund, das Gürteltier, sich an diesem Platz nicht wohl fühlt. Wittert es vielleicht Gefahr? Oder hat sein Gefühl etwas mit ihrer Beziehung zu tun? Sein Erleben ist auf alle Fälle ambivalent. So begibt sich das Gürteltier an einen von der Schildkröte weit entfernten Platz. Es steht jetzt direkt neben einem Trieb, der eigentlich gut zu der Blume passen würde, denn beide könnten sich ergänzen: die Blume mit ihrem Stiel ohne Blätter und der Trieb mit seinen Blättern. Aufgrund des großen Abstands zueinander können die Schildkröte und das Gürteltier einander nicht hören. Dies macht der Dialog, in dem die Rede der Schildkröte schwarz und die Gegenrede des Gürteltiers grau gehalten sind, nur allzu gut kenntlich. Die Schrift in extra-großen Blockbuchstaben unterstreicht noch einmal die aufgrund der Distanz notwendige Lautstärke. Es bleibt nicht dabei. Das Gürteltier macht einen ersten Schritt und geht auf die Schildkröte zu. Zurückgekehrt, widerfährt ihm erneut ein Unbehagen. Es kann den Standort der Schildkröte und den der Blume nicht einnehmen! Die Schildkröte wiederum will ihren Lieblingsplatz nicht verlassen. Also kehrt das Gürteltier zurück und wendet sich gleichzeitig von der Schildkröte ab. Vielleicht hat es in diesem Moment bereits die Schlange gesichtet, die auf der folgenden Seite der Einladung des Gürteltiers folgt und sich zu ihm gesellt. Bemerkenswerter Weise trägt die Schlange keine Melone, sondern eine Baskenmütze. Dieses Accessoire bricht mit dem häufig der Schlange zugeordneten negativ konnotierten Stereotyp der Falschheit und verwandelt die Schlange in eine freundlich-friedliche Figur. Gleichzeitig macht die Baskenmütze noch einmal offensichtlich, dass die Melone sowohl von der Schildkröte wie auch von dem Gürteltier getragen wird. In diesem Sinne steht der »Partnerlook« für eine gegenseitige Verbundenheit. So ist es auch nicht erstaunlich, dass die Schildkröte eifersüchtig zu dem Gürteltier und der Schlange hinüberblickt und dabei für ihren Lieblingsplatz wirbt. Da bekanntermaßen die Entfernung zwischen ihnen groß ist, können das Gürteltier und die Schlange die Schildkröte nicht hören. Die Schildkröte geht auf die beiden zu. Was für ein Glück, denn just in diesem Moment stürzt der Fels auf die Erde, direkt auf den Platz, an dem die lachsfarbene Blume stand, dem Lieblingsplatz der Schildkröte. Hatte das Gürteltier diese Katastrophe kommen sehen? Hatte es deshalb ein ungutes Gefühl? Die Schildkröte lässt sich nicht abhalten, ihren Lieblingsplatz zurückzuerobern und klettert auf den Felsen. Mit diesem Bild endet die erste Geschichte. Und die folgende beginnt genau dort und nimmt mit ihrem Titel »Der Sturz« das folgende Ereignis vorweg. Die Schildkröte stürzt vom Felsen und die Welt steht Kopf. Im dritten Akt beginnen die Schildkröte und das Gürteltier sich die Zukunft vorzustellen. »Es werden neue Sachen wachsen. Neue Pflanzen und Bäume«, imaginiert das Gürteltier. Nach und nach verwandelt sich die karge Landschaft in einen Wald. Doch auch hier lauern Gefahren. Ein außerirdisches, feuerspeiendes Wesen naht. Eine Blume verglüht. Die Schildkröte mag sich die Zukunft nicht mehr vorstellen. Der vierte Akt beginnt. Das Gürteltier und die Schlange betrachten den Sonnenuntergang. Und wieder ist die Schildkröte eifersüchtig. Sie will wissen, was die beiden tun, und kommt näher. Bei ihnen angekommen, unterbrechen sie ihr Gespräch und behandeln die Schildkröte, als wäre sie Luft. An dieses Bild anknüpfend, beginnt der letzte Akt. Bei dem Gürteltier und der Schlange gibt es keinen Platz für die Schildkröte. »Ich verstehe. Ich verstehe, wie es läuft. Nur Platz für zwei,« konstatiert die Schildkröte und wendet sich enttäuscht und traurig ab. Mittlerweile ist es Nacht und der Himmel sternenklar. Die Schildkröte will, dass die beiden wissen, dass sie vielleicht nie mehr zurückkommen wird. Damit sie die Drohung auch garantiert hören können, nähert sich die Schildkröte den beiden doch noch einmal. Und das ist ihr Glück! Denn hinter der Schildkröte lauert das zyklopenhafte Alien, das die Gruppe bereits fixiert. Es kommt jedoch anders. Ein weiterer Fels stürzt auf die Erde und macht das außerirdische Wesen dem Boden gleich.
Wenn wir das Bilderbuch als Parabel betrachten, in dem Alltagsstress, Abenteuer und Apokalypse gleichermaßen verhandelt werden, stellt sich die Frage, was die Lehre ist. Einen Platz zu haben, und gleichzeitig Platz zu machen, klingt so einfach. Die konkrete Umsetzung ist alles andere als das. Erfordert diese doch Bewegung. Oder mehr noch: Immer wieder einen Anfang zu wagen! Was das bedeutet, davon erzählt Jon Klassens neues Bilderbuch mit Komik und (schwarzem) Humor: Widerständen offenen Auges zu trotzen und gleichzeitig einen liebevollen Blick für diese zu entwickeln, mögen diese »aus heiterem Himmel« über eine/n hereinbrechen oder »in persona« in Erscheinung treten.

Jon Klassen
Aus heiterem Himmel
(Originaltitel: The Rock from the Sky, 2021)
NordSüd Verlag
Übersetzt von Thomas Bodmer
96 Seiten, durchgehend farbig illustriert, Hardcover / 19,7 x 26 cm
1. Auflage August 2021
ISBN: 978-314-10573-9
€ (D): 18,00 / € (A): 18,50 / CHF: 23,90

Anregungen für eine erweiterte ästhetische Rezeption des Bilderbuches

Das Buch regt an, es draußen zu betrachten und zu lesen. Wie wäre es dabei Lieblingsplätze aufzusuchen oder neue zu finden? Würden diese die Geschichte verändern? Vicco und Frederick (beide 8), Lena (13), Pauline (11) und Lucie (9) haben es ausprobiert. Lena suchte sich zum Beispiel einen Ort, der sich ihrem Körper anpasst, und von dem sie gut in den Himmel schauen kann. Pauline hat ein Klettergerüst gewählt, von dem sie eine gute Aussicht hat. Lena und Elisa hatten die Idee, auch für das Buch bzw. seine Bilder Lieblingsorte zu suchen und zu schauen, ob sich die Bilder in ihrer Wahrnehmung auf diese Weise verändern. Probiert es einmal aus!