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Der Wal im Garten

Der Wal im Garten
Verkehrte Welt?

Ein Bilderbuch von Sabine Rufener

Text: Kirsten Winderlich
Fotos: Elisa Bauer

Die Geschichte beginnt mit einem Morgen, an dem alles anders war: Die Stimmung, der Rhythmus, die Rituale – wie als wäre man mit dem falschen Fuß aufgestanden. Wer kennt das nicht? Bei Lille war es noch ein wenig anders. »Irgendetwas versperrte ihr die Sicht. Es war grau und roch ein bisschen nach Meer.« Mit diesen Worten leitet Sabine Rufener die Veränderung ein, die keine kleine ist, und letztlich nicht nur eine Person und ein Leben betrifft. Ein Wal liegt auf dem Fahrrad von Lille. Eine absurde Vorstellung! Aber wie kommt er dorthin und wie wieder fort? Oder besser: Wie kommt er dorthin, wo er hingehört? Fragen werden aufgeworfen, die nicht nur Lille betreffen, sondern unsere Erde insgesamt – Fragen, die notwendiger als denn je zu stellen sind!

Die Geschichte und ihre Bilder, in denen (Tusch-)Zeichnung und Druck sowie das Zusammenspiel von Licht und Schatten zur Wirkung kommen, können auf unterschiedlichen Ebenen betrachtet werden. Zum einen wird erzählt, wie Lille den Wal kennenlernt, sich in ihn einfühlt und dabei mit zunehmenden Begegnungen Gefühle des Befremdet-Seins weichen. Zum anderen wird die Bedrohung unserer Umwelt thematisiert, erinnert die Geschichte an die meist tödlich endende Strandung von Walen, die überwiegend menschenverursacht ist.

Folgen wir der Geschichte von dem Wal im Garten, so erfahren wir, wie Lille durch intensive forschende Kontaktaufnahme ihre Angst vor dem Meeresgiganten verliert. Neben den Furchen und Narben, die seine Haut übersäen, entdeckt sie in seinem Maul, »Zähne, doppelt so groß wie ihre Hand«. Trotz dieser Annäherungen bleibt der Wal in seiner Masse ein Störkörper in Lilles Alltag. Er liegt nicht nur auf ihrem Fahrrad und hat damit Schuld daran, dass Lille zu spät in die Schule kommt. Er verstellt Lille nicht nur den Blick nach draußen und ist damit verantwortlich dafür, dass Lilles Zimmer auch am helllichten Tag stockduster ist. Durch seinen Blick in ihr Zimmer, scheint er sie nicht mehr aus den Augen zu lassen. Lille wird mit dem Gefühl konfrontiert, keine Minute mehr allein sein zu können. Sie wendet sich ab von seinem Blick, schließt die Augen, stopft sich die Finger in die Ohren und beginnt lauthals zu singen. Damit wendet Lille zwar eine seit Kindertagen bekannte und sehr wirkungsvolle Strategie der Entziehung aus einer als unangenehm empfundenen Situation an, hat dabei jedoch nicht damit gerechnet, dass Wale über Gesang kommunizieren. »Das ganze Haus bebte. Der Wal stöhnte. Dröhnte. Brummte. Sang«, heißt es im Text. Für den Augenblick gibt sich Lille geschlagen. Am nächsten Tag versucht sie erneut mit dem Wal zu verhandeln, bittet ihn freundlich und höflich ein Stück von ihrem Fahrrad wegzurücken, damit sie es besser unter seinem schweren und massigen Körper hervorziehen kann. Es ist nichts zu machen. Er sei ein gestrandeter Wal, kein Meerschwein. Genauer gesagt, ein Pottwal, wie Lille herausgefunden hat. Sie fragt, woher die Narben auf seinem Körper kommen. Der Wal möchte aber nicht über seine Narben sprechen, nicht Opfer sein, sondern lieber auf sein riesiges Hirn und seine einzigartige Schwanzflosse hinweisen und sich über das Herausstreichen seiner Potenziale spüren. Und irgendwann ist es dann so, dass Lille dank seiner Erzählungen aus ihrer distanzierten Beobachterinnenrolle in die Welt des Wals einsteigen kann. Dass dieses nur mit Hilfe ihrer Imaginationsfähigkeit möglich ist, veranschaulicht die in überwiegend Schwarz- und Dunkelgrautönen gehaltene Doppelseite, die um 90° ins Hochformat gedreht, das Hinabsinken in die unendliche Tiefe des Meeres spiegelt. Flankiert vom Lichtspiel der Laternen- und Drachenfische, sinkt der Wal hinab. Mit ihm oder besser in ihm befindet sich Lille, die wie in einem U-Boot durch ein Bullauge einen freien Blick in die Unterwasserwelt genießt. Durch die Platzierung des Bullauges direkt neben dem Auge des Wals wird für Lille die Transformation des konfrontativen (An-)Blicks des fremden Gegenübers in einen emphatischen eingeleitet. So ist es nicht überraschend, dass Lille ein paar Tage später morgens beim Aufwachen sofort bemerkt, dass etwas passiert sein muss. Anders als sonst fällt ein Sonnenstrahl auf ihr Bett und sogar ein Stück Himmel wird sichtbar. Sofort schließt sie darauf, dass der Wal kleiner geworden sein muss, verdeckt er doch nicht mehr ihr gesamtes Fenster. Und so war es auch. Der Wal schrumpft, von Tag zu Tag ein Stück mehr. »Bald war er nur noch so groß wie eine Kuh«, was den Vorteil hat, dass Lille ihr Fahrrad von seiner Last befreien konnte. Nachts im Regen spielen beide ausgelassen miteinander. Tagsüber liegen Lille und der Wal auf dem Rasen und schauen in den Himmel. Auch dort gibt es viel zu entdecken. Wie in einem Formenspiel werfen sich die beiden ihre Entdeckungen zu. Sieht Lille in den Wolken einen Hasen, eine Ente und ein Nashorn, formieren die Wolkenbilder für den Wal ausschließlich und immer wieder Pottwale. Welch eindeutiges Zeichen, dass der Wal nicht auf die Erde, nicht in den Garten und nicht zu Lille gehört! Mittlerweile nur noch so groß wie ein kleiner Hund und vor lauter Sehnsucht nach dem Meer unleidlich und grantig, kann Lille die Anwesenheit des Wals kaum mehr ertragen. Kurzentschlossen setzt sie den Wal in einen Eimer, übergießt ihn mit Wasser, befestigt den Eimer in ihrem Fahrradkorb und fährt mit dem Wal ans Meer. Dort angekommen im Abendrot, sehen wir Lille neben dem leeren Eimer sitzen und aufs Meer schauen. Nachhause zurückgekehrt, scheint alles wie früher. Ob für den Wal wieder alles wie früher ist, bleibt offen.

Sabine Rufener
Der Wal im Garten
Kunstanstifter
36 Seiten, gebunden, 22,5 x 29.5 cm, farbig illustriert, Hardcover mit Prägung
1. Auflage Januar 2021
ISBN 978-3-948743-00-0
€ (D) 22 / € (A) 22,70

Anregungen zur erweiterten ästhetischen Rezeption
Für die Rezension des Bilderbuches haben sich Vicco und Simon, beide sieben Jahre alt, mit den Bildern und der Geschichte auseinandergesetzt. Beide sind sehr intensiv in die Bilder eingestiegen, insbesondere in die Bilder zu Meer und Himmel.
Um gleichzeitig die jeweiligen Differenzerfahrungen von Lille und dem Wal raumgreifend zum Erscheinen zu bringen, haben wir uns entschieden, die Bilder großflächig an die Wand (Leinwand) zu projizieren.
Wie die entstandenen Fotos zeigen, fühlten sich beide Kinder zu mimetischen Annäherungsprozessen angeregt.
Im Anschluss könnte spannend sein, die entstandenen Fotos, die die verschiedenen Körper-Haltungen der Kinder zu den Bildern und der Geschichte spiegeln, gemeinsam mit den Kindern zu entdecken, zu besprechen und zu reflektieren.