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Tina hat Mut

Tina hat Mut
Übergänge in die Welt

Ein Bilderbuch von Tatia Nadareischwili

Text: Kirsten Winderlich
Fotos: Elisa Bauer

»Tina wohnte mit ihrer Mama und ihrem Papa in einem Holzhaus auf dem Land. Eigentlich hieß sie Tinatin, aber alle nannten sie Tina. Ihr Hund hörte auf den Namen Poppy.« Mit diesen Worten beginnt Tatia Nadareischwili die Geschichte eines Mädchens zu erzählen, dessen Alltag viele Gemeinsamkeiten mit ihrer eigenen Kindheit hat – wie sie in ihrem Nachwort berichtet. Auch die Bilderbuchmacherin wuchs auf dem Land auf und lebte in einem kleinen Holzhaus auf Stelzen. Ihr Lieblingsort war ein benachbarter Bambuswald. Und wie Tina hatte Tatia Nadareischwili in ihrer Kindheit einen Hund mit rötlichem Fell. In der Bilderbuchgeschichte heißt Tinas Hund Poppy und ist so rot wie eine Mohnblume.
Die kolorierten Zeichnungen und Collagen weisen wenige Farben auf, umso mehr stechen die Farben Grün und Rot hervor: Das Grün, das für den Bambuswald, den Sehnsuchtsort Tinas, steht, und das Rot, das das Zuhause, den Ort der Geborgenheit, sowie die Protagonisten Tina und ihren Hund Poppy markieren und als unzertrennlich miteinander verbinden. Gegen Ende der Geschichte wird noch ein weiterer Ort in roter Farbe erscheinen. Aber dazu später! Tinas Kindheit war eine glückliche und von vielen gemeinsamen naturnahen Erlebnissen mit ihrem Vater geprägt, wie die zweite, pluri-szenisch gestaltete, Doppelseite erzählt. Wir sehen Tina und ihren Vater ganz nah bei einem Kaninchen hocken, hinter einem Apfelbaum versteckt, die scheuen Igel beobachtend, und schließlich auch am benachbarten Bambuswald, auf den der Vater mit einladender Geste zeigt. An dieser Stelle ist Tina dem Wald noch abgewendet. Er ist ihr zu unheimlich. Diese Ambivalenz zwischen der Möglichkeit, etwas Neues kennenzulernen und dem Verbleiben beim Vertrauten, ist paradigmatisch für jedweden Übergang in der Kindheit. Übergänge gehören zur Entwicklung eines jeden Menschen. Sie sind für die individuelle Entfaltung und die Stärkung des Selbstbewusstseins unabdingbar. Gleichzeitig setzt ihr Vollzug den richtigen Zeitpunkt voraus, so auch bei Tina. Der Moment für die Erweiterung ihres alltäglichen Lebensumfeldes wird mit dem Aufbruch des Vaters in ein anderes Land und der Übergabe eines Kreisels eingeleitet. Sie solle sich damit die Zeit vertreiben, bis er wiederkomme. Sie müsse nur den Kreisel kreiseln lassen und dann in die Richtung gehen, in die am Ende die Spitze zeige. Dann würde sie auf etwas Interessantes stoßen, sagt er ihr zum Abschied, der für Tina auch einen Neubeginn bedeutet. Tina macht sich auf den Weg und lässt sich dabei von dem Kreisel, als einem spielerisch-aleatorischen Verfahren leiten. Beim Übertreten der Schwellen und Meistern der Übergänge, die Tatia Nadareischwili über die Archetypen Fenster, Tor und Fluss vermittelt, stärkt Tina ihr Hund Poppy als treuer Gefährte und Begleiter. In Anlehnung an die Fensterbilder der Renaissance können wir Tina am geöffneten Fenster sitzend betrachten. Noch schaut sie nicht hinaus in den Bambuswald, sondern aus dem Bild heraus auf eine flankierende Skizze des geöffneten Fensters, unter dem der Kreisel auf seinen Start zu warten scheint. Im Text heißt es, dass Tina ihn kreiseln lässt und ihm dabei zuschaut. »Als er schließlich stillstand, zeigte die Spitze auf das offene Fenster und geradewegs in den Bambuswald hinein.« Nachdem Tina all ihren Mut zusammengenommen hat, tritt sie mit Poppy an ihrer Seite durch ein Tor in den Wald. Ein seltsames Pfeifen lockt und macht gleichzeitig Angst. War es zuvor der Kreisel, der Tinas Aufbruch initiierte und dabei die Richtung vorgab, ist es jetzt ihr Hund, der ihr, auf der Erde schnuppernd, einen Weg durch das dunkle Dickicht bahnt. Der Fährte folgend, finden sie einen Zettel mit einer Zeichnung auf dem Boden. Tina und Poppy begeben sich auf eine Art Schnitzeljagd, die sie schließlich zu einem Bach führt. Hier ist keine weitere Botschaft zu finden. Tina erinnert sich an ihren Kreisel und lässt ihn erneut kreiseln. Seiner Richtung folgend finden sie Eicheln und stehen schließlich vor einer mächtigen Eiche. Als Vorbote der kommenden Begegnung scheinen Tina und Poppy mit dem rot kolorierten Stamm zu verschmelzen. Hoch oben in den Ästen entdeckt Tina ein Baumhaus. Sie klettert hinauf und findet einen Jungen mit einer Flöte vor. Das Baumhaus mit der Anmutung eines Kinderzimmers vermittelt, dass der Übergang in eine neue Lebensphase einen vorläufigen Abschluss gefunden hat. Hat Tina doch einen Freund gefunden! Die Frage, ob Tina der Kreisel oder die Flöte zu ihrem Freund Kosta geführt hat, ist dabei unerheblich. Vielmehr erzählt uns Tatia Nadareischwili mit ihrer Geschichte, wie wichtig es ist, sich auf den Weg zu machen, ohne immer zuvor das Ziel zu kennen.

Tatia Nadareischwili
Tina hat Mut
Ein Bilderbuch aus Georgien
Aus dem Georgischen von Rachel Gratzfeld
Baobab Books
44 Seiten, gebunden, 20 x 27 cm, farbig illustriert
1. Auflage 2020
ISBN 978-3-907277-04-1
€ (D) 17,00 / € (A) 17,50 / CHF 22,80

Anregungen für eine erweiterte ästhetische Rezeption des Bilderbuches

Für die Rezension des Bilderbuches haben sich Simon (7) und Vicco (7) mit dem Bilderbuch in der Bilderbuchwerkstatt der grund_schule der künste auseinandergesetzt. Besonders gut gefallen hat ihnen das Bild mit dem Bach, an dem Tina steht, und im ersten Augenblick nicht mehr weiterweiß. Simon und Vicco empfinden beide, dass die Natur auf diesem Bild sehr gut dargestellt ist. Das Bild zeigt Wald und Wasser gleichermaßen sowie den Fluss als Grenze und Hürde aber auch als Weg. Es kommt darauf an, aus welcher Perspektive man den Fluss betrachtet. Im Anschluss an das Vorlesen und Betrachten der Bilderbuchgeschichte widmen sich Simon und Vicco noch einmal ausgiebig der Karte, die den Ort des Geschehens »von oben« zeigt, und versuchen Tinas und Poppys Stationen auf dem Weg zu Kosta auszumachen. An diese intensive Auseinandersetzung mit der Karte, knüpft folgende Idee zur erweiterten ästhetischen Rezeption an.
Stell dir vor, du bist ein Vogel und fliegst über den Ort des Geschehens dieser Geschichte. Zeichne eine Karte und zeichne dabei jeden einzelnen Ort ein, an dem Tina und ihr Hund einen Moment verweilen. Es scheint so, als würden sie zuerst Aufgaben lösen müssen, um den Weg zu finden.
Finde für jede Aufgabe ein Bild oder ein Symbol.
Fertige am Ende eine Legende der Aufgaben und der Symbole, die du dir für diese ausgedacht hast, an.