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Die gelben Gummistiefel

Die gelben Gummistiefel
Isabel Pin

Text: Kirsten Winderlich
Fotos: Sophia Ashraf und Lucia Leonhardt

Wer kann sich nicht daran erinnern, als Kind etwas zum Anziehen von Verwandten oder Freunden zu erben in Aussicht gestellt bekommen und diesem sehnsüchtig entgegengeblickt zu haben? In vielen Familien wandern zu klein gewordene Kleidungsstücke und Schuhe wie ein Staffelstab oft zum nächsten. Dieses Ritual der Weitergabe wird dabei neben Gründen der Nachhaltigkeit nicht selten als verbindender Moment praktiziert. So ist es auch mit den gelben Gummistiefeln in Isabel Pins kurzweiliger, eine große Patchwork-Familie umspannende, Bilderbuchgeschichte. Welche Bedeutung die gelben Stiefel für alle haben, wird sofort im Schriftbild erkennbar, denn das dazugehörige Adjektiv wie Substantiv und Personalpronomen sind im Text immer gelb gesetzt. Ebenso leuchtet der lautmalerische stolze Freudenschrei kurz vor der Übergabe an die Erzählerin »Tadaa!« gelb. Im Bild zelebrieren fein konturierte und mit Aquarell und Gouache kolorierte wie sequentiell angelegte Zeichnungen die Weitergabe des allseits geliebten gelben Schuhwerks in alltäglich-grotesken Situationen. So gehörten diese anfänglich der größeren Schwester der Ich-Erzählerin. Zur Einschulung schlug Anna extra für diesen Anlass gekaufte schwarze Ballerina aus. Verständlicher Weise war ihr ein wenig mulmig vor dem ersten Schultag. Aber was konnte sie bei diesem großen Ereignis besser unterstützen als die gelben Gummistiefel! Und so war es dann auch – und noch viel mehr! »Am Nachmittag kam sie glücklich zurück. Alles war so gut gelaufen und sie hatte sogar Freundinnen gefunden.« Als nächstes erhielt Cousine Josie die Stiefel, die sie das ganze Jahr über lang trug, und eines Tages, nachdem sie mit ihnen die ganze Zeit beim Pflegen und Jäten von Beeten im Garten verbracht hatte, sogar nachts! Cousin Joseph und Cousin Johan waren die nächsten, die sich nacheinander auf die Gummistiefel freuen durften. Beide verloren jeweils einen. Unabhängig davon, dass der eine ihn im Schulbus vergessen hatte und dem anderen ein Stiefel beim Sprint am Strand im Sand steckenblieb, waren es immer eine Menge Menschen, seien es die Dienstleister im Alltag, wie Busfahrer oder Postbote, oder die zufällig Anwesenden, die mit großem Engagement nach ihnen suchten. Schließlich gehörten die gelben Gummistiefel zur Familie, wie im Text resümiert. Nachdem die Stiefel die Cousine Mimi sogar zu einer Beerdigung, der Beisetzung des Großvaters, begleiteten, und anscheinend das Einzige waren, »das diesen Tag erhellte«, wanderten die Stiefel zu zwei neuen Familienmitgliedern, den Zwillingen Lily und Lucy. Die Töchter der neuen Freundin des Vaters der Erzählerin trugen die Stiefel abwechselnd. Wie schön, dass sie im Anschluss nun endlich selbst an der Reihe war. Anfangs noch ein wenig zu groß, schützten sie die gelben Stiefel nicht nur bei Regen, sondern spornten sie beim Lauf und Spiel mit ihrem Hund Boby an. Der schnelle skizzierende Strich, die Kolorierungen über die Konturen hinaus sowie die sequentielle, polyszenische Anordnung einzelner Momentausschnitte verstärken den Eindruck von Bewegung und Transformation, die die Stiefel in das quirlige Familienleben bringen. Einzig die Doppelseite, auf der die Erzählerin endlich die Stiefel erhalten hat, ist als monoszenisches Bild angelegt, was ihre zentrale Rolle als Schlüsselfigur bekräftigt. Gefolgt von ihrem Hund sprintet diese in rasanter Geschwindigkeit den Hang hinunter und entkommt auf diese Weise jedem Regentropfen. Dass es sich bei der Weitergabe der gelben Gummistiefel um einen Kreislauf handelt, der nicht nur die Herkunftsfamilie zusammenhält, sondern auch neue Mitglieder zulässt, kommt noch einmal am Ende der Geschichte deutlich zum Ausdruck. Denn hier dienen die gelben Stiefel als Willkommensgruß für Nala, dem Baby vom Vater der Erzählerin und seiner neuen Partnerin. Gefüllt mit Blumen wie in einer Vase, werden die gelben Stiefel an dieser Stelle zum Symbol für die Gemeinschaftsbildung in sogenannten Patchwork-Familien. Werfen wir abschließend einen Blick auf die Vorsatzpapiere am Anfang und Ende der Geschichte, dann wird das Entwicklungspotenzial von Familienkonstellationen noch einmal in besondere Weise auf den Punkt gebracht. Denn betrachten wir beim Aufklappen des Buches die einzelnen Familienmitglieder, in Herkunftsfamiliengruppen gebündelt und linear nebeneinandergesetzt, sind auf dem rückseitigen Vorsatz einzig und allein die Kinder zu sehen, die, in wilder Streuung geordnet, ihren jeweiligen Umgang mit den gelben Stiefeln performen. Hinzugekommen ist das Baby Nala, das die Tradition allerdings noch eine Weile für sich hüten wird – bis ihre Füße groß genug sind.

Isabel Pin
Die gelben Gummistiefel
Tyrolia 2026
26 Seiten, durchgehend farbig illustriert
Hardcover, 17 x 24 cm