Einsam
Britta Teckentrup
Text: Kirsten Winderlich
Repros: Sophia Ashraf und Lucia Leonhardt
Fotos: Helen Naujoks
»Ich fühle mich einsam. Ich fühle mich klein. Hier gibt es nur mich. Ich bin ganz allein.« Ein Kind tappt durch einen winterlich kalten und verlassenen Wald. Es schneit. Und das Kind ist barfuß und trägt weder Mantel noch Mütze. Dass niemand da ist, stimmt nicht, denn ein Wolf nähert sich. Und wüssten wir nicht, dass der Wolf auch ein Symbol für Einsamkeit ist, würden wir spätestens ab dem Bild, ab dem das Kind unter Vollmondlicht den Wolf umarmt, aufschreien: Du bist nicht allein! Aber so hat Britta Teckentrup ihre einfühlsame Bildgeschichte mit ihren atmosphärischen Papiercollagen, die die jahreszeitgeprägten Landschaften durch ihre vielschichtigen grafischen Texturen einstimmen und ihren Protagonisten entsprechend Ausdruck verleihen, nicht komponiert. Von Seite zu Seite können wir nämlich erkennen, dass der Wolf ein Spiegel der Einsamkeit ist, sei es in Form eines Witterns und Anschleichens oder sei es in mimetischer wie symbiotischer Präsenz. »Meine Einsamkeit ist immer an meiner Seite. Mein einziger Begleiter in endloser Weite«, heißt es unter dem Bild, in dem sich das Kind an den Wolf anlehnt. Über ein doppelseitiges Worttableau mit weißer Serifen-Hohlschrift sind es dann das klein gesetzte Subjekt »ich« und die Verben der Verzweiflung, die in Großsetzung durchdringend in Erinnerung bleiben: leiden, hadern, jammern, klagen. »Warte, weine, wünsche, frage.« Frage? Hier scheint es eine Wendung zu geben. Und ja, auf der folgenden Seite sehen wir das Kind und den Wolf im Einklang den Mond anrufend. Mitten in der schützend zusammengerollten Schlafposition des Wolfes liegend, öffnet sich das Kind und fragt, wie es Freunde finden und den Mut dafür nehmen soll. Betrachten wir die Figur des Wolfes weiterhin als Inbegriff der Einsamkeit, dann ist es jetzt diese Einsamkeit, die dem Kind personalisiert gegenübersteht. Auf der linken Buchseite unter dem Sternenhimmel, spricht der Wolf dem Kind, das auf der rechten Seite positioniert ist, buchstäblich wie insistierend Geduld und Mut zu. Und so kommt es dann, dass das Kind, als es lichter wird, sich seinem Gefühl der Einsamkeit zuwendet und mit dem Wolf Seite an Seite des Weges zieht: »Gibt es einen Menschen, der mir vertraut? Wird mich jemand hören? Ich bin nicht sehr laut.« Nun ist es nicht mehr das einsame »Ich«, sondern das gemeinsame »Wir«. Dass sich das »Wir« stärkt und wächst, können wir in den horizontal angeordneten Wort- und Schriftbändern unter- und oberhalb des Wolfritts verfolgen. Da ist zum Beispiel die Rede vom Laufen, Schauen, Forschen, Lernen und Lugen bis hin zum Spähen. Alles Verben, die Aktivitäten beschreiben, die Zugänge zur Welt und zu anderen eröffnen. Und so kommt es dann auch, dass auf der folgenden Seite nacheinander weitere Kinder ins Bild ziehen, ebenfalls in Begleitung von starken Tieren wie einem Luchs, einem Hirsch, einem Bären, einem Fuchs, und dem Kind und dem Wolf folgen. Der rotfellige Fuchs, der im Vordergrund fast die gesamte Breite der Doppelseite füllt, bringt dabei nicht nur Wärme in das Erleben und Fühlen, sondern verweist durch seine augenscheinlich prominente Position auf eine unmittelbar bevorstehende Protagonistenrolle. So schiebt sich der Fuchs mutig in die rechte Doppelseitenhälfte, dem ›Terrain‹ des Wolfes. Schnauze an Schnauze stehen beide einander nun gegenüber und sind den beiden Kindern Vorbild: Denn »Wenn wir uns verbergen, bleiben wir versteckt. Es braucht Vertrauen, um sich zu verbinden«, wie es im rahmenden Text heißt. Langsam nähern sie einander und entsprechend ist auf dem folgenden großen Worttableau mit gelbschimmerndem Hintergrund und einleitendem »Wir« zu lesen, dass sie einander zuhören, sich ansehen, sich umarmen, lachen und vertrauen. Und tatsächlich wird auf den beiden abschließenden Bildern sichtbar, dass beide Kinder sich entschieden haben, ein Stück Weg gemeinsam zu gehen. Obwohl die sie ursprünglich begleitenden Tiere mit den verbleibenden Kindern in die Ferne rücken, bleibt ein Moment der Zuversicht: Wenn Gefühle einen einsam, klein und allein fühlen lassen, gibt es Wege zu ›Jemandem‹, die uns Britta Teckentrup mit ihrer besonderen Bilderbuchgeschichte meisterhaft nachspüren lässt.
Britta Teckentrup
Einsam
Prestel Junior 2025
40 Seiten, Hardcover, 21,5 x 28 cm
ISBN: 978-3-7913-7618-9
€ (D): 18 / € (A): 19,95 / CHF: 28,90
Anregungen zur erweiterten ästhetischen Rezeption
Was bedeutet es, sich einsam zu fühlen? Wie kann ich mich diesem Gefühl nähern, ohne darin zu »versinken«? Die Idee ist, sich auf eine Reise zu den Gefühlen zu begeben. Zur Einstimmung werden die Kinder nacheinander in Verstecke (z.B. Zelte oder mit Decken umhüllte Tische) geführt. Von diesen Orten aus können sie die Sprecherin nur hören. Sie hören die Texte der Wort-Tableaus. Im Anschluss erhält ein Teil der Kinder die Möglichkeit sind eine Mütze aus Kunstfell aufzusetzen und auf diese Weise in die Rolle eines Tiers zu schlüpfen. Die restlichen Kinder bekommen einen Birkenstock in die Hand, der die Wanderung zu den Gefühlen initiiert. Immer ein Kind mit Mütze begleitet dabei ein Kind mit Stock, äquivalent zu den Tieren im Bilderbuch, die die Kinder »an die Hand nehmen« und stärken. Nachdem das Bilderbuch an einem kontemplativen Ort in Gänze betrachtet und gelesen wurde, erhalten die Kinder die Möglichkeit auf Diktiergeräte zu sprechen und auf diese Weise auf eine Kassette aufzunehmen, was die Kinder in dem Bilderbuch erleben und wie sie empfinden. Die einzelnen Aufnahmen können im Anschluss einzeln und nacheinander wie im Anschluss auch gleichzeitig rezipiert werden. Gerade das gleichzeitige Hören der einzelnen Aufnahmen kann dabei verdeutlichen, dass man sich in Momenten der Einsamkeit zwar allein fühlt, aber nicht allein ist.
Der Workshop wurde mit einer jahrgangsübergreifenden Klasse (1-3) der Werbellinsee-Grundschule in Berlin (Tempelhof-Schöneberg) durchgeführt.
Konzept der Bilderbuchwerkstatt: Kirsten Winderlich
Raumgestaltung: Conrad Rodenberg und Kirsten Winderlich
Kostüm: Sophia Ashraf
Durchführung der Bilderbuchwerkstatt: Lucia Leonhardt, Conrad Rodenberg und Kirsten Winderlich


































