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Wann kommt Mama?

Text: Kirsten Winderlich

Kinder sind abhängig von Erwachsenen, insbesondere in den frühen Jahren. Diese Abhängigkeit zeigt sich auch in dem Bilderbuch Eomma Majung „Wann kommt Mama?“, dessen Text von Lee Tae-Jun zum ersten Mal 1938 in einer Zeit der japanischen Besetzung Koreas und großer Armut in einer koreanischen Zeitschrift erschien. Ein Kind wartet auf seine Mutter – ein Mythos. 2007 erschien das von dem Koreaner Kim Dong Seong illustrierte Buch in der Baobab-Reihe des Nord Süd Verlags und wurde 2008 für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert. Dass sich der Künstler in seiner Bildästhetik an die Zeit der 1940er Jahre in Korea anlehnt, täuscht nicht über die hohe Aktualität der Geschichte hinweg, sondern unterstreicht vielmehr die anthropologische Bedeutung für das Fühlen junger Kinder, deren Bezugspersonen abwesend sind. Das Bilderbuch erzählt in koreanischer und deutscher Sprache, wie ein kleines Kind an einer Straßenbahnhaltestelle steht und auf seine Mutter wartet. Die Zeit muss ihm wie eine Ewigkeit vorkommen. Eine Straßenbahn nach der anderen hält an der Station. Immer wieder fragt das Kind nach seiner Mutter. Immer wieder wird es abgewiesen. „Ich kenne deine Mama nicht!“ Mit diesen oder ähnlichen Worten antworten die Schaffner auf die Frage des Kindes, läuten zur Abfahrt und fahren davon. Auch die Mitwartenden kümmern sich nicht um das Kind. Auf den zarten, mit Tusche und Kreide sowie mit Hilfe der traditionellen muck-sun-Techniken auf traditionellem koreanischen Papier, dem han-ji, gezeichneten Bildern sehen wir viele Menschen. Aber bis auf das einsam wartende Kind und ein Baby im Tragetuch seiner Mutter erscheint kein weiteres Kind. Alle Erwachsenen sind beschäftigt, manche sind schwer beladen und haben es eilig. Keiner hat einen Blick oder ein Wort für das kleine Kind übrig. Keiner wundert sich, weshalb es allein an der Straßenbahnhaltestelle steht. Welche Verzweiflung muss das Kind erleben! Zu Beginn zeichnet das kleine Kind noch selbstvergessen mit einem Stock in den Sand, hängt sich an die Straßenlaterne und erprobt die schräge Lage. Irgendwann hockt es am Boden, wahrscheinlich um sich auszuruhen. Diesen Bildern sind farbige Malereien an die Seite gestellt, die einen Straßenbahnwaggon wie in einem Traum zeigen, begleitet von in die Stadt ziehenden Vogelschwärmen. Sie wirken wie Bilder der Sehnsucht des Kindes. Nachdem die Straßenbahn etliche Male wieder angefahren ist, ohne dass die Mutter des Kindes ausstieg, steht es einfach nur noch da, stumm, resigniert, mit roter Nase und kalten Händen. Nur ein Mal spricht ein Fahrer das Kind an und rät ihm hier zu warten, bis die Mutter kommt. Es beginnt zu dämmern. Das Kind steht da, starr wie das Haltestellenschild der Straßenbahn. Es ist verstummt. „Der Wind bläst kalt, und auch wenn eine Straßenbahn kommt, fragt das Kind nicht mehr, es steht nur noch da und wartet, mit seiner purpurroten Nase.“ Dann fängt es auch noch an zu schneien. Die Flocken werden immer dichter und füllen die Bilddoppelseite fast aus. Den Kopf in den Nacken gestreckt, an den unteren Bildrand gedrängt, nimmt das Kind den Schnee aus der Froschperspektive wahr. Die Lage spitzt sich zu. Auf der folgenden Seite sehen wir das dichte Schneetreiben quasi durch die Augen des verzweifelten Kindes, dessen Blick mittlerweile tränenverschleiert ist. Keine Mutter ist in Sicht! Auch auf der letzten Seite taucht sie scheinbar nicht auf. Wir blicken auf die Dächer der Stadt. Sie sind mit Schnee bedeckt. Plötzlich durchfährt uns ein Schreck! Was ist mit dem Kind? Steht es immer noch an der Haltestelle im Schnee? Kommt seine Mutter überhaupt jemals wieder? Beim genauen Betrachten des Bildes sehen wir, dass der Schein trügt. Die Mutter ist da. Sie ist gekommen, zwar sehr spät, aber sie ist da und geht jetzt Hand in Hand mit ihrem Kind durch die Straßen – nach Hause?

Bilderbuch:
Tae-Jun, L./Dong-Seong, K. (Ill.): Wann kommt Mama? NordSüd Verlag (Reihe Baobab), Zürich 2007