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Schneelöwe

von Heinz Janisch und Michael Roher

Text: Kirsten Winderlich
Fotos: Elisa Bauer
Durchführung der Bilderbuchwerkstatt: Helen Naujoks und Elisa Bauer

 

Metamorphosen aus dem Kugelschreiber

Wir alle haben ein Tier in uns. Dieses wissen nicht nur der Protagonist, sondern auch der Illustrator und Autor des Bilderbuches »Schneelöwe«. Denn so lässt sich mehr hören, sehen, riechen, tasten und schmecken! Gäbe es keinen Schneelöwen, könnten die Kleinen nicht beschützt werden, wenn die Großen sie bedrängen. Und genau diese Erkenntnis vermitteln uns die exorbitanten Kugelschreiber-Zeichnungen Michael Rohers kongenial mit Heinz Janisch eindringlich pointierter wie sinnlich dichter Erzählung aus der mutig-rebellisch ausgestalteten Ich-Perspektive. So sucht die blaugestrichelte Ästhetik ihr Gegenüber in scherenschnittartigen Silhouetten und verwandelt Menschen in Tiere und umgekehrt – »als Kinder und Erwachsene verkleidet, versteht sich«. Die blausatten Bilder laden uns als Betrachtende dabei ganz unverblümt ein, in die grafischen Metamorphosen einzutauchen, die nicht nur innere Stärke, sondern auch Toleranz bedeuten. »Allein in unserer Schule gibt es einen Tiger, zwei Zebras und drei Giraffen. Aber wir lassen einander in Ruhe«, untermauert diesen Fakt der Protagonist alias Schneelöwe. Die Verwandlungsprozesse kommen Seite für Seite über anthropozoomorphe Gestaltungen wie Schattenbilder und Projektionen ins Bild. Und schließlich werden wir eingeladen, fein ausdifferenzierte Darstellungen von Tieren und Mischwesen zu studieren. Der Illustrator zaubert dabei aus seinem Kugelschreiber die unterschiedlichen Fellstrukturen, wie zum Beispiel die eines Bisons, Gorillas oder Fuchs und kontrastiert diese mit der faltigen Haut eines Walrossbullen.
Dass die Metamorphosen nicht nur von unserem Wollen und Wünschen, sondern auch von unserem Blick auf die jeweils anderen wie aber auch vom Zufall abhängen, veranschaulichen die »Cadavre Exquis«1. So referieren die Faltbilder im Bild an die Zeichenspiele André Bretons und geben dem Spektakel eine surrealistische Note. »Eine unsere Lehrerinnen ist übrigens eine Antilope. Und der Direktor ist ein Elefant«, berichtet der Protagonist und weiß darüber hinaus, dass einigen gar nicht bewusst ist, »dass sie tief in ihrem Inneren etwas anderes sind, als sie glauben.« Wie eine Beweisführung mutet dann als Höhepunkt die zu einem Leporello erweiterte Doppelseite an. Aufgeklappt haben wir Teil an der Verwandlung zweier Schneelöwen. Auf den ersten Blick scheint sich der Cousin des Protagonisten, der »müde Walter«, ebenfalls in einen weißen Schneelöwen verwandelt zu haben. Die schwarzen Flecken am Ohr befeuern jedoch seine Vorstellung, dass er uns als schwarzer Schneelöwe gegenübertritt. Welches Tier in uns schlummert, ist demnach Ansichtssache oder einfach unsere Sache.


 

1 Bei den »Cadavre Exquis« handelt es sich um ein Spiel mit gefaltetem Papier, in dessen Rahmen mehrere Personen ein Bild oder einen Text gemeinsam erschaffen, ohne dabei den Akt der jeweils anderen zur Kenntnis zu nehmen, d.h. auf diesen im Prozess zu antworten. Die kooperative Bild- oder Textgenese entsteht demnach im aleatorischen Spiel.

Heinz Janisch / Michael Roher (Ill.)
Schneelöwe
32 Seiten; Hardcover, durchgehend farbig illustriert, mit zwei Klappen innen; 24 x 14 cm
Tyrolia 2022, 1. Aufl.
ISBN-978-3-7152-0775-9
€ (A/D): 16 / CHF: 22,80

 

Anregungen zur erweiterten ästhetischen Rezeption

Die Begriffe »Ansichtssache« sowie »eigene Sache« fungieren im Rahmen der erweiterten ästhetischen Rezeption des Bilderbuches »Schneelöwe« als Denkimpulse. In diesem Sinne lädt uns die Ästhetik des Bilderbuches zum einen ein, Metamorphosen von Menschen wie Tieren und deren Bildwerdungen zu betrachten. Zum anderen macht sie Mut, das jeweilige Tier in uns wahrzunehmen, kennenzulernen und zum Leben zu erwecken. Sternenbilder, Silhouetten, Projektionen, Bildmontagen, Schatten- und Faltbilder geben den Metamorphosen Gestalt und regen gleichzeitig an, diese zu animieren und mit Leben zu füllen.

Wie ist es, wenn ich mit dem Kugelschreiber gigantische Flächen fülle? Anders, als wenn ich eine kleine Zeichnung auf einem Notizzettel anfertige? Und kommt das Tier in mir zum Erscheinen? Probieren wir es doch einfach aus! Auf DIN-A 0-Bögen festem Papier findest du jeweils Silhouetten einzelner Tiere. Welches spricht dich an? Oder welches schlummert gar in dir? Wähle dein Tier und fülle die Silhouette mit blauer Kugelschreibertinte. Am Anfang kann es ein mühsamer Prozess sein. Wahrscheinlich bist du das endlose Stricheln mit dem Kugelschreiber nicht gewöhnt. Mit der Zeit wirst du immer mehr in Schwung und Fluss kommen. Zeichne solange, bis kaum noch Weiß zu sehen ist. Und? Erwacht das Tier bereits in dir? Wenn ja, hänge dein Bild an die Präsentationswand. Nun ist der richtige Zeitpunkt gekommen, dich in DEIN Tier zu verwandeln. Für diesen Prozess liegt ein großes weißes Laken für dich bereit. Es erinnert an ein Bettlaken, unter das du schlüpfen und mit dem du dich zudecken kannst. Allerdings hat dieses Laken Einstiegsöffnungen. Im Grunde handelt es sich um zwei Laken, die übereinandergelegt verschiedene Öffnungen für deine Arme oder Beine bieten. Probiere sie aus. Was passiert mit dem Laken und was mit dir? Regt sich das Tier in dir? Versuche, dich wie dein Tier zu bewegen. Das hilft die Metamorphose in Gang zu setzen. Was spürst und fühlst du? Toll wäre, wenn dich jemand bei deiner Verwandlung fotografieren könnte. Die Fotos könntest du dann später neben deiner Kugelschreiberzeichnung ausstellen. Und wahrscheinlich lockt die Betrachtung von Foto und Zeichnung Erinnerungen an deine Verwandlungs-Performance hervor. Wenn du magst, kannst du deine Gedanken gerne notieren und aufschreiben. Sie werden deine Arbeit bereichern!