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Sally Jones und die Schmugglerkönigin

Sally Jones und die Schmugglerkönigin

von Jakob Wegelius

Text: Kirsten Winderlich
Fotos: Elisa Bauer

Eine Abenteuerreise in die Untiefen des Menschlichen

Sally Jones, ein – mittlerweile berühmter – Gorilla, meistert ein neues Abenteuer! Von Jakob Wegelius in Text und Bild ins Leben gerufen, kam Sally Anfang des 20. Jahrhunderts auf abenteuerlichen Wegen nach Europa, wie das Buch »Sally Jones – Eine Weltreise in Bildern« (2009) erzählt. Gemeinsam mit dem finnischen Seemann Henry Koskela bereist sie als Maschinistin auf einem kleinen Dampfer, der »Hudson Queen«, die Meere. Ein Gorilla? – mögen sich die Einen oder Anderen fragen. Warum nicht? Sally Jones ist eine begnadete Maschinistin und vor allen Dingen zupackend wie einfühlsam! Die Gorillafrau kann nicht nur lesen, schreiben, rechnen, Dampfmaschinen warten und bedienen, sondern auch Musikinstrumente reparieren. Nur sprechen kann Sally nicht. Und das hat vielleicht auch sein Gutes. Auf den ersten Blick, nicht der Norm entsprechend, wird Sally unterschätzt und weiß dieses für sich und vor allen Dingen für andere mit klarem Verstand zu nutzen. Vielleicht hat das Nicht-Sprechen-Können auch die Ausbildung ihrer scharfen Sinne und bewundernswerten Fähigkeit zur Empathie gefördert, die ihr immer wieder helfen zu überleben. Denn ihr Freund und Beschützer, Henry Koskela, liebevoll auch der Chief genannt, kann Sally nicht nur im vorangegangenen Roman »Sally Jones – Ein Mord ohne Leiche« (2014) zur Seite stehen, sondern kommt ihr auch im frisch erschienenen Roman »abhanden«. In dem aktuellen Abenteuer, das Sally und Henry von Lissabon und ihren geliebten Freunden, Ana Molina und Luigi Fidardo, nach Glasgow führt, ist das Paar auf der Suche nach der rechtmäßigen Erbin einer Perlenkette. Sie geraten in Gefangenschaft der sogenannten Schmugglerkönigin Moira, die den Schmuck an sich zu reißen versucht. Moira zwingt den Chief Schmugglerware über den Atlantik zu bringen. Und Sally wird nicht nur gegen ihren Willen von der Schmugglerbande festgehalten, sondern gedemütigt, drangsaliert und gequält. Dass sie sich aus dieser zutiefst lebensbedrohlichen Situation zu befreien vermag, verdankt Sally ihrer Hartnäckigkeit, ihrem Scharfsinn und Altruismus. So schützt sie zum Beispiel ihren Peiniger Bernie, der sie nicht nur in Ketten an sich bindet, sondern in einem fremdbestimmten Boxkampf halbtot schlägt. Auch im übertragenen Sinne sieht Sally im fatalen Boxring, was andere nicht sehen, denn Bernie »hatte die Augen vor Panik und Verzweiflung weit aufgerissen.« (269) Auch die seltene Möglichkeit zur Flucht ergreift Sally trotz der zunehmenden Bedrohung vorerst nicht, denn »was wäre mit Bernie?« (370) Dieser Gedanke lässt sie nicht los, vielmehr krampft sich ihr Magen zusammen, so schrecklich ist für sie die Vorstellung, Bernie im Stich zu lassen. Schließlich gelingt es Sally gemeinsam mit Bernie ins schottische Gourock zu Li Jing zu fliehen und mit Hilfe der chinesischen Händlerin das fatale Rätsel um die Perlenkette und der damit verbundenen Familiengeschichte Bernies zu lösen. So spannend die Jagd nach dem verlorenen Schmuck im Kampf gegen die Schmugglerkönigin erzählt wird, geht es in dem Roman um mehr. So gelingt es Wegelius durch seine Protoagonistin meisterhaft, die Untiefen des Menschlichen aufzudecken und in ihrer Vielschichtigkeit und Flüchtigkeit buchstäblich Gestalt zu geben. Entsprechend lebt der Abenteuerroman von seinen Charakteren und den Orten, die wie ein Mikrokosmos in schillernder Weise von eigenen Gesetzmäßigkeiten und Spielregeln geprägt sind. In diesem Sinne zeichnet Wegelius die einzelnen Figuren nicht nur mit einem besonderen Augenmerk auf Mimik und Ausstrahlung, sondern versieht diese mit Objekten, Tieren oder Pflanzen, die sie unverwechselbar machen. Den Chief platziert Wegelius zum Beispiel direkt hinter dem Steuerrad der Hudson Queen und Sally Jones hinter ihrer Schreibmaschine »Underwood«. Luigi Fidardo wird vor dem Hintergrund seiner Werkstatt mit Mandoline und Zigarre und Harvey Jenkins mit Hahn und verräterischem Heiligenschein porträtiert. Auch die Bilder zu Beginn jeden einzelnen Kapitels nehmen Bezug auf die die Geschichte prägenden Handlungsorte und können als visueller, spannungsgeladener Bedeutungshof der jeweiligen Kapitelüberschriften verstanden werden. In dem Bild zum ersten Teil mit dem Titel »Tivoli Brockdorff« sind zum Beispiel bekannte Spezifika eines Jahrmarktes zu erkennen, wie ein Karussell, eine Bude, ein geöffnetes Zelt, eine Blumenverkäuferin und ein Leierkastenmann. Vorn im Bild befindet sich Sally Jones, die sich von dem Geschehen abwendet und gleichzeitig ihren Blick misstrauisch nach hinten auf den Tivoli richtet. Dieses Wechselspiel zwischen einem harmlos anmutenden Vergnügungsort und dem fast verängstigten, argwöhnenden Blick der Protagonistin im Bild sind beispielhaft für die gesamte Geschichte. Orte und Menschen sind anders als sie auf den ersten Blick scheinen. Und hinter deren »Fassaden« und »Gesichter« schauen zu können, ist Voraussetzung für deren kritische Hinterfragung und Dekonstruktion. Entsprechend schürt das Buch nicht nur Spannung, sondern lädt im Nachgang zur Lektüre ein, von Sally zu lernen.

Jakob Wegelius
Sally Jones und die Schmugglerkönigin
Aus dem Schwedischen von Gabriele Haefs
Gerstenberg 2022, 2. Aufl.
528 Seiten, gebunden, 19 x 15 x 4,6 cm, durchgehend illustriert
ISBN: 978-3-8369-6120-2
€ (D): 22 / € (A): 22,70 / CHF: 34,90

Anregungen zur erweiterten ästhetischen Rezeption

Das Buch macht Lust zu reisen und die Orte aufzusuchen, an denen Sally Jones permanent Gefahren ausgesetzt ist, Widerstände überwinden und trotzdem ganz bei sich bleiben muss und will. Wenn eine entsprechende Expedition im Rahmen einer Klassenfahrt utopisch ist, geht es auch anders. Die einzelnen Kapitelanfangsbilder könnten auf Decken gedruckt werden (mittlerweile kostengünstig in Drogerien zu realisieren), die jeweils einen Ort mit ähnlichen Eigenschaften in der Nähe markieren und auf diese Weise einen Versammlungsort für das gemeinsame Erzählen inszenieren. Die Decke mit dem Bild zum ersten Kapitel und dem Titel »Tivoli Brockdorff« nahmen wir in unserer Bilderbuchwerkstatt mit zu einem Zirkus, in dem die beteiligten Kinder gerade an einem Workshop teilgenommen haben. Und für das Bild zum vierten Kapitel mit dem Titel »Nebelhafen« erschien uns im Rahmen unserer Bilderbuchwerkstatt kein Ort geeigneter als das Parkhaus unter der »Bar jeder Vernunft« zwischen dem Festspielhaus und der Universität der Künste. Um für das Erzählen »warm« zu werden, ist zu empfehlen ein Kartenset mit kopierten Bildern der einzelnen Figuren anzulegen und diese als Anregung zu nutzen, sich die vielen Personen mit ihren unterschiedlichen Eigenschaften und -arten ins Gedächtnis zu holen.

Impulse
– An welchen Ort erinnert euch dieses Bild?
– Gibt es einen Ort in unserer Nähe, der diesem Bild ähnlich ist?

Vor Ort:
– Lasst uns noch einmal die Bilder von den Figuren anschauen. Ich finde, dass die Bilder eine Menge über die Eigenschaften der Figuren erzählen. Und du?
– Schauen wir uns das Bild von Harvey Jenkins an. Was seht ihr? Wie ist sein Blick?

Vor Ort am Zirkus:
– Wie kommt es, dass Sally auf einmal auf einem Jahrmarkt arbeitet?
– Wie fühlt sie sich dort?
– Wie geht es ihr mit Harvey Jenkins?
– Was erlebt sie auf dem Jahrmarkt?
– Ich denke, dass man Sally Jones als eine Meisterin bezeichnen sollte. Könnt ihr nachvollziehen, was ich damit meine?
– Welche Gefahren meistert sie in ihrer Zeit auf dem Jahrmarkt?

Vor Ort im Parkhaus:
– Der Nebelhafen wird von allen gefürchtet. Warum?
– Das Bild auf der Decke zeigt ein brennendes Haus. Was ist passiert?
– Bernie war nicht immer gut zu Sally. Wie ist es dazu gekommen, dass Sally Bernie hilft und rettet?
– …