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Ginting und Ganteng

Ganz nah — Eine Reportage über die Auswilderung eines Orang-Utan-Zwillingpaares

»Ginting und Ganteng« von Regina Frey und Petra Rappo (Ill.)

Text: Kirsten Winderlich
Fotos: Elisa Bauer

Für die Zukunft des Regenwaldes, der zwar fernab von unserem alltäglichen Lebensmittelpunkt liegt, tragen wir mehr Verantwortung, als wir vielleicht wahrhaben wollen. Fundierte Informationen können helfen zu verstehen, wieso der Palmölanbau die Flora und Fauna der Regenwälder und damit auch die Lebensgrundlage von Millionen von Kleinbauern zerstört und wie wir durch eine Veränderung unseres Konsumentenverhaltens entgegenwirken können. Vor uns liegt ein Bilderbuch, dem genau dieses mit Sachverstand und Einfühlungsvermögen auf beeindruckende Weise gelingt. Regina Frey (Text) und Petra Rappo (Bild) berichten aus unmittelbarer Anschauung in Form einer Reportage über eine besondere Spezies Menschenaffen, den Orang-Utans, die auf Sumatra, einer der größten Inseln der Welt, leben und gleichzeitig bedroht sind durch den Palmölanbau. Über Text, der zwischen Sachbericht und atmosphärischen Beschreibungen changiert, sowie dramaturgisch gekonnt komponierte Bilderfolgen verhelfen sie uns, einem Orang-Utan-Zwillingspaar mit den Namen Ginting und Ganteng nahe zu kommen. Beide sind in einer Auffang- und Pflegestation für Orang-Utans zur Welt gekommen und aufgewachsen und müssen nun alles Überlebenswichtige von ihrer Mutter lernen, um nach ihrer geplanten Auswilderung in der Wildnis zu überleben. Die Mutter Merah wurde, bevor ein Rettungsteam sie in die Pflegestation brachte, durch die Rodung der Regenwälder bedroht. Die Rückblende in der Mitte des Buches vermittelt mit einer gigantischen, die gesamte Doppelseite füllenden, Feuerwalze, deren Flammen sich rasant und rastlos ausbreiten, ein schockierendes Bild der Bedrohung. Fast nicht vorstellbar, dass Merah es geschafft hat den Feuerfängen zu entkommen! Nach ihrer ebenfalls nicht ungefährlichen Flucht hat sie das Glück, auf einer eigens für den Schutz der Orang-Utans eingerichteten Station aufgenommen zu werden. Nachdem sie Ginting und Ganteng zur Welt gebracht hat, ist es nun ihre Aufgabe, ihnen zu zeigen, was sie für ein Leben in der Wildnis brauchen. Da Orang-Utans in den Bäumen leben und jeden Abend aus Ästen und Zweigen ein neues Baumnest zum Schlafen bauen, bekommen Merah und die Zwillinge jeden Abend frisches Baumaterial. Merah baut aus den Ästen und Blättern ein Nest. Ginting und Ganteng schauen zu und lernen durch Nachahmung selbst Nester zu bauen. Orang-Utans müssen jedoch nicht nur die Fähigkeit erwerben, sich eine sichere Schlafstatt in den Bäumen zu errichten. Geschärfte Sinne gehören ebenso zum Überleben in der Natur. Dass Ginting und Ganteng bald soweit sind, die Reise in die Auswilderungsstation anzutreten, zeigt ein Bild des Pärchens hinter den Gitterstäben ihres Käfigs, dem Petra Rappo einen Nebelparder im Nachtraum der Wildnis als Sinnbild der neuen aber auch gefährlichen Welt gegenüberstellt. Der Bewegungsrichtung des Tieres folgend, scheinen die beiden fast wie in einem Traum in den nächtlichen Regenwald gelockt zu werden. Auch der Text von Regina Frey macht die sensible Übergangsphase vielschichtig sinnlich wahrnehmbar und hebt diese auf eindrücklich poetische Weise hervor: »Wenn es dunkelt, horchen Ginting und Ganteng in den Regenwald hinaus. Es brummt zirpt, quakt und kreischt. In der Nähe raschelt es. Ein Schatten huscht vorbei, und ein scharfer Geruch steigt Ginting und Ganteng in die Nase.«

Und tatsächlich ist es nun soweit. Die Zwillinge und ihre Mutter werden mit einem Jeep, und begleitet von einer Tierärztin, zur Auswilderungsstation im Schutzgebiet gebracht. Nach fast zweitägiger Fahrt, heißt es sich einzugewöhnen. Für das Team der Auswilderungsstation ist es nicht einfach, zu entscheiden, wann der richtige Zeitpunkt gekommen ist, die Zwillinge und ihre Mutter in den Regenwald zu entlassen. Doch »eines Morgens steht die Gittertür offen. Der Weg in den Regenwald ist frei. Merah wagt sich als Erste hinaus. Ganteng folgt ihr. Ginting zögert noch.« Auf dem letzten Bild sehen wir dann die Geschwister hoch über den Wipfeln in einem Baumriesen tollen. Die Mutter, immer noch ganz nah bei ihren Kindern, wird gleich gegen Abend ein Schlafnest für sie bauen. Und damit endet die Geschichte Gintings und Gantengs.

Wie ihre erste Nacht in der Wildnis von ihnen erlebt wird, bleibt unserer Vorstellungskraft überlassen. Diese wurde reichlich gefüttert. Durch das Zusammenspiel der Vor- und Rückblenden wie durch die ästhetische Entscheidung Petra Rappos, die Reportage zu zeichnen und farbig zu kolorieren, werden wir zu feinsinniger Empathie und Anschauung angeregt, die letztlich unverzichtbare Grundlagen für unser Umwelt-Bewusstsein sind.

 

Regina Frey / Petra Rappo (Ill.)
Ginting und Ganteng
Orell Füssli / Atlantis
64 Seiten, 19,0 x 25,0 cm, gebunden, farbig illustriert
1. Auflage August 2020
ISBN-978-3-7152-0775-9
EUR 20 / CHF 29,80

 

Anregungen für eine erweiterte ästhetische Rezeption des Bilderbuches

 

Für die vorliegende Rezension haben sich Lucie (8), Vicco (7) und Simon (7) mit dem Bilderbuch in der Bilderbuchwerkstatt der grund_schule der künste auseinandergesetzt. Die Geschichte von Ginting und Ganteng hat sie sehr berührt, unter anderem auch, weil sie viele Parallelen zu Menschen-Familien gesehen haben. Das Bild mit dem vernichtenden Feuer wurde besonders intensiv betrachtet. Es gab dafür keine Worte. Spannend waren für Kinder darüber hinaus die Bilder, die die Artenvielfalt im Regenwald gezeigt haben. Hier konnten sie Tiere entdecken, die sie noch nicht kannten. Sie könnten Ausgangspunkt für eine erweiterte ästhetische Rezeption sein. Wie sieht beispielsweise der Alltag eines Tapirs aus? Was passiert im Regenwald in der Nacht? Welche Riesengleitflieger gibt es und wie bewegen sie sich fort? In Anlehnung an das Bilderbuch könnten die Kinder Fakten über die Tiere zusammentragen und eine Reportage schreiben und zeichnen, die nicht ausschließlich realistisch sein muss. Interessant und herausfordernd wäre, die Linearität zu brechen und mit Rück- und Vorblenden zu arbeiten. Dafür könnten folgende Impulsfragen hilfreich sein: Wenn du dir die Lebensgewohnheiten des Tieres anschaust, was könnte eine Gefahr sein? Kannst du dir ein Ereignis vorstellen, dass das Leben des Tieres verändert? Oder: Wie wird das Tier groß? Wie lange lebt es bei seinen Eltern? Bleibt das Tier allein oder gründet es eine Familie? Gibt es Begegnungen mit anderen Tieren?