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Esthers Tagebücher

Aus dem Leben einer Dreizehnjährigen

Text: Kirsten Winderlich
Fotos: Elisa Bauer

Mit „Esthers Tagebücher“ veröffentlichte Riad Sattouf eine Reihe von Graphic Novels und erobert damit nicht nur die Herzen der Teenager. In Bild und Text erzählen die Bücher aus dem Leben eines Mädchens. Oder besser: Sie schildern das Leben aus der Perspektive Esthers als zehn-, elf-, zwölf- und nun auch als 13-jährige.
Was für ein Projekt und welch eine Herausforderung! Vor dem Hintergrund, dass das Vorhaben einen Zeitraum von zehn Jahren umfasst, stellt sich sofort die Frage, was Esther erleben, denken und fühlen wird, wenn sie 20 Jahre alt ist.
Stopp! So weit sind wir noch nicht. „Wir“ meint in diesem Fall Riad Sattouf und Esther A., zwei Menschen, die im Gespräch und an der Welt interessiert sind – unabhängig von Alter, Herkunft und Kultur.
„Die Erzählungen in ‚Esthers Tagebücher‘ basieren auf wahren Erlebnissen und Gedanken eines jungen Mädchens aus Riad Sattoufs Bekanntenkreis“, heißt es auf der letzten Seite. Im Klappentext wird die Kooperation besiegelt, denn Esther kommt zu Wort: „Ich heiße Esther und bin 13 Jahre alt. Es gibt mich wirklich und ich erzähle dem Zeichner Riad Sattouf Geschichten aus meinem Leben…“
Riad Sattouf zeichnet, was er von Esther am Telefon erfährt, und komponiert das zu Geschichten. Sie gehen auf Episoden zurück, die wöchentlich im französischen Nachrichtenmagazin „L’Obs“ veröffentlicht werden.
Es ist zu vermuten, dass die Erzählungen Esthers Sattouf auch den Impuls für die kolorierten Schwarz-Weiß-Zeichnungen geben. Sprechblasen lassen uns in die jeweilige Situation eintauchen, die mit Pfeilen versehenen Kommentare Esthers lassen uns an ihren Empfindungen, Einschätzungen und Deutungen teilhaben. Hilft das Handlettering von Hartmut Klotzbücher, die unterschiedlichen Text-Ebenen zu differenzieren, erweitert Sattouf die Schwarz-Weiß-Zeichnung durch Kolorierungen, die – überwiegend monochrom angelegt – die jeweiligen situativen Stimmungen Esthers untermalen. Blättern wir zum Vorsatzpapier zurück, finden wir diese Farben am Anfang und am Ende des Buches in einem Farbfeldraster aus Quadraten wieder. Weil sich Gefühle und Stimmungen nicht immer eindeutig kategorisieren oder gar polarisieren lassen, greift Sattouf nicht zu Primär- sondern auch zu Mischfarben.
Zurück zu Esther: Ein Familienbild führt in die Beziehungskonstellationen aus der Sicht des Mädchens ein. Da gibt es einen Vater, zärtlich Väterchen genannt, mit dem sie augenscheinlich Spaß haben kann, eine Mutter, die von Esther als „Stein in der Brandung“ wahrgenommen wird, einen älteren Bruder, über den sich Esther spöttisch äußert, und einen jüngeren Bruder, für den sie noch bedingungslos schwärmt. Esthers Tagebücher erzählen uns Seite für Seite Geschichten aus ihrem Leben und gestatten einen Blick auf Erlebnisse aus ihrem Alltag zwischen Schule, Freizeit und Familie, der uns immer wieder überrascht und schmunzeln lässt.
Mit 13 Jahren beginnt das Teenager-Alter. Deshalb ist nur allzu gut nachvollziehbar, dass die erste Geschichte den Titel „Veränderung“ trägt. In der Tat markiert diese Geschichte den Übergang in eine neue Lebensphase – jedoch anders, als erwartet: Im Mittelpunkt steht die Veränderung durch eine Zahnspange, ein Sinnbild für Regulation, die Esther jedoch als Einengung und Entstellung erlebt. Esther nimmt alles, was ihr widerfährt, intensiv wahr, äußert immer offen ihre Meinung, steckt voller Humor und lässt sich nicht unterkriegen. Selbst dem Tod ihres russischen Hamsters gewinnt sie etwas Positives und Lebensbejahendes ab. Sie tröstet ihre Mutter, indem sie ihr vorrechnet, dass der Hamster mit seinen zwölf Monaten eigentlich 120 Menschen-Jahre gelebt habe. „Vergiss nicht, Mama, für einen Hamster ist ein Monat wie zehn Menschenjahre. Ich wünsche uns allen, so alt zu werden!“ Kurz vor ihrem 13. Geburtstag wechselt Esther in eine weiterführende Schule. Wieder eine Veränderung. Und mehr noch, denn es handelt sich nicht um eine Schule in der Nachbarschaft, sondern um eine Schule im Zentrum von Paris, überwiegend von Kindern und Jugendlichen besucht, deren Eltern, anders als Esthers, finanziell sehr gut gestellt und abgesichert sind. Obwohl ihr Vater, wie Esther in früheren Tagebüchern erzählt, sich oft abfällig über Spitzenverdienende äußert, verspricht er sich von der „Schule der Reichen“, wie Esther ihre neue Schule nennt, bessere Bildungschancen für seine Tochter. Um ihre Eltern nicht zu enttäuschen, wechselt Esther das Arrondissement und nimmt die Trennung von ihren alten Freunden in Kauf. Obwohl die Peergroup in Esthers Lebensphase immer wichtiger wird, sind die Bande zu ihrer Familie stark, und das Zuhause ist ein wichtiger Rückzugsort, um den sozialen Stress in der Schule und emotionale Turbulenzen zu meistern.
Dass all dies plötzlich in irrational lähmende Sorge umschlagen kann, davon erzählt die Episode „Eine traurige Geschichte“. Sie beginnt mit einer „Wohlfühlszene“, in der Esther tut, was sie am liebsten macht: „Schön gemütlich zu Hause bleiben und am Handy spielen oder Quiche backen.“ Als Esther merkt, dass es schon spät ist und ihre Mutter eigentlich längst zu Hause sein sollte, ruft sie die Mutter an. Doch die Mutter meldet sich nicht. Esther wiederholt ihren Versuch, der erneut scheitert. Schreckensszenarien entstehen vor ihrem inneren Auge. Sie stellt sich vor, sie würde die Mutter nie wiedersehen, denkt an all das, was sie ihr nicht gesagt hat, und bricht in Tränen aus. Für diese Verzweiflung gibt es keine Worte. Die Küche, in der Esther zusammengekauert hockt, durchzieht ein kalter, blauer Schatten. Doch dann kehrt die Mutter vom Elternabend zurück. Weniger als eineinhalb Stunden dauerte der Sturz ins Bodenlose. Für Esther eine Ewigkeit!
Das die Pubertät begleitende „Auf und Ab“ der Gefühle betrifft nicht nur andere Menschen, sondern auch sie selbst. So merkt Esther in der Geschichte „Der Komplex“, dass sie noch nie Probleme mit ihrem Äußeren hatte. Aber nun sind sie da, und zwar massiv. Waren es zuerst nur die Hände, die aus Sicht Esthers – im Mapping in der Seitenmitte dokumentiert – unansehnlich knochig wurden, nimmt sie nun Defizite und Mankos am ganzen Körper wahr. Esther fühlt sich gezwungen, in der Schule eine Art Tarnanzug zu tragen. Zum Glück hilft ihr schließlich ihr Humor, sich aus dem Strudel der Selbstzweifel zu befreien. Und zum Glück gibt es immer noch ihre alte Freundin Cassandre, die sich natürlich auch verändert hat…

Riad Sattouf: Esthers Tagebücher 4: Mein Leben als Dreizehnjährige. Aus dem Französischen von Ulrich Pröfrock, Handlettering von Hartmut Klotzbücher. Reprodukt, Berlin 2020, 56 S., EUR 20,60

Anregungen für die ästhetische Rezeption des Bilderbuchs

In der Bilderbuchwerkstatt der grund_schule der künste werden nicht nur Bilderbücher mit Kindern betrachtet, sondern darüber hinaus Impulse für die erweiterte Rezeption entwickelt.
Als wir deutlich jüngere Kindern in die Auseinandersetzung mit „Esthers Tagebücher. Mein Leben als Dreizehnjährige“ einbezogen, stellten wir fest, dass die Graphic Novel auch bei ihnen intensive Beachtung erfuhr. Faszinierend an Esthers Tagebüchern war die Arbeitsweise Sattoufs, zu der nicht nur die Gespräche mit Esther und das Interesse an ihrem Denken, Fühlen und Handeln gehören, sondern auch die erzählende Verdichtung ihrer Perspektive auf das Leben in Bild und Text. Dies regte die Kinder an, selbst Tagebücher zu produzieren und dabei nicht nur um das eigene Ich zu kreisen, sondern die Begegnung oder den Austausch mit anderen Menschen zu suchen und Erzähltes in Zeichnungen zu übersetzen.