Ein Workshop zum Buch »Zuhause ist woanders« von Enne Koens und Bildern von Maartje Kuiper im Rahmen des Internationalen Literaturfestival Berlin (ILB) 2026
Text: Kirsten Winderlich
Fotos: Elisa Bauer und Sophia Ashraf
Ein Vater holt seinen Sohn von der Schule ab und fährt und fährt und fährt! Er flüchtet. Aber wohin? Schlimmer noch: Der Junge Mirza wird von seinem Vater gezwungen, alles, was ihm bekannt und vor allen Dingen lieb war, zurückzulassen. Zwar hat Mirza auf der rasenden und rastlosen Autofahrt immer noch die Hoffnung, dass es sich nur um eine Stippvisite im Irgendwo handelt. Doch nach tagelanger Fahrt angekommen, wird dem Jungen schnell klar: Sie befinden sich an dem Ort, an dem sein Vater aufgewachsen ist. Für Mirza gibt es jedoch weder ein einfaches Ankommen noch ein Zurück. Es gibt kein Zurück dorthin, wo er sich wohl und zu Hause gefühlt hat, und kein Zurück zu Lukas, seinem besten Freund. Für ihn ist alles anders, als er es kennt. Die Menschen sprechen eine Sprache, die er nicht spricht. Die Kinder spielen schneller Fußball, als er es gewohnt ist. Und das Haus, in das sie einziehen, ist seit dem Tod des Großvaters verwahrlost und verschmutzt. Der Weg vom Berg hinunter ins Dorf ist lang und beschwerlich. Und immer wieder drängt die quälende Frage: Was hat Mirzas Vater zu diesem radikalen Schritt bewegt?
Enne Koens hat für ihren Roman einen fiktiven Ort gewählt, können sich doch ungewollter Aufbruch und damit einhergehende Entwurzelung überall ereignen.
Nachdem wir den Kindern ausgewählte Passagen des Buches vielstimmig vorlesen und die Atmosphäre durch Live-Vertonung eine weitere Stimme erhält, betreten die Kinder unser Studio, durch das sich eine meterlange, anthrazitfarbene Filzbahn wie eine Straße durch den Raum und in die Höhe windet. Was bedeutet es für ein Kind, von seinem eigenen Vater entführt zu werden? Wie ist es, Tag und Nacht, in einem engen Auto gefangen ins Ungewisse zu rasen? Wie muss sich Mirza auf diesem Weg gefühlt haben? Nachdem die Kinder während des Vorlesens bereits die Schlüsselszenen der Coming-of-Age-Geschichte rezipiert haben, wie das Betreten des Hauses, das alles andere als die notwendige Geborgenheit eines Zuhauses gibt, das Fußballspiel, das für Mirza eine Metamorphose vom nicht beachteten Außenseiter zum »Ballkönig« anstößt, die Freundschaft mit Selin oder die Mutprobe in Form eines Gipfelsturms, notieren sie auf der ›Straße‹ (Filzbahn) mit Kreide Situationen, die sie in dem Buch besonders bewegt haben. Sie finden dabei Worte für das unaufhaltsame Unterwegssein über Grenzen hinweg. Hieran anknüpfend steht die Frage im Raum, was ein Zuhause ausmacht. Was braucht Mirza, um zu Hause zu sein? Und was bedeutet ›Zuhause‹ für die anwesenden Kinder? Was brauchen sie, um sich zu Hause zu fühlen? Um einerseits den Gedanken der Kinder ihre Intimität zu lassen und andererseits an das Wesen einer (noch) fremden Sprache anzuknüpfen, entwickeln die Kinder ausgehend von ihren konkreten Bildern abstrakte und geheime Zeichen für das Alphabet und bringen mit diesen ihre Gedanken zur Sprache.
Ausgangspunkt für diesen Transformationsprozess ›vom Bild zum Zeichen‹ sind ausgewählte Bildausschnitte von Maartje Kuiper, die die Geschichte ›bebildern‹. In dem sensiblen zeichnerischen Zusammenspiel von Grau- und Orangetönen, das punktuell Erdtöne integriert, lassen sich viele Details entdecken, die von Mirzas neuen Begegnungen aber auch seiner Gefühlswelt auf der konkreten wie symbolischen Ebene erzählen. So können wir in den Bildern nicht nur Landschaften wie zuckerhuthohe Berge, sondern auch diverse bekannte aber auch fremde Tiere finden, wie Ziegenböcke oder einen sogenannten Slüwen, der mit seinen großen Ohren sehr gut hören können soll. Mit Details, wie zum Beispiel einem Grenzhäuschen, einer Pistole, einem Messer oder einem Personalausweis und ihrem jeweiligen Bedeutungshof wird unsere Vorstellung für die beängstigende und bedrückende Situation Mirzas angeregt. Und schließlich finden wir immer wieder auch atmosphärische Bilder wie Details, die Hoffnung machen oder auf Mirzas Selbstermächtigung verweisen. In einem Bild können wir zum Beispiel einen jungen Slüwen beobachten, der vertrauensvoll seiner Mutter oder seinem Vater folgt. Dann ist in den Bildern immer wieder eine Kellerassel wahrzunehmen, die als Urtier für Kraft und Widerständigkeit steht, eben für die Ressourcen, die wir brauchen, wenn das eigene Zuhause woanders ist.
Anregungen zur erweiterten ästhetischen Rezeption
Wie fühlt es sich an, wenn die Sprache, der ich begegne, noch fremd ist? Was brauche ich, um mich zu Hause zu fühlen? Ein Kuscheltier? Meine Familie? Einen vertrauten Geruch? Die Entwicklung geheimer Zeichen und die Anwendung dieser für die Verschriftlichung der Gedanken zu dieser essentiellen Frage, kann unterstützen, zu erfahren, was Selbstermächtigung bedeutet. Ausgehend von fotokopierten Details aus den Bildern Maartje Kuipers, in einem Wandbild zu einem Bilderalphabet arrangiert, werden die Kinder angeregt, das Alphabet mit eigenen Bildern zu erweitern. In unserem Workshop können wir dabei zum Beispiel für den Buchstaben F die Darstellung eines Fahrrads entdecken, für den Buchstaben C einen Computer oder für das P eine Pizza. Der Übersetzungsschritt von der konkreten Darstellung zum abstrakten Zeichen kann mit dem Impuls, Linien und Konturen aus dem eigenen Bild auszuwählen und diese mit Hilfe von Transferpapieren auf bereitgestellten Leporellos durchzupausen, initiiert werden. Jede gefaltete Seite steht dafür für ein Zeichen.
Der Workshop unter der Leitung von Kirsten Winderlich, Elisa Bauer und Conrad Rodenberg wurde in Kooperation mit einer 4. Klasse der Athene Grundschule (Lichterfelde West) sowie unter Mitarbeit von Sophia Ashraf und Lucia Leonhardt durchgeführt.
Konzept Raumgestaltung: Kirsten Winderlich
Realisierung Raumgestaltung: Elisa Bauer (Wandbild); Elisa Bauer, Sophia Ashraf, Lucia Leonhardt (Straße)
Konzept Live-Vertonung und Performance: Conrad Rodenberg
Enne Koens
Zuhause ist woanders
Mit Bildern von Maartje Kuiper
Aus dem Niederländischen von Andrea Kluitmann
Gerstenberg 2026
240 Seiten, durchgehend zweifarbig illustriert
Hardcover, 21,5 x 15,5 x 2,5 cm
ISBN: 978-3-8369-6371-8
€ (D): 18 / € (A): 19,20 / CHF: 28,90


































