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DIE BLUMENFRAU

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DIE BLUMENFRAU
Eine Begegnung im Alltag

Text: Kirsten Winderlich
Fotos: Elisa Bauer

Durchführung der Bilderbuchwerkstatt: Elisa Bauer, Helen Naujoks und Nadja Hillers

Da sitzt sie Tag für Tag und verkauft Blumen. Im Frühling sind es die Maiglöckchen mit ihren saftig grünen Blättern und Tulpen, im Sommer die Wiesenblumen, Kornblumen und roter Mohn, im Herbst die Astern und Dahlien, gespickt mit Hagebuttenzweigen, die sie je nach Jahreszeit behende zu Sträußen bindet. »Die Blumenfrau«, ihren Namen kennen wir nicht, ist Expertin auf ihrem Gebiet und hat dennoch kaum ein Auskommen. Im Winter verkauft sie keine Blumen, sondern sitzt, eingehüllt in Decken, einfach da. »Vor ihr stehen ein Becher und ein kleines Heiligenbild. Sie hofft auf ein paar Münzen.« Anne-Christin Plate ermöglicht mit ihrer Geschichte, die im bewegten Strich ihrer Buntstiftzeichnungen resoniert, eine Wahrnehmung für die Menschen, die, am Rande unserer Gesellschaft, ums alltägliche Überleben kämpfen und von uns kaum bemerkt werden. Darstellungen der städtischen Bebauung aus der Vogelperspektive sowie von den Straßenraum säumenden Zäunen lenken dabei unseren Blick auf ihr Ausgesetzt-Sein. Über die Begegnung zwischen Wanja und der Blumenfrau macht Anne-Christin Plate deutlich, welche Kraft auch noch so kleine Gesten der gegenseitigen Wertschätzung entfalten können. Die Künstlerin vermittelt diese mit Hilfe ihrer feinen wie energetischen Zeichnungen, in denen die Blumen für den Lebensunterhalt der alten Frau wie für das Leben schlechthin stehen. Denn die Blumen, die die Frau unermüdlich und jeden Tag aufs Neue zu Sträußen bindet, korrespondieren mit den Blumen, die ihr Kopftuch schmücken.
Doch kommen wir zum Beginn der Geschichte. Gebeugt zieht die alte Frau jeden Morgen ihren mit Blumen gefüllten Trolley in die Stadt. Wie mühsam dieser Weg ist, zeigt das Eröffnungsbild auf dem Vorsatzblatt, in dem die Künstlerin den beschwerlichen Gang in Sequenzbilder zerlegt. An einer Stelle, die viele Menschen auf ihrem Weg passieren, lässt sie sich nieder. Die meisten eilen jedoch an der Frau vorbei. Und selbst wenn die eine oder andere einen Blumenstrauß kauft oder ein wenig Geld gibt, bleiben es nur flüchtige Begegnungen. Nicht so jedoch, wenn Wanja kommt. »Die Blumenfrau freut sich, wenn er zwischen den Passanten auftaucht.« Noch ist sein Blick in diesem Moment auf die Eltern gerichtet. Die Bildkomposition lenkt unsere Aufmerksamkeit jedoch auf die besondere Beziehung zwischen Wanja und der alten Frau. Eltern und Kind, Hand in Hand, und die am Boden sitzende Frau sind in einer Sichtachse platziert. Darüber hinaus treten die Eltern nur angeschnitten ins Bild. Da von ihnen weder Kopf noch Gesicht sichtbar sind, können wir die einander haltenden Hände entsprechend als Symbol für die innige Verbundenheit zwischen Wanja und der alten Frau deuten. Manchmal kaufen Wanja und seine Eltern einen Blumenstrauß, den der Junge aussuchen darf. »Danach führt die Blumenfrau ihre Hand zur Stirn und an ihre Lippen und wirft Wanja eine Kusshand zu«, dankt ihm also mit einem Segen. Auf der Folgeseite stehen wir der alten Frau direkt gegenüber. Die Künstlerin widmet ihrer Darstellung eine Doppelseite und gibt der Blumenfrau auf diese Weise ein Gesicht und eine Bedeutung. Ihre ausgestreckte, nach oben hin geöffnete, Hand, die sich in die Mitte des Bildes schiebt, hebt die Handlung des Segnens noch einmal hervor. Das Bild transformiert damit den mit auf der Straße lebenden Menschen konnotierten Akt des Bittens um Geld in ein Geben, ein Geben von Zuwendung und guten Wünschen. Irgendwann ist die Blumenfrau nicht mehr da. »Wo kann sie nur sein?«, fragt sich Wanja. Er vermisst sie und überlegt weiter: »Verkauft sie ihre Blumen woanders in der Stadt? Ist sie verreist? Ist sie krank? Ruht sie sich nur ein bisschen aus? Kommt sie zurück?« Das Schlussbild zeigt Wanja auf einer sommerlichen Blumenwiese, die seine Erinnerung an die Blumenfrau hervorlockt und ihm hilft, dass sie in seinen Gedanken fortlebt. Dass er sie bei einem möglichen Wiedersehen nach ihrem Namen fragen würde, wird noch einmal durch das Sequenzbild auf dem Nachsatzblatt besiegelt. Es zeigt Wanjas auf den Anfang der Geschichte gerichtete zielstrebige Bewegung und rahmt gemeinsam mit dem Eröffnungsbild den häufig übersehenen und unterschätzten Möglichkeitsraum von zwischenmenschlicher Begegnung im Alltag.

Anne-Christin Plate
Die Blumenfrau
NordSüd 2024
40 Seiten, durchgehend farbig illustriert
Hardcover 28 x 21,5 cm
ISBN: 978-3-314-10675-0
€ (D) 18 / € (A) 18,50 / CHF 23,90

Anregungen zur erweiterten ästhetischen Rezeption

In ihrem Nachwort schreibt Anne-Christin Plate, dass ihr Bilderbuch Anlass sein kann, mit Kindern über Menschen auf der Straße, zu sprechen und gibt uns folgende Impulsfragen an die Hand: »Kennst du einen Menschen in deiner Nachbarschaft, der auf der Straße lebt? Oder dort sitzt und um Geld bittet? Kennst du seinen/ihren Namen? Welche Fragen würdest du dem Menschen gerne stellen?« Im Rahmen unserer Bilderbuchwerkstatt sind wir diesen Fragen nachgegangen, indem wir uns über die Auseinandersetzung mit Blumen in die Blumenfrau eingefühlt haben. Die Schreib- und Zeichentische und Schnittblumenkübel wurden dabei so installiert, dass die Vorstellung entstehen konnte, die Blumen würden aus ihnen herauswachsen. Dieses Setting hat die Kinder unterstützt, Briefe an einen Menschen auf der Straße, bzw. stellvertretend an die Blumenfrau, zu schreiben und zu zeichnen. Im Anschluss waren alle eingeladen, aus den Blumen Sträuße zu binden, diese im öffentlichen Raum für eine Spende an Passanten zu vergeben und ihnen eine Freude zu machen.