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Das Leben leben

Das Leben leben
Zum „Stundenbuch des Jacominus Gainsborough“ *

Text: Kirsten Winderlich
Fotos: Elisa Bauer

Was heißt es, auf die Welt zu kommen, auf der Welt zu sein? Was bedeutet es, das Leben zu leben?
In dem Bilderbuch von Rébecca Dautremer entfaltet sich vor uns ein Leben, das es wert ist, erzählt zu werden, wie die Autorin und Illustratorin in ihrem Prolog an die Kinder schreibt.
Was aber macht jemanden aus, dessen Leben sich zu erzählen lohnt? Handelt es sich um jemanden, die oder der sich auf besondere Weise hervorgetan und verdient gemacht oder der Nachwelt einen Schatz hinterlassen hat, ein Kunstwerk beispielsweise?
Rébecca Dautremer hilft uns bei der Suche nach Antworten mit zwölf Bildszenen, neun Porträts und drei Bildersammlungen, die sie kunstvoll zur Lebensgeschichte des kaninchenartigen Wesens Jacominus Gainsborough verknüpft. Die Zeichnungen auf dem Vorsatzpapier am Anfang wie am Ende des Buches machen deutlich, dass zum Leben eines einzelnen Wesens immer auch die anderen gehören. So entdecken wir in den Bildern Jacominus inmitten einer kleinen Gesellschaft von Mischwesen mit Tierköpfen und menschlichen Körpern, inmitten von Kindern und Erwachsenen, Familienmitgliedern und Freunden. Wo sein Platz in dieser Gesellschaft und später in der Welt sein wird, ist zu Beginn des Buches wie zu Beginn eines jeden Lebens noch nicht klar. Sicher ist nach Dautremer nur, dass jedem von uns ein Platz bestimmt ist. So auch Jacominus. Er braucht nur Zeit, um das zu merken. „Und noch mehr, um ihn zu finden“, lesen wir unter einer malerischen Szene, die an Pieter Bruegels „Kinderspiele“ (1560) erinnert und uns anregt, Gemeinsamkeiten und Unterschiede im Vergleich mit heutigen Schulhöfen zu thematisieren.
Beeindruckt von der Inventarisierung jeder einzelnen Figur der Geschichte über numerische Kennzeichnung und Auflistung im Rahmen einer Legende, wird uns schon zu Beginn des Buches deutlich, dass jede und jeder einzelne seine Bedeutung hat und in einer besonderen Beziehung zum Protagonisten der Geschichte steht.
Wir dürfen dem Leben des Jacominus vom Anfang bis zum Ende folgen. Besonders die feinsinnigen Porträts lassen uns miterleben, wie aus einem zarten und schutzbedürftigen Winzling ein eigenständiges und verantwortungsbewusstes Individuum wird, dessen in der Gesellschaft überwiegend weniger geschätzte Introvertiertheit und Schüchternheit sich mit den Jahren in umsichtige Besonnenheit verwandelt. Gleich das erste Porträt, das Jacominus als Baby in embryonaler Haltung zeigt, erinnert uns an ein geliebtes Stofftier. Nur zu gut können wir nachvollziehen, wie sich Jacominus gefühlt haben muss, als er über ein Holzscheit auf einer Treppenstufe stolperte. Unfälle ähnlicher Art kennen wir aus eigener Erfahrung.
Leben heißt immer auch, Widerstände zu überwinden und mit Beeinträchtigungen umzugehen. Dass gerade die sensiblen Übergänge zwischen den Lebensphasen prägen und mitsteuern, wird besonders deutlich am Umgang mit der Krücke, die Jacominus in jungen Kinderjahren buchstäblich als Stütze dient und ihn auch später begleitet, jedoch frei von stigmatisierender Wirkung. Das Objekt gehört so selbstverständlich zu ihm, dass er es verwandeln und ihm sogar Töne für seine große Liebe entlocken kann.
Das Leben des Jacominus ist geprägt von Stationen und Erfahrungen, die viele Menschen durchleben und teilen können. Rébecca Dautremer verleiht diesen im Kern kollektiven Erfahrungen über atmosphärisch anmutende kolorierte Zeichnungen einen unvergesslichen Ausdruck. Jede Doppelseite der zwölf Bildszenen entführt uns in ein eigenes Universum, das für Jacominus zum jeweiligen Zeitpunkt seines Lebens bestimmend ist. In seiner Kindheit sind die Geborgenheit inmitten der Familie im herbstlichen Park oder in der häuslichen Veranda, das tobende Spiel um ihn herum oder ein Ausflug an den Strand bei Ebbe und Flut bedeutsam. Immer ist er dabei und wahrt doch gleichzeitig Abstand zur Gruppe. In dieser Position, die für Jacominus mit ambivalenten Gefühlen verbunden ist, findet er sich auch im Jugendalter wieder, zum Beispiel bei einem Wettrennen in einem Stadion. Dennoch ist er glücklich, auch wenn er sich woanders viel wohler fühlt, heißt es in der Geschichte.
Im jungen Erwachsenenalter bricht er mit einem Schaufelraddampfer in ein Abenteuer auf oder in einen Kampf. Dass seine Freunde dabei sind und dass das Schiff den Namen seines Helden „Black Knight“ trägt, unterstreicht, dass er auch in dieser Zeit nicht allein ist und deshalb die Stärke besitzt, Niederlagen zu meistern. „Natürlich war er nicht immer der Gewinner. Aber er meinte, letzten Endes werde er ganz gut damit fertig“, lesen wir unter dem Bild, das an den verlorenen Russlandfeldzug Napoleons erinnert.
Jacominus wird älter, erlebt weitere Verluste, aber das Leben geht weiter. Mit Sweety, seiner großen Liebe seit Kinderjahren, gründet er eine Familie. Nun wird das Leben turbulenter und rastloser. Im Bilderbuch, um 90 Grad gedreht, sehen wir auf einem Bild, wie die Welt des Jacominus, die kleine Gesellschaft der Familie und Freunde, in einem Sog durcheinanderwirbelt. Es wird immer schwerer, „sich auf den Mond zu träumen“, und Jacominus fragt sich: „Muss ich jetzt schon schlafen, um zu träumen?“
Als Jacominus, alt geworden, unter einem blühenden Mandelbaum einschläft und stirbt, lesen wir zum Schluss noch einmal eine Aufzählung, die sein Leben widerspiegelt. Es waren nur drei Feinde und drei oder vier traurige Abschiede sowie kleine Sorgen, mit denen er sich auseinandersetzen musste. Viel bedeutsamer erscheinen die fünfstelligen und damit unzähligen unvergesslichen Träume sowie die milliardenfachen Erinnerungen, die sein Leben ausmachen.
Der Bedeutung dieser essentiellen Fähigkeit, sich zu erinnern, widmet sich Dautremer nicht nur am Lebensende des Jacominus, sondern lässt diese Erinnerungen über ein philosophisches Bild-Text-Wechselspiel in Anlehnung an die bekannte Ästhetik eines Fotoalbums immer wieder zum Erscheinen kommen. An drei Stellen der Geschichte flicht sie Bilder-Mappings ein und initiiert auf diese Weise ein poetisch-reflexives Erinnern an all das, was Jacominus gelernt und erlebt hat. Noch einmal kann Revue passieren, wem Jacominus begegnete, mit wem er sein Leben teilte, worauf er wartete, wovon und von wem er träumte.
Auch wenn viele Bilder und Passagen in dem Buch Kindern rätselhaft erscheinen mögen, beim genauen Hinschauen ist in jedem Leben eine Menge zu entdecken – gerade, wenn es mit anderen geteilt wird.

Anregungen für eine erweiterte ästhetische Rezeption des Bilderbuches
Rébecca Dautremers Bilderbuch regt an, ein eigenes Stundenbuch herzustellen. Verfahren assoziativen und automatischen Schreibens inspirieren die Kinder, bedeutungsvolle Situationen und Details aus ihrem Leben wiederzugeben. Darüber hinaus können sich die Kinder in Mapping-Verfahren erproben, insbesondere im Bild-Text-Zusammenspiel. Das Ordnen und Zusammenbringen von Fotos aus der eigenen Kindheit, Bildmaterial aus dem Bilderbuch und selbst verfasster Texte sensibilisiert dabei schließlich ihre Aufmerksamkeit auch für vordergründig Randständiges und eher „leise“ Momente ihres Alltags.

*Die Rezension basiert auf der Arbeit mit Kindern in der Bilderbuchwerkstatt der grund_schule der künste der UdK Berlin. Sie bindet die Zugänge und Aneignungsprozesse ein, die beim gemeinsamen Betrachten und Lesen des Bilderbuches „Das Stundenbuch des Jacominus Gainsborough“ von Rébecca Dautremer mit sieben- bis achtjährigen Kindern einer Grundschule in Berlin-Friedrichshain im Dezember 2019 entstanden.