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Bild Blick Stadt

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Zeitgenössische Bilderbücher und ihre forschenden Zugänge zum Öffentlichen Raum

Text: Kirsten Winderlich
Repros: Elisa Bauer

Zeitgenössische Bilderbücher können uns über ihre jeweilige spezifische Ästhetik neue Sichtweisen auf bekannt Geglaubtes eröffnen. Die Autorin hat für ihren Beitrag drei Bilderbücher ausgewählt, die Vorschläge machen, wie Kinder sich mit ästhetischen und künstlerischen Verfahren forschend mit Stadt und Öffentlichen Raum auseinandersetzen können. Sie zeigt anhand der Bilderbücher »One Afternoon« (Hsin-Yu Sun), »Unsichtbar in der großen Stadt« (Sydney Smith) und »I love my India. Stories for a city« (Avinash Veeraraghavan), welche Impulse und Verfahren sich aus der jeweiligen Bilderbuch-Ästhetik heraus entwickeln lassen.

Stadt ist, wo Menschen sind (Jochen Gerz)

Wenn »Stadt ist, wo Menschen sind« (Gerz 2001), kann der Öffentliche Raum als (Ver-)Handlungsraum von Gemeinschaft verstanden werden. Er zeichnet sich durch zahlreiche Perspektiven und Möglichkeiten der Positionierung aus. Nach Hannah Arendt zeichnet sich der Öffentliche Raum in diesem Sinne durch die Gelegenheit aus, sich zu versammeln und sich gegenseitig unter Berücksichtigung der jeweiligen Positionen wahrzunehmen und auszutauschen (vgl. Arendt 1967, S. 71). Neben dem Versammlungsort ist der Öffentliche Raum auch als Bewegungsraum zu begreifen, von dem aus Stadt bzw. ihre konstituierenden Elemente, wie Gebautes, Zeichen sowie Interaktionen, erfahrbar werden. Hieran anknüpfend ist für Michel de Certeau die Bewegung durch den Öffentlichen Raum Voraussetzung für die Aneignung von Stadt. Er beschreibt in diesem Zusammenhang, wie gerade Fußgängerinnen und Fußgänger Stadt wahrnehmen und erfahren können. Diese Form der Stadtaneignung hat eine besondere Nähe zum Wahrnehmungstypen des »Flaneurs«. Sie bedeutet für de Certeau, auf den Überblick zu verzichten, sich einzulassen auf Unvorhergesehenes, Unerwartetes und Überraschendes (vgl. de Certeau 1988, S. 179-209). Das Flanieren bietet darüber hinaus die Chance, Teil des Öffentlichen Raumes und entsprechend wahrgenommen zu werden. Vor dem Hintergrund, dass Kindheiten zunehmend von »Verhäuslichung«, »Verinselung« und »Institutionalisierung« (Hengst 2013, S. 73) sowie »Mediatisierung« (Westphal/Jörissen 2013, S. 10), d.h. durch geschützte Räume von Familie, Schule, Sportverein, Musikschule u.ä. wie durch die digitalen Medien, geprägt sind, haben der leibsinnlich wahrgenommene Weg aus der Schule in die Stadt und ein forschender Zugang zum Öffentlichen Raum für die Kinder hohe Bildungsrelevanz. Anders als die Schule kann der Öffentliche Raum in diesem Zusammenhang als nichtinstitutioneller, informeller und damit als ein die Schule erweiternder Bildungsraum wirken.
Zeitgenössische Bilderbücher zeichnen sich durch Bilder sowie Bild-Text-Wechselspiele aus, die den eigenen Blick verschieben auf Noch-Nicht-Wahrgenommenes. Sie eröffnen mediale Räume, die Schutz bieten, sich auf Unerwartetes einzulassen (vgl. Winderlich 2017, 2018). Auch wenn zeitgenössische Bilderbücher überwiegend visuell wahrgenommen werden, sprechen sie alle Sinne an. Ich rieche den Schnee und spüre dabei die klirrende Kälte auf meiner Haut, wenn ich dem Kind aus dem Bilderbuch »Unsichtbar in der großen Stadt« von Sydney Smith folge. Die rasante Fahrradtour in »One Afternoon« von Hsin-Yu Sun und die vorbeiziehenden Fassaden bringen mich ins Taumeln. Die surrealen Collagen aus Bildern und Zeichen aus dem Bilderbuch von Avinash Veeraraghavan lassen mich, die Ränder der Stadt wahrnehmend, die unaufhörlich tosende Geräuschkulisse eines megaurbanen Raumes imaginieren. Zeitgenössische Bilderbücher erzählen nicht nur Geschichten, sondern machen gleichzeitig Vorschläge, eine forschende Haltung (Winderlich 2019, S. 673 ff.) einzunehmen und auf diese Weise Zugänge zu Stadt und damit auch dem erweiterten Sozial- und Bildungsraum von Schule zu finden. Die jeweilige Ästhetik der ausgewählten Bilderbücher in diesem Beitrag gibt Impulse für leibsinnliche sowie ästhetisch-künstlerische Strategien, sich forschend in den Öffentlichen Raum zu bewegen.

Das Bilderbuch »One Afternoon« von Hsin-Yu Sun gehört zu der Gattung »Silent Book«. Die Geschichte aus dem Alltag eines Jungen in der Stadt wird ausschließlich über die Bilder erzählt. Das Besondere ist, dass Hsin-Yu Sun zwei Geschichten simultan wie kontrastierend darstellt und zum Ende hin zusammenführt: In den oberen drei Vierteln des im Querformat angelegten Buches können wir wie in einer Filmsequenz beobachten, wie ein Junge das Haus verlässt und sich auf seinem Fahrrad durch die Stadt bewegt. Im unteren der ebenfalls von Seite zu Seite fortlaufenden Bilderstreifen sehen wir seinem Hund beim Warten auf ihn zu. Mal können wir verfolgen, wie er an der Haustür schnüffelt und kratzt, mal wie er aus dem Fenster schaut oder döst oder wie er sich ein anderes Mal mit einem Stofftier abzulenken scheint. Verändert sich die städtische Kulisse auf dem Weg des Jungen von Seite zu Seite und rauscht, fein mit hellgrauem Strich gezeichnet, buchstäblich an ihm vorbei, blicken wir im unteren Bilderstreifen immer wieder in denselben Innenraum, in dem der Hund auf seinen Besitzer wartet. Scheint der Junge ein klares Ziel zu haben und legt entsprechend mit seinem Fahrrad im Stadtraum Strecke zurück, beobachten wir den Hund dabei, wie er im wahrsten Sinne des Wortes »nicht weiß, wohin mit sich«, sich langweilt und sichtlich ungeduldiger wird. Wie mit einer Filmkamera verfolgen wir den Jungen auf seinem Weg. Der eher vorstädtische Charakter der Kulisse weicht dabei nach zwei Seiten Hochhäusern und Einkaufsmeilen, Fassaden mit haushohen Werbeplakaten und Graffitis. Vorbei an einer Friedensdemonstration, bewacht von behelmter Polizei, radelt der Junge entlang eines Parks bis zu einem Café, wo er Rast macht und zeichnet. Erneut ragen im Hintergrund Hochhäuser und Wolkenkratzer in den Himmel. Dass der Junge sich auf der Folgeseite bereits auf dem Rückweg befindet, deutet die Künstlerin mit einer Kehrtwende des entsprechend links auf eine Schnellbahn ausgerichteten Fahrrads an. Tatsächlich ist der Junge auf der folgenden Seite bereits bei den Vorgärten seines Quartiers angekommen. Gleich ist er zu Hause. Die Bilderstreifen mit den hellgrau-weiß gehaltenen sequenziellen Stadtansichten weichen monoszenischen farbig gehalten Großbildern. Erneut verlässt der Junge das Haus und geht in die Stadt. Dieses Mal aber gemeinsam mit seinem Hund!
Das Bilderbuch »One Afternoon« regt an, Stadt und Öffentlichen Raum mit Mitteln des Zeichnens oder Fotografierens sequenziell »abzutasten« und diesem, imaginierte Ereignisse zu Hause oder in der Schule an die Seite zu stellen.

Was passiert zu Hause oder in der Schule, während ich mich durch die Stadt bewege? Was nehme ich auf meinem Weg durch die Stadt wahr? Und was tun meine Mitschülerinnen und Mitschüler in der Schule oder mein Hund, meine Katze oder meine Geschwister zu Hause? Durch die Gegenüberstellung des Öffentlichen Raumes, durch den ich mich bewege und dem Schulraum oder dem Zuhause, in dem Personen oder Tiere verweilen, findet eine Sensibilisierung der Wahrnehmung durch Kontrastierung statt.

In dem Bilderbuch »Unsichtbar in der großen Stadt« von Sydney Smith bewegt sich ein junges Kind durch die Stadt. Blicke durch die Scheiben einer Straßenbahn, lassen den Stadtraum nur schemenhaft erkennen. Nach Verlassen der Bahn eröffnen malerische Bilder Perspektiven auf den Weg durch die Stadt wie deren Atmosphäre. Dem eine Doppelseite füllendes Bild, auf dem das Kind zwischen Hochhäusern und geschäftigen Treiben allein über die Straße eilt, folgt eine Doppelseite mit vierzehn filmstillähnlichen Momentaufnahmen. Gezeigt werden hier Details und Ausschnitte von Fassaden sowie Szenen im Straßenraum, durch den sich das Kind zwischen Passanten und Verkehr bewegt. Es »weiß, wie es ist, klein zu sein in der großen Stadt« und führt dabei einen inneren Monolog: »Keiner sieht dich und es ist überall fürchterlich laut. Sich da auszukennen, ist nicht immer einfach.« Nach dem ersten Lesen scheint sich das Kind Mut zuzusprechen, sich in der Anonymität zurechtzufinden. Später wird deutlich, dass es zu jemanden spricht. Und spätestens nachdem wir ein Plakat entdecken, das den Verlust einer Katze ankündigt, wird klar, dass das Kind seine Katze sucht und dabei zu seinem Tier spricht. So kommt das Kind an einem Zaun vorbei, hinter dem drei große Hunde bellen und rät, einen großen Bogen um diesen zu machen. Es empfiehlt seiner Katze Verstecke, wie einen Haselstrauch oder einen Walnussbaum, oder sich unter einem warmen Lüftungsrohr zusammenzurollen und auszuruhen und vermutet, dass der Fischhändler bereit wäre, einen Fisch zu verschenken. Nachdem das Kind die Kirche passiert hat, von deren Fensterbrett ein Klavierspiel gut zu erlauschen wäre, nimmt das Schneetreiben weiter zu, so dass das Kind sich auf den Rückweg nach Hause macht. Die Mutter wartet schon. Das Ende bleibt offen. Trost spenden das Wissen des Kindes, dass sich seine Katze schon zurechtfinden wird sowie das abschließende Bild, auf dem Spuren im Schnee, offensichtlich von Pfoten, auffordern, den Weg der Katze weiterzudenken.

Das Kind in der Bilderbuchgeschichte sucht sich nicht nur einen Weg durch die Stadt, sondern fühlt sich darüber hinaus in die Perspektive seiner Katze ein. Dabei berücksichtigt es insbesondere Geräusche der Stadt aber auch scheinbar unbedeutende Details, die für viele Erwachsene im Alltag eher unbemerkt bleiben. Anregend für einen Transfer der Bilderbuchgeschichte auf eine Erkundung des Stadtraumes sind folgende Impulse und Fragen: Welche Tiere leben in der Stadt? Wie bewegen sie sich durch den Stadtraum und nehmen diesen wahr? Wie unterscheidet sich dabei die Wahrnehmung beispielsweise eines Igels von der eines Hundes? Was hören die Tiere? Was riechen sie? Welche Orte sind für sie besonders interessant?

Machen die beiden vorangegangenen Bilderbücher forschende Zugänge zur Stadt über Bewegung durch den Stadtraum produktiv, arbeitet der Künstler Avinash Veeraraghavan mit Mitteln der Collage. Dabei verknüpft er in seinem Bilderbuch »I love my India. Stories for a city« Fotos und Bilder von Stadt im weitesten Sinne. Er richtet seine Aufmerksamkeit auf Orte, Gebäude sowie raumkonstituierende Elemente, die in der Auseinandersetzung mit Stadt eher seltener wahrgenommen und thematisiert werden und bezeichnet diese Forschungsfoki mit folgenden Begriffen: »Billboard City«, »Weak Architecture«, »Remote City«. Neben dem Zusammenbringen von Fotos, Bildern und Zeichen, sind seine Stadt-Collagen geprägt von Aussparungen. Als Leerstellen verstanden, regen sie an, die Collagen mit eigenen Bildern fortzuführen.

Anlehnend an den forschenden Zugriff auf Stadt als Collage, könnten die Kinder die Ränder der Stadt mit Mitteln der Fotografie untersuchen und dabei ihre Wahrnehmung auf die raumkonstituierenden Elemente, die nicht sofort ins Auge fallen, richten, wie zum Beispiel auf Baustellen, Brachen, Zäune oder Bodenbeläge. Um die mediale Ebene von Stadt zu thematisieren, könnte in einem weiteren Zugriff der Fokus auf Werbung in Verknüpfung mit Architektur gerichtet sein.

Sollten die vorangegangenen Ausführungen exemplarisch aufzeigen, wie zeitgenössische Bilderbücher über ihre jeweilige Ästhetik zu forschenden Zugriffen auf Stadt und öffentlichen Raum anregen können, bleibt die Frage, wie Kinder stärker an Stadt teilhaben und damit auch Schule im öffentlichen Raum gelebt wird. Die unmittelbare Gegenwärtigkeit der Kinder während ihrer Forschungstätigkeit im öffentlichen Raum mag ein erster Schritt dazu sein. Bestimmt können weitere Wege gefunden werden, die die Einlassungen und Entdeckungen der Kinder auch für andere Passanten wahrnehmbar machen, zum Beispiel über die Vermittlung der ästhetisch-künstlerischen Forschungsergebnisse auf Bannern an Fassaden, in Schaufenstern oder durch die Installation von Audioaufnahmen in U-Bahnhöfen oder Bushaltestellen …

Bilderbücher:
Sydney Smith: Unsichtbar in der großen Stadt. Stuttgart: Aladin 2020
Hsin-Yu Sun: One afternoon. Dongguan: Reycraft 2020
Avinash Veeraraghavan: I love my India. Stories for a city. Thailand: Tara, Dewi Lewis 2004

Literatur:
Arendt, H. (1967): Vita activa oder vom tätigen Leben. München: Piper.
Certeau, M. de (1988): Die Kunst des Handelns. Berlin: Merve.
Gerz, J. (2001): Reden über die Stadt. Vortragsreihe der Guardini-Stiftung, Staatsbibliothek zu Berlin, 5.04.2001 (unveröffentlicht)
Hengst, H. (2013): Kindheit im 21. Jahrhundert. Differenzielle Zeitgenossenschaft. Weinheim/Basel: Beltz.
Westphal, K./Jörissen, B. (2013): Vom Straßenkind zum Medienkind. Raum- und Medienforschung im 21. Jahrhundert. Weinheim/Basel: Beltz.
Winderlich, K. (2019): Von den Rändern her. Zu Forschungsverständnis und -praxis der grund_schule der künste der UdK Berlin. In: Ruth Kunz/Maria Peters (Hgg.): Der professionalisierte Blick. Forschendes Studieren in der Kunstpädagogik. München: Kopaed.
Winderlich, K. (2018): Bilder bilden Sprachen. Berlin: Wamiki.
Winderlich, K. (2017): Bilder bilden. Berlin: Wamiki.