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Alte Menschen im Bilderbuch

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Zwischen Geborgenheit und Verlorenheit

Text: Kirsten Winderlich

Kinder haben heute immer seltener Gelegenheiten, alten Menschen zu begegnen, mit ihnen Zeit zu verbringen und gemeinsame Erfahrungen zu teilen. Das Zusammensein mit alten Menschen ist vielleicht gerade aus diesem Grund häufig von ambivalenten Gefühlen der Geborgenheit und Befremdung geprägt.
Erzählen Bilderbücher von alten Menschen, so tun sie dieses häufig in Bezug auf den Tod. Abschiednehmen, Verlust und Trauer stehen im Vordergrund. Das Eigensinnige des Alters, das Kinder zugleich anzieht und befremdet, rückt in den Hintergrund.
Ohne die Bedeutung des Todes in Bezug auf das Thema Alter schmälern zu wollen — ihm gebührt ein eigener Beitrag — möchte der folgende Text auf Bilderbücher Lust machen, die Zugänge zu alten Menschen eröffnen und sie, neben allen Differenzen zwischen Jung und Alt, als Bereicherung erfahrbar machen. Drei Bilderbücher werden vorgestellt, die auf unterschiedliche und eigensinnige Weise über die Begegnung zwischen Kindern und alten Menschen erzählen.

Kinderspiele
In dem Bilderbuch »Die seltsame Alte« von Adelheid Dahimène und Heide Stöllinger trifft ein sieben- oder achtjähriges Mädchen auf eine alte Frau, die ihm zuerst befremdlich ist, Angst zu machen scheint, im gemeinsamen Spiel jedoch immer vertrauter wird. Das Kind und die Alte spielen das seit Generationen auf der ganzen Welt bekannte und doch fast vergessene Abnehmespiel, bei dem zu Beginn ein an beiden Enden zusammengebundener Faden um die Handgelenke geschlungen wird. Beim Abnehmen entwickelt ein Mitspieler immer neue Fadenfiguren.
Die Geschichte beginnt, wenn sich auf der ersten Seite, vor braunem Hintergrund, eine Tür zu öffnen scheint und die alte Frau ins Bild, in die Welt des Mädchens tritt. Der Text erzählt, dass es ein Donnerstag sei, an dem die »seltsame Alte« hereinkomme. Die alte Frau blickt das Mädchen freundlich an, das mit verschränkten Armen missmutig auf seine Füße starrt. Die Alte setzt sich »ins Bild«, im Text heißt es: »ins Sofa-Eck«, und beginnt das Gespräch, indem sie nach den zehn Puppen des Mädchens fragt, den großen, den mittleren und den kleinen. Ein Bild zeigt das Mädchen, überrumpelt, mit erschrockenem Gesichtsausdruck und in defensiver Körperhaltung. Es weicht zurück, antwortet aber, wie der Text erzählt, dass es seinen Puppen schlecht gehe, weil es sie satthabe.
Die gemalten Bilder Heide Stöllingers machen die Gefühle des Mädchens erfahrbar, indem sie vor monochromem Hintergrund Mimik und Körperhaltung fokussieren. Sie zeigen das Mädchen und die alte Frau vor immer gleicher Kulisse, auf der das Umfeld, in dem die Begegnung stattfindet, ausgespart bleibt. Die Begegnung könnte demnach überall stattfinden. Die Kommunikation zwischen beiden könnte als ortsunabhängig und universal interpretiert werden. Sie wird auf den ersten Seiten des Buches lediglich von dem beeinflusst, was die beiden Personen an Sprache mitbringen, insbesondere an nonverbaler Sprache und Fantasie.
Die alte Frau wird nicht müde, mit Sprachspielen um die Aufmerksamkeit des Mädchens zu werben und einen Zugang zu seiner aktuellen Gefühlswelt zu finden. Frage für Frage baut sie eine Beziehung zwischen sich und dem Mädchen auf — sie schafft Vertrauen.
Das Frage- und Antwortspiel zwischen beiden erscheint auf den ersten Blick als absurd. Es hilft dem Mädchen jedoch, sich zu öffnen, löst Emotionen aus. Mit der dritten Frage, bei der die alte Frau dem Mädchen — mittels des »Mensch-ärgere-dich-nicht«-Spiels —zeigt, dass sie die Wut und den Ärger des Kindes antizipiert, ist die Zeit für ein gemeinsames Spiel gekommen. Nun ist es die Schnur eines Fadenspiels, ein altes Kinderspiel, die die beiden verbindet und Nähe herstellt.
Während die alte Dame »mit den Fingern ein Stück Schnur wie einen Kaugummi von einer Seite zur anderen hinüberzieht, fragt sie weiter: >Und wohin sind deine drei aufregenden Brüder verschwunden?<« Als das Mädchen antwortet, dass die Brüder etwas erleben könnten, wenn es sie nur einmal erwischen würde, wird deutlich, dass die alte Dame durch schrittweises und vorsichtiges Einfühlen einen Zugang zu dem Mädchen und seiner Lebenswelt gefunden hat. Das Mädchen wird immer aufgeweckter. Langsam beginnt es, sich für die Alte zu interessieren, und fühlt sich in deren Eigenarten und Bedürfnisse ein. Die alte Dame streckt dem Mädchen den um ihre Handgelenke gewundenen Faden entgegen und sagt: »Zauber mir was!« Das Mädchen fährt mit den Fingern unter die Fäden, kreuzt sie in der Mitte und hebt der alten Dame die Figur über die Hände. Die Bilder zeigen die lebendigen und offenen Gesichter der beiden, das Fadenspiel in den Händen. Austausch und Dialog werden immer intensiver und unterstützen die Einbettung des Textes ins Bild. Auf jeder Doppelseite wird auf dem Hintergrund ein vertikaler Balken für den Text ausgespart. Der weiße Balken und der Text, immer an einer anderen Stelle platziert, springen von links nach rechts, pendeln von der Mitte nach außen und umgekehrt. So unterstützen sie das Dialogische des Spiels, das sich zwischen der alten Dame und dem Kind entwickelt.
Mutiger geworden, stellt das Mädchen Fragen, die Tabus wie den Tod streifen. So fragt es zum Beispiel: »Und dein Herz, schlägt es auf und ab oder hin und her?« Oder: »Und deine Beine, wie lange tragen sie dich noch?« Daraufhin antwortet die alte Dame ganz selbstverständlich: »So lange sie mögen.« Aber jetzt seien sie müde und durstig, sie brauchten Wasser. Sofort schleppt das Mädchen einen Kübel Wasser herbei. Die alte Dame zieht ihre Schuhe aus, steckt ihre Füße ins Wasser, und ein paar Spielrunden weiter stecken auch die Füße des Mädchens im Wassereimer — ein Bild gewachsenen Vertrauens. Als das Mädchen die alte Dame schließlich nach ihrem Namen fragt, weicht sie aus, beendet das Spiel und legt den Faden, zu einem Knäuel aufgewickelt, in die Hände des Mädchens.
Was bedeutet dieser Abschied ohne Namensnennung? Ist die Begegnung für die alte Dame nur auf der Ebene des Spiels möglich? Kann sich die Alte an ihren Namen nicht mehr erinnern?
Oder will sie das Mädchen so kurz vor ihrem Lebensende vor einer zu engen Bindung und vor Trauer schützen? Auf den letzten Seiten sind nur noch die Hände des Mädchens zu sehen. Es spielt das Abnehmespiel für sich allein weiter.

Der eigene Raum
Auch in der Bilderbuchgeschichte von Heinz Janisch und Aljoscha Blau begründet ein Objekt eine besondere Beziehung zwischen einem alten Menschen und einem Kind. Hier ist es ein Kopftuch, das ein Junge in der Erinnerung mit seiner Großmutter verbindet. Das Kopftuch wird zwar nicht, wie in der vorangegangenen Geschichte, in einem gemeinsamen Spiel benutzt, aber es schafft wie der Bindfaden und das Abnehmespiel eine Atmosphäre des Vertrauens und einen Raum der Geborgenheit.
Ausgangspunkt der von Aljoscha Blau illustrierten Geschichte »Das Kopftuch meiner Großmutter« ist ein Gedicht von Heinz Janisch, das wie eine Hommage an die eigene Großmutter klingt. Von diesem Gedicht lässt sich Aljoscha Blau zu seinen Bildern anregen. Es entsteht ein sehr persönlicher, intimer Erinnerungsraum, der nicht nur die kindliche Fantasie zum Erscheinen bringt, sondern ebenso deren Basis – die Beziehung zur Großmutter.
Das Kopftuch der Großmutter initiiert einen Schon- und Schutzraum, der dem Jungen ermöglicht, sich fallen zu lassen, seinen Imaginationen nachzusinnen und vertrauen zu können. Das schwarze Kopftuch ist nicht nur eine Großmutter und Enkelsohn verbindendes Objekt, sondern auch als intermediäres Objekt zu begreifen, das es dem Jungen ermöglicht, sich von der eigenen Fantasie beflügeln zu lassen.
Die Bilder, zarte, an Radierungen erinnernde Zeichnungen, vorerst auf weißem Hintergrund, werden von Texten auf den jeweils gegenüberliegenden Seiten begleitet. Die Texte stammen aus dem Gedicht von Heinz Janisch, das am Ende des Buches noch einmal im Ganzen nachzulesen ist. Die Schrift wirkt wie mit Feder und Tusche von der Hand eines Kindes geschrieben, das in längst vergangener Zeit lebte und sich um Schönschrift bemühte.
Auf dem zweiten Bild sehen wir die Großmutter ihr Kopftuch über dem in seinem Bett schlafenden Jungen in einen Himmel verwandeln. Der vorerst weiße Hintergrund verwandelt sich Stück für Stück in einen schwarzen, Flächen füllenden Nachtraum, auf dem Sterne in Rosa und Blau blinken. Der gemeinsame Alltag des Jungen mit der Großmutter erscheint in zarten Schwarz-Weiß-Zeichnungen als flüchtiger, vergänglicher Moment. Die im Schutzraum der Geborgenheit entstehenden Träume, Imaginationen und Fantasien sind wie in einem Negativ-Druck in fluoreszierenden Grundfarben auf schwarz abgerollten und getuschten Hintergrund gebracht. Begleitet vom Kopftuch, aus dem ein Sternenhimmel wurde, träumt der Junge von einer fabelhaften Tierwelt, die er, in Sternenbildern formiert, auf das Kopftuch, also den dunklen Himmel, projiziert.
Diese Träume in Geborgenheit verdankt er seiner Großmutter, wie auf der einzigen Bilddoppelseite in farbigen Lettern zu lesen ist: »All das hat meine Großmutter in ihrem Kopftuch eingefangen.« Aber die Nacht geht einmal zu Ende. Und »weil Sonntag war und weil die Kirchenglocken so schön geläutet haben, hat sie (die Großmutter, K. W.) das Kopftuch in den Hof flattern lassen wie eine Fahne. Und da sind sie (die 44 Reiskörner, K. W.) auf und davon geflogen.« So jedenfalls nimmt es der Junge wahr.
Das Bild, auf dem zu sehen ist, wie die Großmutter ihr Kopftuch, auf dem nur noch feine Spuren der Sterne zu erkennen sind, aus dem Fenster hält, könnte das morgendliche Frisieren ankündigen, den Moment, in dem die Großmutter ihr Tuch glatt schüttelt, bevor sie es sich auf dem Kopf festbindet. Doch den Jungen hat das Ruhen und Träumen in der sicheren Gewissheit der Nähe zur Großmutter verändert. Für ihn ist seine Fantasie nicht mit dem Glockenläuten und dem beginnenden Tag beendet, obwohl er tagsüber die Nähe der Großmutter nicht braucht. Er nimmt seine nächtliche Traumwelt mit in den Tag, ordnet und erweitert seine Nachterlebnisse schöpferisch in Tagträumen. Die Farben der auf den Sternenhimmel projizierten Tiere, Gegenstände und Phänomene fügen sich in den Alltag ein und verwandeln sich: Die Kuh erscheint auf einer blauen Milchtüte, die Henne hockt ohne Kopftuch auf einer Stuhllehne, und die Eier krönen in einem Eierbecher den sonntäglichen Frühstückstisch.
Die Nacht hat etwas mit dem Jungen gemacht. Als wäre er gewachsen, ist er selbständiger und hat tagsüber die schützende Präsenz der Großmutter —symbolisiert durch das Kopftuch — nicht mehr nötig. Wir sehen ihn an einem Teich angeln und mit einer Lupe eine Ameise betrachten. Das Kopftuch der Großmutter hat für den Jungen nicht mehr die Bedeutung eines umhüllenden Himmelszeltes. Weltaneignung und Fantasie sind nicht mehr mit den Ohnmächtigkeitsgefühlen eines kleinen Kindes verbunden, sondern mit selbsttätigem und selbstständigem Forscherdrang. Das heißt allerdings nicht, dass die Erfahrung der Geborgenheit ohne Bedeutung für die spätere Kindheit ist, bleibt sie doch in der Erinnerung erhalten. Wie sonst käme Aljoscha Blau auf eine Porträtzeichnung der Großmutter am Ende des Buches, die im Mienenspiel die Spuren der fluoreszierenden Farben der Himmelszeichnungen aufleben lässt und damit an die Momente zwischen Großmutter und Enkel in der frühen Kindheit erinnert?

Miteinander sprechen
Die Bilderbücher »Das Kopftuch meiner Großmutter« und »Die seltsame Alte« zeigen, welche besondere Rolle alte Menschen im Leben von Kindern spielen können, wenn sie ihnen das Gefühl von Geborgenheit vermitteln. Dass auch kleine Kinder für alte Menschen eine existentielle Bedeutung haben können, davon erzählt das Bilderbuch »Anna Maria Sophia und der kleine Wim« von Edward van de Vendel und Ingrid Godon.
Ein Junge folgt auf seinem Kettcar einer alten Frau. »Manchmal fuhr er schnell, manchmal fuhr er langsam, aber er blieb in Anna Maria Sofias Nähe.« Warum folgt ein kleiner Junge einer alten Frau? Die Frau interessiert den Jungen, könnte man meinen. Er bleibt nicht nur in ihrer Nähe, sondern er sucht sie.
Der kleine Wim macht »wrumm-wrumm-wrumm«, und Anna Maria Sophia antwortet mit »mmmh, mmmh, mmmh«. Für den kleinen Wim sind es Autogeräusche, die er mit seinen Lauten nachahmt, und für Anna Maria Sophia sind ihre Lautäußerungen eine Melodie, die sie gern summt.
Wim und Anna Maria Sophia machen einen Spaziergang. Sie machen das öfter, es scheint ein Ritual zu sein. Wie ein Ritual zwischen beiden wirkt auch, dass Wim auf besondere Weise mit Anna Maria Sophia spricht, dabei an ihre eigene Welt anknüpft und gleichzeitig ihre Wahrnehmung in Bezug auf die konkrete und »objektive« Gegenwart zurechtrückt. Dennoch geht Wim mit Anna Maria Sophia respektvoll undohne Bevormundung um. Er wirkt fast wie ein Erwachsener, nämlich so, wie wir uns einen Erwachsenen im Umgang mit Anderssein und Fremdheit wünschen.
Das Ritual zwischen Wim und Anna Maria Sophia, das beide verbindet, lässt sich folgendermaßen beschreiben: Auf dem Spaziergang findet die alte Frau für alles, was ihnen unterwegs begegnet, ihre eigenen Worte. Mit Hilfe dieser Wörter, die auf der rechten Bildseite abgebildet sind, Alltagsgegenstände bezeichnen und in dieser Konnotation für Außenstehende vielleicht befremdlich oder schwer verständlich wirken, kommentiert und begreift die alte Frau die Welt in ihrer eigenen Sprache. Das Besondere ist, dass der kleine Junge diese Sprache versteht. Er kennt die Wörter der alten Frau und übersetzt sie in seine oder in die konventionelle Sprache der Allgemeinheit. So begegnen die beiden auf ihrem Weg zum Beispiel einer schwangeren Frau. Die Alte schaut den dicken Bauch an und kommentiert ihn mit »Keksdose«. Das Fußballspiel der Jungen in einer kleinen Gasse bezeichnet sie als »Fernseher« und ein küssendes Liebespaar als »Dingdong«. Der Junge »korrigiert« die alte Frau immer wieder sachlich und einfühlsam. Und mehr noch: Er erzählt aus ihrem Leben und macht dadurch Erinnerungen lebendig, die für die alte Frau anscheinend nicht mehr greifbar sind, baut also eine Brücke zwischen ihrer heutigen Weltanschauung und ihrem vergangenen Leben, das ihr vermutlich nicht mehr zugänglich ist, weil ihr das Erinnerungsvermögen fehlt. So verneint der Junge, dass das Fußballspiel »Fernsehen« ist, und erklärt: »Sie kicken eine Runde. Da, die Striche auf der Mauer, das ist das Tor.« Dann baut er eine Brücke zwischen dem in der Vergangenheit Erlebten und der Gegenwart, indem er der alten Frau erzählt, dass sie Tennis gespielt habe und in ihrem Viertel die beste Spielerin gewesen sei. An anderer Stelle erzählt er ihr, nachdem er ihre Bezeichnung »Dingdong« für das küssende Paar korrigiert hat, folgendes: »Ihr habt euch früher immer unten am Hafen geküsst. Und wenn es sehr lange dauerte, hat es ganz salzig geschmeckt.«
Am Ende des Parks winkt ein kleines Mädchen dem Jungen zu. Die alte Frau flüstert »Schuh Schuh Schuh Schuh Schuh Schuh Schuh…« Und der Junge erzählt ihr, dass sie ein Baby bekommen habe, ein Mädchen. Er fragt, ob sie froh war und jetzt das Lied singen möchte. Spätestens hier wird deutlich, dass der kleine Junge und die alte Frau diesen Spaziergang schon häufig unternommen haben, immer in ritualisierter Form.
Anna Maria Sophia und der kleine Wim ziehen um die Häuserblocks, über einen Schulhof, durch den Park zum Friedhof und zurück nach Hause. Wim ist auf diesen Spaziergängen nicht nur Begleiter, sondern gibt Anna Maria Sophia auch Halt in einer Welt, in der sie sich orientierungslos fühlt. Die linol- oder holzschnittähnlichen Bilder zeigen den Weg der beiden in leer gehaltenen, reduzierten Ausschnitten. Gleichzeitig wirken die flächenhaften Bilder Ingrid Godons stark sequenzhaft und unterstreichen dadurch die Rastlosigkeit, mit der sich Anna Maria Sophia durch ihr Wohnumfeld bewegt. Wim mahnt auf dem gemeinsamen Weg immer wieder zur Eile. Nur am Friedhof steigt er von seinem Kettcar, nimmt Anna Maria Sophias Hand und geht neben ihr her. »Zweimal nach links, dreimal nach rechts, bei den Stiefmütterchen, da war es.« Sie stehen am Grab von Anna Maria Sophias Tochter.
Als sie nach einer Weile den Friedhof wieder verlassen, hantiert Wim an seinem Kettcar, das angeblich nicht gleich anspringen will, und sorgt so für einen seltenen Moment des Innehaltens.
Der Friedhof ist die letzte Station ihres gemeinsamen Weges. Danach geht es nach Hause zu Henk, Anna Maria Sophias Mann. Henk hat sie schon erwartet. Die Bilder führen den Betrachter in die Wohnung der beiden alten Menschen. Dort offenbart sich die Lösung für das Sprachrätsel, das Anna Maria Sophia uns aufgegeben hat. In der Wohnung können wir nämlich alle Wörter, mit denen Anna Maria Sophia die Welt draußen beschreibt, als konkrete Gegenstände ihres Alltags entdecken. Die Keksdose, die Anna Maria Sophia mit einem dicken Bauch verknüpft hat, steht auf dem Wohnzimmertisch. Wir können das »Dingdong« einer Wohnzimmeruhr entdecken und den Fernseher, in dem Anna Maria Sophia nur Sportsendungen sieht, weshalb sie ihn mit einem Fußballspiel verbindet. Neben vielen anderen Gegenständen, mit Hilfe derer Anna Maria Sophia die ihr fremde Außenwelt begreift, finden sich auch silberne Kinderschuhe. Wim weiß, wem sie gehörten. Wim weiß alles. Er geht ein und aus in dieser Wohnung, wird bewirtet wie ein gerngesehener Gast und hört Geschichten.
Henk erzählt Wim Geschichten über Anna Maria Sophias Leben und ihr gemeinsames Leben. Welche Bedeutung Wim als Person mit eigener Geschichte und Geschichten in diesen herzlichen Begegnungen mit den beiden alten Menschen hat, bleibt offen. Aber die Geschichten über Anna Maria Sophia ermöglichen es dem Jungen, ihre Sprache und ihr Anderssein zu verstehen.

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Bilderbücher
Dahimène, A./Stöllinger, H.: Die seltsame Alte. NP Buchverlag, St. Pölten, Wien, Linz 2003
Janisch, H./Blau, A.: Das Kopftuch meiner Großmutter. Bajazzo Verlag, Zürich 2008
Vendel, E. van de/Godon, 1.: Anna Maria Sophia und der kleine Wim. Carlsen, Hamburg 2006