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Neue Impulse für Bildungsprozesse in der Kindheit

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Das Zeitgenössische Bilderbuch

Text: Kirsten Winderlich

Bilderbücher bieten mehr als Motivation, Anschauung und Gesprächsanlass. Oft werden Bilderbücher nur als eine Vorstufe für das spätere eigenständige Lesen betrachtet. Dabei vermögen sie viel mehr: Zeitgenössische Bilderbücher können eigenständige und eigensinnige Bildungsräume in der frühen Kindheit eröffnen. Durch ihre besondere »Sprache« finden Kinder in ihnen vielfältige Anregungen für eine spezifische und aktive Auseinandersetzung mit ihrer Umwelt.
In diesem Sinne knüpft das Zeitgenössische Bilderbuch an das im Kontext aktueller Kindheitsforschung beschriebene Bild vom Kind als eigenständiger und eigenaktiver Mensch, der sich mit seiner eigenen und individuellen Weise mit der Welt und den anderen auseinandersetzt, an.
Entsprechend zeigt das Zeitgenössische Bilderbuch Kinder, die mit Hilfe ihrer eigenen Ideen und Phantasie, mit Hilfe ihrer eigenen Kreativität selbstbewusst in der Welt zurechtkommen. Anders das traditionelle Bilderbuch: Hier leben Kinder nur in Begleitung und mit Unterstützung Erwachsener oder in einem eigens für sie geschaffenen und von Erwachsenen geschützten Raum. Darüber hinaus zeichnet sich das Zeitgenössische Bilderbuch durch vielschichtige Bild-Text-Verknüpfungen aus, die anders als im traditionellen Bilderbuch keine der Geschichte primär dienende Funktion innehaben (vgl. Thiele 2000; Kohl 2005), sondern ein »Mehr« an Bedeutungen eröffnen und damit eine Multiperspektivität zulassen. Diese Ästhetik, die für viele Erwachsene wegen ihrer eigenen »Bilderbuchsozialisation« vielleicht ungewohnt und fremd ist, findet ihr Gegenüber in der heutigen Lebenswelt der Kinder. Heute sind die visuell und auditiv zu erschließenden Zeichen, Bild, Text und Ton, nicht linear geordnet, sondern zu komplexen ästhetischen Geweben verdichtet. Das Zeitgenössische Bilderbuch greift diese aktuelle medienästhetische Erfahrungswelt auf und ist diesbezüglich nach Jens Thiele als »Gelenkstelle zwischen Tradition und Moderne«, zwischen der Kindheit der Erwachsenen und der Kindheit heute zu verstehen. Zum einen verweise das Bilderbuch auf überlieferte literarische Traditionen, und zum anderen reagiere es in seinen literarischen und bildnerischen Erzählweisen auf die neuen Medien (vgl. Thiele 2000, 47).
Zeitgenössische Bilderbücher bewegen sich zwischen der illustrierten Geschichte und dem komplexen ästhetischen Gebilde, in dem die eigene Phantasie der Kinder zwischen Bild und Text sinnstiftend vermittelt. Bilderbücher können Kinder demnach in einer Kultur, in der die passive Rezeption einer Fülle flüchtiger Bilder dominiert, zu Eigenaktivität anregen und ermöglichen so zentrale ästhetische Erfahrungen: ungewohnte Bilder und Texte in Ruhe wahrnehmen zu können, über diese zu rätseln und zu staunen — letztlich, sich aufs Erzählen einzulassen. Zeitgenössische Bilderbücher eröffnen Kindern auf diese Weise individuelle Weltaneignung und Bildung.
Nachfolgend möchte ich das Bilderbuch »Madlenka« von Peter Sis vorstellen. Im Mittelpunkt steht die Eigenaktivität und Kreativität eines kleinen Mädchens, das mit Hilfe seiner Imagination, Phantasie und Weltoffenheit seine Bedürfnisse und Wünsche in die Tat umsetzt.

Ein Blick auf Madlenkas eigene Welt
Madlenka lebt mit ihren Eltern in einer großen Stadt. Man kann den Grundriss von Manhattan erkennen. Madlenka wünscht sich nichts sehnlicher als einen Hund. Die Leser werden an Madlenka und ihren vielen Kindern bekannten Wunsch über mehrere Seiten herangeführt. Genauer gesagt tauchen die Leser über den Raum, über einen kartografischen Blick in die Lebenswelt, zu der nicht nur die gebaute Umgebung, die Geschäfte, die Eltern und Freunde gehören, sondern auch ihre Wünsche und Vorstellungen. Auf diese Weise wird im schrittweisen Heranzoomen an Madlenkas Herzenswunsch dessen Bedeutung in seiner Intensität inszeniert. Unser Blick gleitet vom Universum, auf einen Planeten, auf einen Kontinent, in ein Land, in eine Stadt und schließlich in einen Wohnblock. Wir bleiben vor einem Haus stehen und treten dann ein in Madlenkas Wohnung, in der nichts zu sein scheint außer ihr selbst, einem Buch mit Abbildungen von Hunden und ihren eigenen Hundebildern. Unterstützt wird das über die Federzeichnungen realisierte räumliche Heranzoomen an Madlenka mit Hilfe eines im Bild platzierten Textes. Der Text ist im ersten Bild nach der Titelseite in die Straßenführung um den Häuserblock integriert und veranschaulicht so die Stationen der Zooms über sprachliche Beschreibung und Typografie. Das Lesen des Textes, der Blick an der Zeile entlang, das Nachfahren der Wörter mit dem Finger führt direkt zu Madlenka. Flankiert wird der Text von Menschen, die mit einem Hund an der Leine spazieren gehen. Der Straßenraum mit den Menschen und Hunden erscheint im Gegensatz zu Madlenkas Haus lebendig. Die Fenster in Madlenkas Haus wirken fassadengleich verschlossen. Nur in einem Fenster sind die Gardinen zur Seite gerafft. Ein rot getuschtes Halbrund zwischen den Gardinen lenkt die Aufmerksamkeit auf dieses Fenster. Hinter den Fenstern sitzt Madlenka und blättert in einem Buch. Sie wird vor einem weißen Hintergrund gezeigt. Auf der nächsten Seite erscheint sie dann eindeutig zwischen den Vorhängen wie auf einer Bühne. Die Geschichte von Madlenka beginnt.

Madlenkas Phantasie und Spiel als Zugang zur Welt
Madlenka blättert in einem Buch über Hunde und der Text verstärkt, dass sich Madlenka nichts sehnlicher als einen Hund wünscht. Nichts deutet darauf hin, dass sie Geschwister hat. Sie lebt allein mit ihren Eltern, die nur an einer Stelle der Geschichte als leere weiße Schatten erscheinen. Die Eltern tauchen in dem Moment auf, in dem Madlenka sie ganz konkret um einen Hund bittet. Die Eltern reagieren mit Verweigerung und Abwendung. Madlenka beschäftigt sich wieder mit ihrem Hundebuch. Für einen Moment hält sie überrascht inne. Bewegungsspuren im Bild verweisen auf ihre Imagination eines Hundes. Madlenka spielt als hätte sie einen Hund. Der Text, die wörtliche Rede, die die beiden Seiten zuvor noch direkt an sie selbst oder an die Eltern gerichtet war, gelten jetzt dem Hund. Sie holt eine rote Leine und geht mit ihrem Hund aus dem elterlichen Zuhause hinaus auf die Straße. Mit dem Austritt aus der elterlichen Wohnung, bereits im Treppenhaus, tauchen wir als Betrachter immer stärker in die Phantasiewelt Madlenkas. Die Grenzen zwischen der Wirklichkeit aus der Perspektive der Erwachsenen und Madlenkas Wirklichkeit verwischen. Zu sehen ist Madlenka, die mit einer Leine die Treppe hinunter spaziert. Die Leine ist gespannt, so dass der Eindruck entsteht, sie ziehe einen Hund, nur dass dieser unsichtbar ist. Auch die Katze am unteren Bildrand weist darauf hin, dass der Hund tatsächlich anwesend ist. Sie scheint zu Tode erschrocken, mit weit aufgerissenen Augen und gesträubtem Fell. Madlenka tritt aus ihrem verschlossen wirkenden Elternhaus. Die rote Leine ist gestrafft und zieht Madlenka auf den gepflasterten Gehweg. Die Tauben fliegen flatternd auf und machen Madlenka und ihrem Hund den Weg frei.

Madlenkas Welt als Begegnungsraum
Auf der Straße, in ihrem Viertel trifft Madlenka mit ihrem Hund Erwachsene, die sich auf ihre Welt anders einlassen können als ihre Eltern. Sie trifft sehr unterschiedliche Menschen mit unterschiedlichen Professionen, unterschiedlicher Herkunft, die auf der Bildebene durch kulturell geprägte Kleidung und Objekte und auf der Textebene durch Namen und Entscheidungswörter in der jeweiligen Sprache vermittelt wird. Allen Erwachsenen, denen Madlenka auf der Straße begegnet, ist nicht nur gemeinsam, dass sie sich in Madlenkas Vorstellungswelt und Spiel einfühlen können, sondern zudem, dass sie sich durch Madlenka an ihre eigene Kindheit und ihre Beziehung zu Hunden in ihrer Kindheit und Heimat erinnert fühlen. An Madlenkas roter Leine sehen sie gewissermaßen die Hunde, zu denen sie in ihrer Kindheit eine innige Verbindung hatten. Ihrer Erinnerung geben die Erwachsenen auf der Straße Ausdruck, indem sie auf Madlenkas Hund eingehen und ihn als den ihren beschreiben. In die Buchseiten, die über die Begegnungen mit den Erwachsenen und ihren Hunden erzählen, sind die Erinnerungen an die eigene Kindheit und den eigenen Hund als aufklappbares farbiges Bild im Bild integriert. Durch die Farbigkeit erhalten die Kindheitserinnerungen der Erwachsenen eine Nähe zu Madlenkas Welt. Die Begegnungen Madlenkas mit den unterschiedlichen Menschen werden in der linken oberen Bildecke durch Karten des Häuserblocks, in die die Standorte und Bewegungsrichtungen der Menschen durch Punktmarkierungen und Pfeile eingezeichnet wurden, auf einer abstrakten Ebene visualisiert.

Madlenkas und Cleopatras Spiel als eigensinniger, schöpferischer Weltzugang

Nachdem Madlenka unterschiedlichen Erwachsenen auf der Straße begegnet ist, trifft Madlenka ihre Freundin Cleopatra, eine Gleichgesinnte, die an einem gelben Halfter ein imaginäres Pferd führt. Die beiden treffen sich in ihrem Spiel und treten in eine gemeinsame Phantasiewelt. Auf der Bildebene wird der Einstieg in die gemeinsame Phantasiewelt durch ein mit rotem Licht durchflutetes Tor vermittelt, auf das sich beide Kinder zu bewegen. Auf den drei folgenden Doppelseiten, erhalten wir über die farbigen Tusch-Federzeichnungen Einblicke in die Phantasiewelten Madlenkas und Cleopatra. Jeweils um ein Thema gruppiert laden die Bilder die Betrachter ein, Madlenkas und Cleopatras Phantasie und Spiel aus ihren ihnen jeweils selbst zugedachten Rollen zu betrachten. Dabei eröffnen sich märchenhafte Welten, die das Rittertum, Ägypten und das Leben der Inuit malerisch entfalten. Auch Madlenkas und Cleopatras Tiere verwandeln sich entsprechend in einen Schlosshund, in ein Ritterturnierpferd, in eine Sphinx, in ein Pferd, das einen Streitwagen und einen Schlitten zieht und in einen Schlittenhund. In der letzten Station ihrer Phantasiereise, im kalten Norden, taucht in der blau getuschten Federzeichnung Madlenkas Haus klein aus den Eisbergen. Der Ruf nach Madlenka wurde in einer wellenförmigen Zeile an den oberen Bildrand platziert und macht die Intonation des Aufrufes plastisch. Madlenka und Cleopatra treten aus dem Tor ihrer Phantasiewelt, das jetzt entsprechend der letzten Station einen Rest der kalten Schneelandschaft zeigt und eilen, gezogen von ihren Tieren in entgegensetzte Richtungen nach Hause. Auf den nächsten beiden Bildern kann man Madlenka aus einer schrägen Vogelperspektive beobachten, wie sie um den Häuserblock geht und dabei, wie der Rattenfänger von Hameln, immer mehr Hunde nach sich zieht. Vor Freude strahlend tritt sie in das Tor ihres Elternhauses und hinter ihr drängt sich eine Schar von Hunden. Neben diesem Bild finden wir einen Nachspann, der ein Lexikonartiges Cluster der verschiedenen Hunde mit Rassenamen und alle mitwirkenden Personen mit Zeichnung und entsprechendem Farbpunkt auflistet. Dieser sachliche Nachspann stellt noch einmal die Grenzen zwischen der Phantasie und Madlenkas Spiel zur Wirklichkeit der Erwachsenen zugespitzt infrage.

Zugänge zur Welt aus unterschiedlichen Perspektiven

Das Bilderbuch »Ein Hund für Madlenka« von Peter Sis gibt auf ganz unterschiedlichen Ebenen Bildungsanregungen, sei es auf der Ebene des Emotionalen, auf der Ebene der Kommunikation und Sprache oder auf der Ebene der großstädtischen Lebenswelt. Dabei knüpft das Bilderbuch an die den Kindern in ihrem Spiel Ausdruck gegebenen eigenen Wünschen und Bedürfnissen an und hilft denen, die diese Geschichte betrachten und lesen, sich in Madlenka einzufühlen. Auffällig und herausragend ist, dass Peter Sis seine Bildungsimpulse stark auf der Ebene des Raumes setzt. Die Kinder werden über dieses Bilderbuch nicht nur angeregt, die Geschichte aus unterschiedlichen Perspektiven, mal aus der Nähe, mal aus der Perspektive Madlenkas, dann wieder aus der Distanz, aus der Perspektive der Erwachsenen oder sogar aus einer »alles überblickenden« kartografischen Distanz wahrzunehmen. Sie werden zudem mit unterschiedlichen Raumdarstellungsmöglichkeiten konfrontiert: dem Perspektivraum, dem kartografischen Raum, dem Bewegungsraum, dem gestimmten Raum, dem Bühnenraum. Durch die über die unterschiedlichen Raumdarstellungen initiierte Multiperspektivität wird Kindern zugetraut, eine Mehrstimmigkeit in Bezug auf das Thema Hund, auf das Spiel, aber auch in Bezug auf die vielfältigen Kulturen der Welt zuzulassen und damit auf ihre je eigene Art konstruktiv und spielend umzugehen.

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Bilderbuch:
Sis, P.: Madlenka. München, Hanser Verlag, Wien 2001

Literatur:

Kohl, E.-M.: Bilderbuchwelten. Einführung in das Themenheft. In: Grundschulunterricht. Bilderbuchwelten, Heft 1/2005, S. 2
Thiele, J. (Hrsg.): Das Bilderbuch. Ästhetik, Theorie, Analyse, Didaktik, Rezeption. Isensee Verlag, Oldenborg, Bremen 2000