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Leuchtwelt

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Leuchtwelt
Katja Gerischer

Text: Kirsten Winderlich
Repros: Sophia Ashraf und Lucia Leonhardt
Fotos: Helen Naujoks und Sophia Ashraf

Angestrahlt zu werden, ist für viele unangenehm, zumindest für diejenigen, die nicht gerne im Rampenlicht stehen. Anders scheint es auf den ersten Blick für den kleinen Vogel auf dem Cover des Bilderbuches »Leuchtwelt« von Katja Gerischer zu sein, auf den gleich mehrere Spots gerichtet sind. Kopf und Schnabel sind in die Höhe gerichtet. Auf den ersten Blick könnte seine Körperhaltung als stolzes Posieren interpretiert werden. Die folgenden Seiten erscheinen jedoch ambivalenter und lassen uns vielleicht sogar daran zweifeln. So können wir beobachten, wie ein Schwarm von Vögeln durch ein Lichtermeer taucht. Auf der nächsten Seite scheinen sich die Vögel in einem Netz von Lichtschweifen zu verfangen. Senkrecht aufgerichtet versucht ein Vogel die Lichtdecke zu durchstoßen. Zwischenzeitlich scheint sich die Dramatik abzumildern. Aber dann wird klar, dass sich auf den Bildern, auf denen keine direkte Lichtquelle zu entdecken ist, die Sterne am Himmel fehlen. Und die sind doch so wichtig für die Vögel, weil sie ihnen helfen sich zu orientieren. Nicht auszumalen, was mit ihnen passiert, wenn ihnen nachts die Orientierung fehlt. Fliegen sie im Kreis? Irren und Verwirren sie sich? Oder stürzen sie gar in die Tiefe? Machen die ersten Doppelseiten mit Holzkohle- und Bleistiftzeichnung, digital koloriert, wahrnehmbar, wie der Himmel durch die vielen Lichter aus den besiedelten Gegenden leuchtet und die Vögel auf ihren nächtlichen Reisen irritiert und gefährdet sind, beschäftigen sich die Folgeseiten mit den Quellen des künstlichen Lichts in Interaktion mit einem Vogel. Dabei begleiten wir diesen im Anflug durch Lichtsäulen auf einen Flughafen. Auf diesem anlandend, scheinen dieser und ein aufsetzendes Flugzeug fast zu kollidieren. Grund hierfür sind die strahlenden Landescheinwerfer an den Flügelwurzeln, die zwar dem Flugzeug zur Sichtbarkeit verhelfen, für den Vogel jedoch Blendung und damit einhergehende Gefahr bedeuten. In einer anderen Szene sehen wir uns dem verängstigten Vogel auf einem Flutlichtmast sitzend gegenüber, der zaghaft seinen Kopf über den Scheinwerferrahmen neigt und von der grellen, hermetischen Lichterglocke unter ihm erstarrt. Nur allzu nachvollziehbar, dass er seinen Kopf auf der Folgeseite in die Höhe gen Himmel reckt. Nur dass dort keine Sterne mehr leuchten, an denen er nachts im Flug seinen Weg finden könnte. Das Detail dieser Doppelseite könnte aus dem Coverbild stammen und unterstreicht auf diese Weise noch einmal die Ambivalenz von künstlichem Licht im öffentlichen Raum. Für viele Menschen bedeutet Licht in der Nacht Sicherheit und Orientierung und für einige vielleicht sogar Inszenierung des Selbst. Für Vögel sind die Lichter der Stadt, des Straßen- und Schifffahrtsverkehr wie der vielen Häuser und Gärten, aber auch die aktiven Satelliten und der Weltraummüll, die das Sonnenlicht zur Erde zurückreflektieren, fatal. Katja Gerischer gelingt es mit ihrem Silent Book auf buchstäblich beeindruckende Weise, uns für diese umfängliche Bedrohung der Lichtverschmutzung mit ihren atmosphärischen Bildern wie schonungslosen Perspektivwechseln zu sensibilisieren.

Katja Gerischer
Leuchtwelt
Kunstanstifter 2026
48 Seiten, Hardcover, 21 x 27 cm
ISBN: 978-3-948743-60-4
€ (D): 22 / € (A): 22,70 / CHF: 31,90

Anregungen zur erweiterten ästhetischen Rezeption
Das Silent Book lädt zu einem wiederholten Betrachten ein. Was können wir entdecken? Und was erzählen die Bilder? In unserem Workshop sensibilisieren wir die Kinder für die Situation der Flugtiere im Kontext der Lichtverschmutzung, indem wir ihnen anbieten sich mit einem Eimer auf dem Kopf durch den Raum zu bewegen – werden doch die Vögel durch das Licht in der Nacht auf eine gewisse Weise »gedeckelt«. Sie können sich nicht mehr frei bewegen und ihre Umgebung wahrnehmen. In einem zweiten Betrachten des Buches steht das Erzählen aus der Perspektive des Vogels im Zentrum. Was passiert ihm? Was ist sein Erleben und Fühlen? In einer dritten Annäherung an das Buch ermöglichen wir den Kindern, ein kollektives Wandbild mit Kreide zu erstellen. Dabei werden im ersten Schritt Vögel in unterschiedlichen Körperformen und Flugbewegungen gezeichnet. Im weiteren Schritt wird dieses Vogelschwarmbild mit gelben und weißen Lichtspuren »überzogen«. Wir legen dabei besonderen Wert darauf, dass die Kinder, sich beim Zeichnen achtsam zuschauen und auf die Bilder ihrer »Vorgänger« antworten.
Der Workshop wurde mit einer 4. Klasse der Schätzelberg-Grundschule in Berlin (Tempelhof-Schöneberg) durchgeführt.

Konzept der Bilderbuchwerkstatt: Kirsten Winderlich
Raumgestaltung: Sophia Ashraf und Kirsten Winderlich
Durchführung der Bilderbuchwerkstatt: Kirsten Winderlich und Sophia Ashraf