Wieder da!
Ein Bilderbuch aus dem Land der Cree
Julie Flett
Text: Kirsten Winderlich
Fotos: Sophia Ashraf und Lucia Leonhardt
Tschack-Chrrsch! Was für ein Geräusch! Da muss ich hin, sehen, was passiert! Näher und näher und wieder weg! Wie schade und gleichzeitig, wie spannend! Also haw êkwa! Los geht’s! Vögel begleiten mich bei meinem Sprung und Sprint nach draußen. »Im Park male ich mir aus, wie ich selbst Rollbrett fahre, auf dem Weg, der sich windet wie ein Fluss«, erzählt die Bilderbuchkünstlerin. Das Skateboard fordert dabei nicht nur heraus, während der Fortbewegung Balance zu halten, sondern darüber hinaus, diese besondere Bewegungskunst durch zahlreiche Tricks zur Meisterschaft zu bringen. Und wie! Julie Flett, Mitglied der kanadischen Cree-Gemeinschaft, erzählt in ihrem Bilderbuch, wie sich ein Kind durch intrinsisch motiviertes und beharrliches Üben das Skateboardfahren aneignet und über das »Reiten« der Asphaltwogen an Selbstvertrauen gewinnt. Die überwiegend doppelseitigen Bilder im Längsformat mit Collagen aus flächensprengender wie lasierender Gouache-Malerei und zarten Zeichnungen bilden dabei die Bühne für die Bewegung der Kinder. Durch die fast silhouettenhafte Ausarbeitung der klar konturierten Figuren kommt diese dabei noch stärker zum Erscheinen. Der spannungsreiche Wechsel der Bildausschnitte hält uns in Atem. Wie in einem Bann können wir diesem Selbstermächtigungsprozess zwischen frühlingshaftem Aufblühen des Kirschbaumes am Fenster und dem Herbst, der sich durch Blattfall wie einem Sammelsurium an Eicheln ankündigt, folgen und an dessen Schlüsselmomenten, seien sie noch so zart, teilhaben. Sei es die Vorfreude auf das sich der Weg beim Fahren »windet wie ein Fluss«, sei es die Weitergabe des alten Rollbretts der Mutter an ihren Sohn, seien es die ersten vorsichtigen Versuche, bei denen sich ein Schmetterling aufmunternd dazugesellt, oder sei es schließlich der von anfänglichem Zögern begleitete Sprung in die Gemeinschaft und das Sich-Treibenlassen zwischen Gleichgesinnten. All diese Erfahrungen werden von der Mutter begleitet, allerdings nicht nur beschützend, sondern vielmehr ermöglichend. Dass sich der Junge dennoch gerade aus dem Gefühl einer Geborgenheit heraus Neues zutraut, wird durch die visuelle Rahmung der Blicke und Perspektivwechsel von Innen nach Außen spürbar. Denn ist es zu Beginn der Junge, der von den hart knarrenden und flirrend rauschenden Geräuschen der Rollen angelockt, sehnsuchtsvoll aus dem Fenster blickt, ist es am Ende die Mutter, die aus dem Fenster schaut und ihren Sohn nach seiner Tour ›zurück zu Hause‹ begrüßt. Auf der Text-Ebene unterstreicht Julie Flett dieses verbindende Element des Fensterblicks mit der Lautmalerei Tschack-chrrsch Tschack-chrrsch Tschack-chrrsch. Enden die einzelnen nachahmenden Geräuschbilder zu Beginn der Geschichte mit einem Ausrufungszeichen, die den Jungen explizit auffordern, die Bewegung in die Welt auf dem Brett mit den Rollen zu wagen, folgen diesen am Ende seiner Geschichte jeweils ein Punkt. Als Endzeichen verweist dieser nicht nur auf einen Vollzug des Geräusches, sondern gleichzeitig auf eine ›durchgemachte‹ Erfahrung, die nicht mehr in Frage zu stellen ist. Punkt. Auch wenn die Bildgeschichte eine universelle ist, denn alle Kinder haben das Bedürfnis sich zu entwickeln und an neuen Herausforderungen zu wachsen. Gleichzeitig verweist Julie Flett in Bild und Text auch auf die Kultur und Sprache ihrer indigenen Vorfahren. So setzt sie die Silbenschrift der Cree, florale Muster, Wolkenbilder, Insekten und grünen Mineralien pointiert ins Bild und vermittelt damit all das, was ihr nahegebracht wurde, wie alles mit einander verbunden ist. Und vor allen Dingen, dass wir zu allem und allen in Beziehung stehen, was auch bedeutet, dass wir uns umeinander kümmern sollten. Dass »haw êkwa!« als Wendung aus der Sprache der Cree in diesem Sinne nicht nur als »Los geht’s!«-Gefühl beim Skaten zu verstehen ist, sondern auch umfassend, können wir beim Zuklappen des Bilderbuches mitnehmen. So kann uns »haw êkwa!« anstacheln, viele, auch neue und andere, Wege zu finden, uns auszutauschen und voneinander zu lernen.
auszutauschen und voneinander zu lernen.
Julie Flett
Wieder da!
Haw êkwa
Ein Bilderbuch aus dem Land der Cree
Baobab Books 2026
Aus dem Englischen von Barbara Brennwald
44 Seiten, durchgehend farbig illustriert
Hardcover, 27,2 x 22,2 cm
ISBN: 978-3-907277-34-8
€ (D): 22 / € (A): 22,70 / CHF: 24,90







