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Reto Crameri

Text: Kirsten Winderlich
Repros: Sophia Ashraf, Lucia Leonhardt
Fotos: Sophia Ashraf, Helen Naujoks

Vektorgenerierte Formenspiele treffen auf experimentelles Action-Painting mit kurvenden Endlosspuren von Pinselstrichen. Landschaften wie (roll)treppenartige Wegenetze, mit Hilfe von Spritztechnik zum Erscheinen gebracht, ziehen in den Bann und lassen uns in die komplementäre rot- und blaufarbene Roboter-Welt eintauchen. Zahlreiche Konstruktionen aus Varianten geometrischer Grundformen wie Linien und Pfaden geben jedem Einzelnen Gestalt und Charakter. Ein Mapping von Geräuschen, die so vielfältig sind, »wie die Roboter selbst«, begleiten das Spektakel: »KWIIIEEE – KWIIIEE« […] »SCHT – SCHT« […] »PIEP-PIEP-PIEP« […]. Da gibt es z.B. Roboter mit den Namen »Tornado«, »Jein« oder »XXL« und viele andere, und eben auch »Pixel«, den Protagonisten, »Ein Meister im Malen«. Mit der Rezeption des Bilderbuches nehmen wir Teil, wie Pixel pflichtbewusst versucht, seinen Aufträgen gerecht zu werden, sich gleichzeitig vom eigenen Bildermachen mitreißen lässt und sich somit mitten »ins tosende Bild« stürzt. Was passiert hier? Eine auktoriale Erzählstimme, den Brecht‘schen Verfremdungseffekt anwendend, fordert uns auf zu reflektieren: »Ist es ein gutes Bild?« […] »Liegt die Verantwortung vielleicht im Inneren?« […] »Können Roboter Spaß haben?« […]. Die Fragen bleiben offen, denn schon schreiten die Kontrollmodule ein und fliegen wie einäugige Ufos ins Bild. Wie bei einer Luftrettung mit Seilwinde ziehen sie Pixel aus seiner Welt und konfrontieren ihn durch stotternde Schriftbilder unerbittlich mit der Tatsache, dass er mit seiner Arbeit hoffnungslos in Verzug ist. Da diese endlich abgeschlossen werden muss, erhält Pixel Unterstützung. Zahlreiche Roboter warten nun am Fließband auf ein Zeichen von ihm. »Dann hebt Pixel seinen Pinsel wie den Stock eines Dirigenten. […] Die Roboter beginnen, sich zu bewegen. Die einen machen Kleckse, die anderen Striche. Große hier, kleine dort. Wilde, aber auch zarte.« Und erneut stellt sich die Frage: Was ist hier das Eigene und was das Beauftragte? Wo beginnt Fremdbestimmung und wann ist Autonomie gefährdet? Nach beendetem Tageswerk schaut Pixel nachdenklich auf tausende von Bildern. Als er sich schließlich ebenfalls zum Ausgang bewegt, schieben sich Kinderzeichnungen ins Bild. Unterstützt durch eine randlos mit dunkler Farbe bedruckte Buchseite, erinnert dieser spannungsgeladene Moment an das Öffnen eines Vorhangs. Auf der nächsten Seite sind sie dann alle da – die Roboter,durch Kinderhand gezeichnet. Pixel wundert sich. Da diese Roboter keine Geräusche machen, bleiben es für ihn nur Zeichnungen. Von wegen! Denn, eine Seite umgeblättert, wartet bereits jemand auf ihn. Ein Kind! Das Kind, das höchstwahrscheinlich der Urheber dieser Bilder ist, lädt Pixel ein, mit ihm gemeinsam zu zeichnen. Doch: »Pixel kann nicht. Er braucht einen Auftrag.« Und wir bleiben nachdenklich zurück. Das Kind, in Abgrenzung zum Roboter, Menschenkind genannt, rät Pixel, seine Träume zu zeichnen. Wird er das jemals können, fragen wir uns vielleicht, blicken dabei hoch in das Universum und verfolgen wie leere, zart rot-blau gerahmte Blätter flatternd aufsteigen.
Das besondere Bilderbuch von Reto Crameri, entstanden zum Teil unter Mitwirkung des fünfjährigen Elio, ist eine Ode an das Schöpferische und die Kontemplation. Dem Bilderbuchkünstler gelingt es dabei auf beeindruckende Weise, die Möglichkeiten und Grenzen von Robotern, aber eben auch die des Menschen aufzuzeigen. Indem Crameri die gewohnte Polarisierung von robotisch und menschlich auf der performativen Ebene entgrenzt, gelingt ihm ein Geniestreich. So schafft er in seinem Bilderbuch zum einen Begegnungsräume für das Präzise und Automatische mit dem Emotionalen und Organischen und lockt zum anderen zwischen den Zeilen wie Bildern Fragen zu KI-generierten Kunst hervor. Unabhängig davon berührt das Bilderbuch mit einer zutiefst menschlichen Sehnsucht, denn: Würden wir nicht auch gerne einmal wie Pixel in ein Bild hinabsteigen und dieses akribisch mit einer Taschenlampe ausleuchten und erkunden?

Reto Crameri (Illustration, Text und Buchgestaltung)
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Kunstanstifter 2026,
56 Seiten,
Hardcover, 19,5 x 23,5 cm,
gedruckt in in drei Sonderfarben
ISBN: 978-3-948743-53-6
€ (D): 25 / € (A): 25,70 / CHF: 36,51

Anregungen zur erweiterten ästhetischen Rezeption

Bewegung ist ein zentrales Moment des Bilderbuches: die robotische wie die dynamisch-experimentelle. Um für diese zu sensibilisieren, kann ein Einfühlen und Nachahmen robotischer Bewegung durch einen Performer und Live-Vertonung initiiert werden.
Hervorzuheben sind des Weiteren die vektorgenerierten Roboter-Darstellungen, die folgendermaßen für eigene Konstruktionen materialisiert und den Kindern anschließend für die weitere Bearbeitung und Entwicklung eigener Roboter zur Verfügung gestellt werden können:
– Hochkopieren ausgewählter Roboter in Schwarz-Weiß auf festem Papier
– Ausschneiden und Anordnen der Einzelteile auf einer Präsentationsfläche
Nach gemeinsamer Betrachtung der realisierten eigenen Roboter-Konstruktionen könnte die Impulsfrage folgende sein: Wie malt mein Roboter? Welche Bewegungen macht er mit seinem Pinsel oder seinem Mal-Instrument? Zur Verfügung werden bewusst ausschließlich Acryl-Farbe in Weiß und Schwarz gestellt, um beim Mischen auch Grautöne im breiten Spektrum zu erlangen und damit zu vermeiden, vorschnell das im Bilderbuch betrachtete Farbzusammenspiel zu kopieren. Sind die Malspuren und Farbbewegungen auf dem Bildträger im Spektrum von Grautönen zwischen Weiß und Schwarz platziert, können weitere Farben angeboten werden, die die Kinder auffordern, im Bewegungs-Farb-Spiel Akzente zu setzen und ins Erzählen zu kommen: Wie hat mein Roboter gemalt? Stell dir vor, du tauchst in das Bild deines Roboters ein wie Pixel – erinnerst du dich, wie Pixel sein Bild mit der Taschenlampe erkundet hat? – Was kannst du entdecken? Welcher Geschichte kommst du auf die Spur? Was ist passiert?

Der Workshop wurde mit einer jahrgangsübergreifenden Klasse (1-3) der Hans-Fallada-Grundschule in Berlin-Neukölln durchgeführt.

Konzept der Bilderbuchwerkstatt: Kirsten Winderlich
Raumgestaltung: Lucia Leonhardt, Sophia Ashraf, Conrad Rodenberg und Kirsten Winderlich
Material ›Roboter‹: Sophia Ashraf und Lucia Leonhardt
Durchführung der Bilderbuchwerkstatt: Conrad Rodenberg und Lucia Leonhardt
Performance ›Roboter‹ mit Live-Vertonung: Conrad Rodenberg