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Ludwig und das Nashorn

2990
15

Eine philosophische Gute-Nacht-Geschichte
von Noemi Schneider
Mit Illustrationen von Golden Cosmos

Text: Kirsten Winderlich
Fotos: Elisa Bauer

Durchführung der Bilderbuchwerkstatt: Elisa Bauer und Helen Naujoks

Ich sehe was, was du nicht siehst

Wer ist Ludwig? Und wer war Wittgenstein? Einer, der Philosoph werden will und einer, für den Philosophie das Leben war. Beide teilen, dass sie ihr Wissen hartnäckig gegen die Älteren verteidigen. Ludwig gegenüber seinem Vater und Wittgenstein gegenüber seinem Lehrer. Mit ihm stritt dieser nämlich darüber, dass sich nicht beweisen lässt, dass kein Nashorn im Raum ist. Und dieses Nashorn ist dann auch zentrale Figur in dem genialen Bilderbuch, für dessen Bilder das Künstlerduo Golden Cosmos aus drei Farben sieben zauberte und digitale wie analoge Zeichnungen mit Druckgrafik zu leuchtend-knalligen Szenen kombinierte. Das Spiel mit Perspektivwechseln, Dingkulturen und Interieur verstärkt dabei die immer wieder neue Suche nach dem Nashorn: unter dem Bett, hinter der Tür, im Schrank, unter dem Schreibtisch … Für Ludwig ist das Nashorn da, keine Frage! Für den Vater hingegen ist es nicht anwesend, noch nicht einmal in dem Moment, in dem er, Haare raufend, auf seinem Hinterteil Platz nimmt oder das Fernglas an sein Horn hängt. Das Fernglas leitet auch das Gespräch über den Mond ein. Durch das Fernglas blickend, sieht Ludwig keinen Mond. Was er jedoch sieht, ist etwas, was sich in den Gläsern spiegelt: Er sieht sich selbst und das Nashorn. Ist das eine Art Beweis? Und kann der Vater beweisen, dass der Mond da ist, auch wenn er ihn nicht sieht? Nein, aber der Vater pocht auf sein Wissen und macht folgenden Umkehrschluss. Da er noch nie ein Nashorn in der Wohnung gesehen habe, wisse er, dass es hier kein Nashorn gebe. Flankiert wird diese absurd anmutende Behauptung gegen Ende der Geschichte durch ein hell erleuchtetes Dachfenster, aus dem der Junge und hinter ihm der Vater in die Dunkelheit schauen. Das beide etwas anderes sehen, beweist das Nashorn, das, hinter dem Vater stehend, die Blicke der beiden teilt.

Noemi Schneider / Golden Cosmos (Ill.)
Ludwig und das Nashorn
NordSüd 2023
40 Seiten, durchgehend farbig illustriert,
Hardcover mit drei Sonderfarben
21,5 × 28 cm
ISBN: 978-3-314-10631-6
€ (D) 18,00 / € (A) 18,50 / CHF 23.90


Anregungen zur erweiterten ästhetischen Rezeption

Um einen Einstieg in das Philosophieren durch das Bilderbuch »Ludwig und das Nashorn« zu ebnen, sollten Impulse für ein vertieftes gemeinsames Betrachten des Bilderbuches sowie performative Zugänge zu diesem gesetzt und gestaltet werden.

Impulse für ein vertieftes gemeinsames Betrachten des Bilderbuches

Wo befindet sich das Nashorn in den einzelnen Bildern?
Habt ihr eine Idee, warum Ludwig das Nashorn sieht und der Vater nicht?
Wie ist das mit dem Mond?
Warum sagt der Vater, dass der Mond da ist, obwohl er ihn gerade nicht sieht?
»Ich sehe was, was du nicht siehst« ist ein Spiel, das ihr sicherlich kennt. Gleichzeitig ist es auch eine besondere Fähigkeit oder sogar Gabe, die man für das Philosophieren braucht. Was ist damit gemeint? Was meinst du?
Eine Umsetzung von diesem Spiel ins Bild findest du im Vor- und Nachsatz des Bilderbuches. Ein Vor- und Nachsatz verbindet den Buchblock, also die vielen Seiten eines Buches, mit den Buchdeckeln. Schau dir den Vor- und Nachsatz des Bilderbuches genau an und stell dir vor: Wenn ich nur den Vorsatz sehe und du gleichzeitig auch den Nachsatz siehst. Was siehst du, was ich nicht sehe?

Impulse für ein performatives Philosophieren zum Bilderbuch

Das Bilderbuch öffnet Zugänge zum Philosophieren und setzt dabei einen Streit zwischen Ludwig Wittgenstein und seinem Lehrer Bertrand Russel in Szene. Geht es Wittgenstein darum, dass sich nicht beweisen lässt, dass sich kein Nashorn im Raum befindet, regen die Bilder des Buches darüber hinaus an, zu spekulieren, wahrzunehmen und zu philosophieren, wie sich Räume durch den Einzug eines Nashorns transformieren und gleichzeitig sich das Tier in unserer Wahrnehmung verwandelt. Um diesen Wirkungen nachzuspüren wäre vorstellbar, sich mit einem Stofftier in Gestalt eines Nashorns oder einem ›Stellvertreter‹, z.B. in Form einer Zeichnung eines Nashorns, durch die Räume zu bewegen, das Nashorn an ausgewählten Orten zu platzieren und dieses dabei explizit zum Erscheinen zu bringen oder auch derart mit dem Raum zu »verschmelzen«, so dass das Tier Teil des Raumes wird. Ein Blickwechsel zwischen dem Vor- und Nachsatz des Buches zeigen anregende Varianten: So verwandelt eine Tischdecke, über das Nashorn geworfen, dieses in einen Tisch, der wie selbstverständlich gedeckt ist. Der nicht mehr sichtbare Kopf des Nashorns unter einem Lampenschirm zieht eine Metamorphose der Stehlampe nach sich, deren Standfestigkeit durch den massigen Körper und die Hufe am Lampenfuß außer Frage steht. Und es reichen schließlich fünf Bilderrahmen kaum aus, um das mächtige Tier zu fassen und zu sezieren und dabei gleichzeitig spektakuläre Details des Nashorns zu fokussieren.

Die Interventionen in den Raum durch das Stofftier in Gestalt eines Nashorns und die Verwandlung des Nashorns durch die Einverleibung des Raumes sollten unbedingt fotografiert werden! Die Fotos könnten weitere philosophierende Gespräche mit den Kindern anregen und hervorlocken. Wenn die Kinder mögen, sollten sie auch die Settings von Intervention und Verwandlung durch und von dem Nashorn zeichnen. Festgehalten in individuellen Skizzenbüchern, können diese ein abstrahierendes Nachdenken fördern.