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Das Gänsespiel

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Das Gänsespiel
Meine Kinderjahre im Internierungslager auf Java

von Anne-Ruth Wertheim

Text: Kirsten Winderlich
Fotos: Elisa Bauer

Und schlagartig änderte sich alles!

Anne-Ruth Wertheim ist in Indonesien aufgewachsen, das zu dieser Zeit lange eine Kolonie der Niederlande war. Als die Japaner 1943 das Land besetzten, kam sie mit ihren Eltern und beiden Geschwistern in ein japanisches Internierungslager auf Java. Damals war sie acht Jahre alt und ihr Leben und das damit verbundene Streben und Wünschen änderten sich schlagartig.
Das Gänsespiel, das die Mutter damals im Lager für ihre Kinder herstellte, steht als Würfelspiel nicht nur für einen Zeitvertreib während der endlosen, öden wie existentiell bedrohlichen Stunden im Lager. Es lockt gleichzeitig mit seinen »Hauptprotagonisten«, den Gänsen, sowie seinem zentralen Bild, dem Zuhause, Erinnerungen an eine behütete und weitgehend glückliche Kindheit hervor. So erinnert sich Anne-Ruth an das Haus auf Java, in dem die Familie wohnte. Oft fütterte sie an dem benachbarten Teich mit ihrem jüngeren Bruder Hugo und ihrer älteren Schwester Marijke die Enten. Und stets versuchte eine Gans die Brotkrummen wegzuschnappen. Steht dieses Motiv bereits als Vorbote für den mit dem kommenden Leid verbundenen Hunger? Gänse, wie das frühere Zuhause, sind auch auf den Spielfeldern des Brettspiels abgebildet, das die Mutter für ihre Kinder im Lager nachgebaut hat. Die Gänse können als wichtige Brücke in die noch als geborgen und sicher erfahrene Kindheit gedeutet werden. Denn: »Am Ende [des Gänsespiels: KW] gelangte man zu unserem Haus am Ententeich, dann war man also wieder zu Hause. Unterwegs konnte einem aber alles Mögliche zustoßen«, heißt es im Text. Die Spielfelder wie »Brunnen«, »Gefängnis« oder »Tod« stehen dabei nicht nur für die Option eines dynamischen Spielflusses, sondern verweisen gleichzeitig auf die ständige Bedrohung, in der sich die Kinder und ihre Eltern befanden. An diese einschneidende Erfahrung anknüpfend, verbindet die Autorin mit ihrem Buch die Hoffnung, dass alle Menschen, die die Gewalt und das Leid von Krieg und Lager erlebt haben, die Möglichkeit finden, mit ihrem Erleben in den Dialog zu gehen. Eine Möglichkeit eröffnete die Mutter Wertheim ihren Kindern, indem sie sie aufforderte, alles zu zeichnen, was ihnen im Lager begegnete. Die Mutter war nämlich »als Historikerin der Meinung, jeder Mensch könne Geschichte schreiben«, hebt Anne-Ruth Wertheim in ihrem Vorwort hervor. Die Zeichnungen, die in dem Buch mit Schwarz-Weiß-Fotos aus den noch ungetrübten Zeiten des Familienalltags verknüpft werden, erzählen u.a. von der Vergabe der Brotrationen, die nie ein sättigendes Gefühl aufkommen ließen, oder dem Appell, bei dem sich die Gefangenen zweimal täglich vor ihren Peinigern aufstellen und verbeugen mussten. »›Kiotsuke! Keirei! Nore! Yasume! Wakare!‹ Hinstellen, Beugen, Aufrichten, Stehen, Auflösen!«, kommentiert Anne-Ruth Wertheim ihre Kinderzeichnung.
»Mit unserer Verbeugung sollten wir den Japanern gegenüber Ehre bezeugen. Das muss man sich mal vorstellen, Ehre für diejenigen, die uns gefangen hielten und hungern ließen. Trotzdem verbeugten wir uns, jeden Tag aufs Neue«, berichtet sie weiter von den nie endenden Demütigungen, die ihren Höhepunkt im „jüdischen Lager“ fanden. Neben der am eigenen Leib erfahrenen Herabsetzung, reflektiert die Autorin am Beispiel der Begegnung mit Juden aus dem Irak auch, wie sie selbst diskriminierte. „…wir spielten nie mit ihnen. Wir tratschten über sie und fanden, sie hätten merkwürdige Gewohnheiten und würden stehlen. Wenn irgendwer etwas vermisste, wurden sofort sie verdächtigt.“ Wird durch die eindrückliche Collage von Zeitdokumenten und Erzählung auf überzeugende Weise deutlich, wie das autobiografische Buch die Autorin unterstützt, das Erlebte zu verarbeiten, kann es für ALLE, die das Buch in die Hand nehmen, zum Sinnbild eines Perspektivwechsels werden. Denn dieser ist grundlegend, sich gegen rassistisch motivierte Gewalt zu wenden und sich für ein respektvolles Miteinander einzusetzen. Hat doch jeder Mensch, so Anne-Ruth Wertheim am Schluss ihres Nachworts „eine aus Vielem kombinierte Identität.“

Anne-Ruth Wertheim
Das Gänsespiel

Meine Kinderjahre im Internierungslager auf Java
Aus dem Niederländischen von Ingrid Ostermann
Baobab 2023
52 Seiten, gebunden,
17 x 25 cm
ISBN: 978-3-907277-16-4
€ (D) €: 22 / (A): 22,70 / ca. CHF: 23,80

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Anregungen zur erweiterten ästhetischen Rezeption

Das Gänsespiel erinnert an den verlorenen Alltag und gibt der Familie Wertheim im Internierungslager Halt. Im Rahmen der Rezeption kann das Spiel im Sinne eines begehbaren Spielfeldes Perspektivwechsel initiieren und unterstützen, uns in die Situation Anne-Ruth Wertheims und ihrer Familie einzufühlen. Daher schlage ich vor, das Bild des Gänsespiels auf eine große Papierbahn zu drucken und damit begehbar zu machen. Die Kinder werden eingeladen, das Würfelspiel zu betreten und zu spielen und dadurch in das Buch einzutauchen. Die Kinder werden zu Spielfiguren, die das Vorlesen und Betrachten des Buches rhythmisieren. Das Großformat ermöglicht den Kindern darüber hinaus, sich intensiv mit den einzelnen Bildern der Spielfelder auseinanderzusetzen, sie zu studieren und auf diese Weise die Bedrohung nachzuempfinden. Darüber hinaus fungieren die einzelnen Bilder der Spielfelder auch als Impulse und können gemeinsame Gespräche initiieren. Das besondere Zusammenspiel der Fotos wie Kinderzeichnungen als Zeitdokumente kann in Form von Kopien in der Bilderbuchwerkstatt als Bildergalerie inszeniert und auf diese Weise erfahrbar werden. Das Buch wird also im Rahmen der Anregungen zur erweiterten ästhetischen Rezeption in einen Bilderraum transformiert, in dem sich die Kinder nicht nur wahrnehmend bewegen, sondern aufgefordert werden, Position zu beziehen.

Auf welchem Spielfeld befindest du dich? Magst du das Bild beschreiben? Was mag dieses Bild für Anne-Ruth und ihre Geschwister bedeuten?
Schaue dich um im Raum. Du kannst Fotografien aus vergangenen Zeiten und Kinderzeichnungen entdecken. Welche berühren dich besonders? Warum?
Hast du selbst Situationen erlebt, in denen dir Gewalt widerfahren ist, in denen du dich ungerecht behandelt gefühlt hast?