MENU

Bilderbuch-Alphabete

Die ABCs zwischen Buchstabe, Wort und Bild

Text: Kirsten Winderlich

Wir kennen sie alle, die Fibeln des ersten Schuljahrs, Heiligtümer für die ABC-Schützen. Viele von uns erinnern sich bestimmt gut an den Moment, als wir dieses erste Buch ehrfürchtig entgegennahmen. Doch die Enttäuschung ließ nicht lange auf sich warten. Da gab es immer Kinder, die schon vor dem Schuleintritt lesen konnten und sich bald langweilten, erzählte dieses Buch ihnen doch keine neuen Geschichten. Und dann gab es all die anderen, die noch nicht lesen konnten und sich ebenfalls langweilten, weil die streng abstrakte Ordnung der Fibel, ihre eindimensionalen und reduzierten Inhalte den Zugang zum ABC erschwerten. Umso erfreulicher, dass es mittlerweile Bücher gibt, die zwar nicht mehr Fibel heißen, aber neben der Annäherung an die Buchstabenwelt etwas ganz Anderes ermöglichen: Neugier und Lust auf Sprache — bis zur letzten Seite.

Es war einmal von A bis Zett
Da wäre als erstes Beispiel das Buch von Renate Habinger und Linda Wolfsgruber, in dem Märchenmotive zum Alphabet führen. Jedem Buchstaben ist eine Doppelseite gewidmet. Vor beigegrauem Hintergrund entdecken wir überwiegend schwarz-weiß Gezeichnetes. Die Regel könnte gewesen sein: Was fällt mir ein, wenn ich mir das A vorstelle und dabei an Märchen denke? Vor dem inneren Auge der Künstlerinnen könnte der vergiftete Apfel Schneewittchens oder das arme Aschenputtel erschienen sein. Dann legten sie los, gestalteten die Doppelseiten vierhändig und kamen auf immer neuen Ideen rund um den jeweiligen Buchstaben.
Natürlich blieb es nicht bei der bekannten Darstellung Aschenputtels, das in der Küche die Erbsen verliest. Aschenputtel erscheint als schwarz getupftes Kleid, das seine Wandlung auf der Symbolebene vollzieht. Zu lesen ist der Name, in sorgfältig ausgelegten Erbsen. Im Kleid fällt ein Apfel anstelle des Herzens auf, der an das Märchen von Schneewittchen erinnert. Selbstverständlich wird auf Schneewittchen auch auf den Seiten des Buchstabens S verwiesen, wenngleich nur in einer Zeile am rechten unteren Bildrand. Ein Bilderworträtsel, also ein dreiteiliger Satz aus einem Symbol, einem Wort und einem dem Wort zugeordneten Bild, das — abstrahiert — wieder ein Symbol darstellt. Wir stoßen auf ein kleines weißes Feld, eingefügt der erste Buchstabe des Wortes Sarg. Jetzt sind wir sicher: Das Weiß mit dem integrierten Buchstaben S steht für Schnee. Dass es um Schneewittchen geht, wird klar, wenn wir lesend mit dem Buchstaben S beginnen: Sarg. Wer nicht lesen kann oder das Bild neben dem Wort zuerst erschließt, weiß das ganz sicher.
An dieser Stelle wird eine weitere Assoziation zum Märchen von den sieben Zwergen hinter den sieben Bergen wachgerufen. Sieben Berge? Selbstverständlich stecken noch andere Märchen dahinter. Beim näheren Hinsehen kann man in der weißen, spitzbergförmigen Fläche die Worte »ins Schlaraffenland« entziffern. Was war das für ein Märchen?
Da taucht wie aus einem schwarzen Loch plötzlich eine dünne, ausgemergelte nackte Figur auf. Der Suppenkasper? Nein, es ist kein schwarzes Loch, der Suppenkasper ziert den Löffel, der in dem Märchen eine wichtige Rolle spielt. Und die Schürze des Mädchens, das die Sterntaler auffängt, auf der rechten Bildseite zu sehen, könnte auch eine Terrine sein, die dem Suppenkasper bedrohlich nahe kommt. So geht es Seite für Seite. Vielschichtige Bild-Maps rund um einen Buchstaben entfalten sich, berühren und inszenieren auf unerwartete Weise bekannte Märchenstoffe.

Das Z zerplatzt
Auch in Chris van Allsburgs ABC ist für jeden einzelnen Buchstaben des ABCs ein dramatischer Auftritt vorgesehen, der den Betrachter durch ein guckkas-tenähnliches Arrangement in Schwarz-Weiß auf Abstand hält und ihn über Buchstaben als lebendige Wesen nachsinnen lässt.
Da wäre das A, auf das ein Steinschlag hagelt. Auf der folgenden Seite heißt es »Aufs A ein Anschlag — so fängt’s an«. Rechts daneben ist das B dran, stark lädiert, fast zur Hälfte von einer Hundeschnauze weggebissen. »Der Biss ins B — wer hat’s getan?«
wird auf der nächsten Seite gefragt, während das C, umhüllt von Spänen, die Bühne betritt. Dass das C in Moll singt, erfahren wir erst auf der nächsten Seite, die uns bereits das D in einem Aquarium zeigt.
Die einzelnen Buchstaben bekommen jeden Auftritt mit, beziehen sich auf ihre Vor- und Nachgänger — sei es durch Kommentare oder durch Transformation. Die Buchstaben werden gebissen, gehobelt, ertränkt, verdampft, zertreten, verhüllt, geklaut, geschmolzen, von Krähen bepickt, zerschnitten, begossen, entwurzelt, aufgeweicht oder von der Bühne gezogen. Als das Z vom Blitz getroffen zerplatzt, fragt man sich er staunt, was man mit Buchstaben alles machen kann.
Die Buchstaben von van Allsburg —begleitet von Ebi Neumanns Versen —sind keine abstrakten Zeichen, sondern tatsächlich Figuren, denen etwas geschieht, die sich verwandeln und dabei zeigen, was wir mit ihnen anstellen
können, in der Fantasie, auf der Bühne des Lebens und auf dem Papier.

Karl Philipp Moritz’ Neues ABC-Buch
Dass es beim Schriftspracherwerb um uns Menschen geht, um unsere Möglichkeiten des selbstständigen Denkens, des Austauschs und der Weltaneignung, bewies Karl Philipp Moritz in seinem Neuen ABC-Buch bereits im Jahre 1790. In dem 2003 im Kunstmann Verlag erschienen Neudruck belegt Wolf Erlbruch durch seine Bilder den umfassenden und zeitunabhängigen Sinn des Lernens. Gleichzeitig öffnet er eine Tür zum Verständnis für aktuelle Bildungsanforderungen. Dabei hilft das emblematische Prinzip der unmittelbaren Verknüpfung von Thema, Bild und Erläuterung in rhythmischer Prosa, das Moritz in seinem Ursprungswerk erfand, Bildung von Kindern als Prozess zu denken, da insbesondere die Le(e)(h)r-räume zwischen Anregung und Impuls Zeit zum Nachdenken und Nachsinnen lassen.
Die Miniaturen von Moritz orientieren sich an der kindlichen Lebens- und Bildungswelt im 18. Jahrhundert. Zwischen Beobachterperspektive und Ich-Form oszillierend, beziehen sich die Themen in den ersten Miniaturen auf das konkrete Wahrnehmen und Erleben. Nachdem die fünf Sinne, das Nachdenken und der Körper »erklärt« worden sind, werden die Themen komplexer. Es geht um Mensch und Tier, um Gegensatzpaare wie Natur und Zivilisation. Auf besondere Weise regen die Miniaturen an, über Weltphänomene und existentielle Frage wie Ungleichheit und Vergänglichkeit nachzudenken, ausgehend von der eigenen Lebenswelt.
Für dieses eigensinnige Nachdenken liefert Wolf Erlbruch mit seinen Bildern eine Bühne. Mit Collagen aus Zeichnungen, Schattenrissen unterschiedlicher Papierqualitäten und Bildzitaten stellt er dem ABC von Moritz eine Rezeption zur Seite, die den Text immer auch hinterfragt. Im achten Bild ist zum Beispiel vom Körper die Rede, gleichzeitig wird das H vorgestellt. »An einem Baume hängen Äpfel. Ein Knabe springt an dem Baume in die Höhe. Der Knabe denkt: Die Äpfel möchte ich haben! Wenn ich die Äpfel haben will, muss ich springen. Wenn ich springen will, so muss ich die Füße in die Höhe heben. Wenn ich die Äpfel greifen will, so muss ich den Arm in die Höhe strecken. All das denkt der Knabe. Des Knaben Hand und Fuß kommen in die Höhe. Sein ganzer Körper hebt sich in die Höhe…«
Wolf Erlbruch illustriert die Zusammenhänge von Denken, Bewegen und Handeln mit einer Hampelmannfigur, deren Glieder, losgelöst voneinander, im Raum mit Strichellinien verbunden sind. Beim Betrachten des Bildes entsteht die Frage, ob wir unser Handeln tatsächlich immer von unserem Denken und Wollen abhängig machen können. Bekanntlich wird der Hampelmann ja gesteuert, bewegt sich also nicht von sich aus und verfügt nur über ein eingeschränktes Bewegungsrepertoire.
Ähnlich im dreizehnten Bild, in dem über »die rohe Natur« erzählt und das N über »den Nackten« eingeführt wird. Moritz erklärt, dass der Mensch, um sich vor Frost und der Natur zu schützen, in einer Wohnung mit anderen Menschen zusammenlebt. In Erlbruchs Illustration steht der nackte Mensch frierend in unwirtlicher Natur und in der Nähe eines bedrohlichen Bären. Auf der gegenüberliegenden Seite ist ein hermetisch und unbelebt wirkender Wohnblock dargestellt. Ob dieses Zuhause eine überzeugende Alternative ist?
Das 0 ist in eine Miniatur zum gebildeten Menschen gebettet, der eine warme und trockene Wohnung besitzt. Auf der Bildseite sehen wir einen teilnahmslosen Mann mit Hut, Mantel und Zigarette am Fenster sitzen. Sein Blick scheint weder die sinkende »Titanic« noch die um Hilfe rufenden und ertrinkenden Mitmenschen wahrzunehmen.
Die Bilder stimmen nachdenklich und geben dem eigenen Denken Impulse. Sie rufen Fragen hervor, erschüttern das von Moritz vermittelte Wissen, stellen sein Neues ABC buchstäblich auf den Kopf und appellieren, der eigenen Wahrnehmung zu vertrauen sich ans Nachdenken zu wagen.

Bilderbücher:
Habinger, R./Wolfsgruber, L.: Es war einmal von A bis Zett. Verlag publication PN°1 Bibliothek der Provinz, A-Weitra 2000
van Allsburg, Chr.: Das Z zerplatzt. Carlsen Verlag, Hamburg 2005
Moritz, K. Ph./Erlbruch, W.: Karl Philipp Moritz’ Neues ABC Buch. Verlag Antje Kunstmann, München 2003